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Johannes Willms: Stendhal

17.05.2010

Kinds- & Penidenkopf

Der Biograf, der sich vornimmt, das Leben eines herausragenden Romanciers erzählend darzustellen, steht natürlich in Konkurrenz zur überlegenen Kunst des von ihm zu Porträtierenden. Er hat Glück, wenn er – als Verlierer von Beginn an – sich dennoch gut aus der Affäre zieht. Johannes Willms hat in dieser Hinsicht eine lesenswerte Stendhal-Biografie geschrieben, findet WOLFRAM SCHÜTTE.

 

Die Konkurrenz ist umso prekärer, je mehr der Porträtierte schon selbst Hand an sein Selbstporträt gelegt hat. Liegt eine publizierte Autobiografie vor, besteht aber meist die subversive Möglichkeit, mit der besserwisserischen Scheidekunst des Nachlebenden die Schönfärbereien des Autobiografen nach Strich & Faden, sprich nach Dichtung & nach Wahrheit zu sortieren.

 

Wenn aber – wie im Falle von Stendhal – der Autor insgeheim & ohne öffentlichen Blick mit mitleidlosem Scharfsinn, Spott und Ironie sich selbst mit seinen Illusionen, Selbsttäuschungen und Idiotismen bloßgestellt hat (in den zwei fragmentarischen Introspektionen Das Leben des Henry Brulard & Memoiren eines Egoisten), bleibt dem Biografen nur übrig, ein wenig errötend diesen Spuren & Fingerzeigen zu folgen. Zusammen mit dem Rest (der bei Stendhal beträchtlich & beachtlich ist: Tagebücher, Korrespondenzen en masse) kann der Biograf das Leben seines Helden in Form des liebsten deutschen epischen Genres, nämlich als „Bildungsroman“ eines „Meisters“, der hier nicht Wilhelm, sondern Henry heißt, mit seinen Ups & Downs in aufsteigender Linie gemächlich vor den Lesern ausbreiten. Miterlebend erfahren diese dann, wie aus dem 1783 in Grenoble geborenen Marie-Henry Beyle der 1842 in Paris gestorbene Stendhal wurde.

 

Das hat der kulturelle Frankreich-Korrespondent der Süddeutschen Zeitung, Johannes Willms, nun mit Bravour für den Hanser Verlag getan. Dort hatten Elisabeth Edls vorzügliche, reich kommentierte und mit verschwenderischen Beigaben versehene Neuübersetzungen von Rot und Schwarz (zur TITEL-Rezension) & der Kartause von Parma (zur TITEL-Rezension) in den vergangenen Jahren dem großen Franzosen neue Leser gewonnen. Da müssten sich doch, meinte wohl der Verlag, auch Interessierte für das abenteuerlich-merkwürdige Leben Stendhals finden lasse – nicht nur, weil literarische Biografien ein angesehenes Hanser-Genre sind, sondern weil die 1982 bei Hanser publizierte Kritische Biographie Stendhals des amerikanischen Literaturwissenschaftlers Robert Alter mittlerweile vergriffen und auch so vergessen ist, dass sie Willms bei seinen Vorgängerschaften gar nicht mehr erwähnt hat.

 

Erfahrener Biograf Napoleons und Balzacs

Nach seiner viel gelobten Napoleon-Biografie und der vor drei Jahren bei Diogenes zu dessen monumentaler Balzac-Ausgabe als Lebensbild publizierten Balzac-Biografie (zur TITEL-Rezension) hat Johannes Willms den gleichen Dienst nun für den von Balzac hymnisch gefeierten Napoleon-Verehrer Stendhal getan – wobei es womöglich dem Hanser-Lektorat zu verdanken ist, dass gewisse stilistische Eigenarten einer altfränkischen Ironie, die an seinem „Balzac“ irritierten, hier weitgehend vermieden wurden.

 

Auch hat der deutschen Biograf erkennbar mehr Bewunderung und Sympathie für die lebenslange Erotomanie des Autors von Über die Liebe als für die „Literaturfabrik Balzac“, so dass selbst die Widmung, die Willms seiner Biografie vorangestellt hat – „A Evelyn in ogni momento“ – in ihrer kryptischen Italianità wohl auch noch an Stendhal gemahnen soll, der sich wünschte, als „Milanese“ erinnert zu werden.

 

In der früh verstorbenen, von dem mit sieben Jahren verwaisten Henry mehr als bloß zärtlich geliebten Mutter („Ich wollte meine Mutter mit Küssen überschütten, und es sollten keine Kleider zwischen uns sein.“) ist gewiss ein Fixpunkt des Weiblichen gegeben, dem der Mann bei seiner lebenslangen Suche nach dem (individuellen) „Glück“, das er vornehmlich bei den Frauen fand, treu geblieben ist. Die zweite, fast gleichbedeutende frühe Fixierung seines Eudämonismus geht auf das Jahr 1800 zurück, als der Siebzehnjährige im Tross Bonapartes zum ersten Mal nach Italien kommt (das Land Ariosts und Tassos) und Cimarosas Il matrimonio segreto hörte: „In Italien zu leben und dieser Musik zu lauschen wurde mir zur Grundlage aller meiner Überlegungen.“ Von da an „kristallisierte“ sich um Italien und die italienische Oper von Paisiello & Cimarosa bis Rossini Stendhals zweite lebenslange Liebe. Ich habe es nicht ausgerechnet, aber vielleicht hat er mehr als die Hälfte seines Lebens in Italien verbracht & den kostbarsten Objekten seiner erotischen Begierde dort nachgestellt. 

 

Obwohl er sein ganzes (berufliches) Leben & dessen Unterhalt als Dandy den familiären Beziehungen und persönlichen Protektionen verdankte, verhielt er sich als napoleonischer Beamter und später als französischer Konsul des von ihm verhassten Restaurationsregimes in Civitavecchia nie sonderlich dankbar oder gar „korrekt“. An die großen Pfründen kam er nicht, aber er hatte doch immer sein Auskommen, das ihm eine ökonomisch unabhängige Existenz als Vielreisender erlaubte. Denn mehr als die nur 5700 Francs, die er locker in einem Jahr ausgab, hat er – wie Willms berichtet – nicht mit seiner Schriftstellerei in 22 Jahren eingenommen. Und obwohl er sich schon früh für einen Künstler hielt, der sich nur nicht entscheiden konnte, ob er komponieren oder Komödien schreiben sollte (was er beides nicht konnte), dilettierte er lange Zeit nur als skrupellos kompilierender Essayist und Borderline-Journalist nach eigenem Gusto über Malerei, Musik und Literatur.

 

Erst als er, bereits 43-Jährig, aktuelle „faits divers“ zur inspirierenden Folie nehmend, um seinen Hass auf die Restaurationsgesellschaft seiner Zeit, in deren Salons er jedoch als brillanter Zyniker und als eloquent debattierendes „Schandmaul“ Ansehen genoss, mit zwei genialen, einzigartig kaltfeurigen, publizierten Romanen (& dem dritten unabgeschlossenen Lucien Leuwen) zum Epiker wurde, war er schließlich bei der Fülle seiner literarischen Möglichkeiten angelangt. Allerdings ahnte er aber auch – ebenso arrogant wie zutreffend –, dass außer der zeitgenössischen „Happy few“, der er die Bücher widmete, erst die Nachwelt ein Jahrhundert später zu schätzen wissen würde, was Stendhal uns seither bedeutet. Dabei erfuhr er nie, dass der greise Goethe schon zu den Bewunderern seines Rot und Schwarz gehört hatte, aber gerade noch rechtzeitig vor seinem Tod, dass der große Balzac seine Kartause von Parma mit einem hundertseitigen (!) Hymnus begrüßt & gefeiert hat.

 

Johannes Willms hat, wie in seinem Balzac, eine „Lebensbeschreibung“ vorgelegt im emphatischen Sinne – nicht wie sein Hanser-Vorgänger Robert Alter eine Monografie, die das Leben im Hinblick auf das Oeuvre orientiert. Eine prononcierte „Lebens“beschreibung bietet sich bei Stendhal auch deshalb problemloser an, weil er selbst sich auf Italienisch als summierende Grabinschrift wünschte: „er lebte, schrieb, liebte.“ Zwischen (Er-)Leben und Lieben – schrieb er. Stendhal war nicht ununterbrochen literarisch produktiv wie der Titan Balzac; und er war auch nicht, wie Flaubert, lebenslang auf der Jagd nach dem „mot juste“, sondern nach dem Glück, das wie nichts sonst seine Sensualität und Sensibilität bestimmte, die ihn oft überwältigten, wenn er der Schönheit, sei’s als Frau, sei’s als Gemälde, Landschaft oder Musik begegnete.

 

Immerwährendes Verlangen nach Glück in der Liebe

Aber das innerste Zentrum, die Quelle seines Selbstgenusses und seiner Sehnsucht war die Liebe, die oft bis zur sprachlosen Lähmung gehende erotische Bewunderung weiblicher Schönheit, zu deren „Eroberung“ der körperlich gedrungene, ja hässliche Dandy weitläufige & langwierige „Belagerungen“ vornahm; wie er sie seinem Helden Julien Sorel ironisch attestierte, der seine amourösen Siege ebenso nach Napoleonischen Feldzügen plante, wie Stendhal behauptete, seinen trockenen literarischen Stil der Kartause dem napoleonischen „Code Civil“ nachgebildet zu haben.

 

Stendhals Tagebücher, in denen der Libertin über seine „Bataillen“ und seine nächtlichen Leistungen penibel Buch führte (Robert Schumann hatte eine ähnliche Passion), dienen nun seinem Biografen Willms als Leporello für eine akribische Verfolgung der gelungenen und gescheiterten erotischen Belagerungen des Peniden Stendhal, der jedoch auch einmal bemerkte, dass er wohl für nichts sonst „meilenweite Fußmärsche und viele Tage im Gefängnis schmachten würde“, als um Mozarts Don Giovanni oder Cimarosas Heimliche Ehe hören zu können.

 

„Stilbildender“, kreativer, nachhaltiger aber als die Erfolge des Liebhabers waren seine vielen Misserfolge, so dass man durchaus mutmaßen darf, dass er mehr noch als den sexuellen Erfolg den Erwartungszustand des Verliebtseins, des illuminierten erotischen Schwärmens oder wie Jean Paul sagte, „das Lieben des Liebens“ schätzte, um zur sublimen Transzendenz des erotischen Enthusiasmus zu gelangen, der auch den Schriftsteller beflügelte.

 

Es ist die emphatische Liebe, das Begeistert- & Hingerissensein, mit dem Stendhal, immer neu verliebt, „for ever young“ bleibt – und offen für die Welt der Gefühle. (Dass er, schon dem physischen Verfall nahe, als eine seiner letzten, diesmal jedoch „unschuldige“ Lieben einer elfjährigen Eugènie galt, die – erwachsen – die Ehefrau Napoleons III. wurde, ist eine merkwürdige Pointe seiner Biografie.)

 

Aber Stendhal war das Gegenteil eines Romantikers: ein selbstanalytischer Rationalist & Atheist, unsentimental – nicht zuletzt, bemerkt Willms, „glänzte“ er ja schon beim Schulabschluss in Mathematik. Was er sich, als abkühlendes Regulativ seiner sich schnell am physisch Schönen erhitzenden Empfindung und Begeisterung anerzog, war von früh auf  Distanz und kühle Beobachtung, die er als „Desinvoltura“ oder als deren persönliche Verinnerlichung mit dem seinem Geburtsnamen nachgebildeten Neologismus des „Beylisme“ bezeichnete.

 

Stendhals ´Beylisme` und Ernst Jüngers `Desinvolture´

Stendhals briefliche Darstellung des Brands von Moskau, der Napoleons Untergang besiegelte, gilt dafür als Beispiel seiner Kaltblütigkeit: „Wir verließen die vom schönsten Feuer der Welt erleuchtete Stadt; das Feuer bildete eine ungeheure Pyramide, gleich den Gebeten der Gläubigen: die Grundfläche war auf der Erde und die Spitze im Himmel. Der Mond schien, glaube ich, über dem Feuer. Das war ein großartiges Schauspiel, aber man hätte allein sein müssen, um es anzusehen, oder umgeben von geistreichen Menschen. Das Traurige an dem Russlandfeldzug war, dass ich ihn mit Leuten machte, die das Kolosseum und das Meer von Neapel im Wert herabgesetzt hätten.“

 

Ernst Jünger, der auf die „Desinvolture“ seines militärischen Blicks stolz war, hat in den Strahlungen Stendhals Ästhetizismus des zerstörerischen Schauspiels ins Dekadent-Süßliche und Mythisch-Affirmative verschoben: „Beim zweiten mal, bei Sonnenuntergang, hielt ich ein Glas Burgunder, in dem Erdbeeren schwammen, in der Hand. Die Stadt mit ihren roten Kuppeln und Türmen lag in gewaltiger Schönheit, gleich einem Kelche, der zur tödlichen Befruchtung überflogen wird. Alles war Schauspiel, war reine, vom Schmerz bejahte und überhöhte Macht.“

 

So sehr er Religion und religiöse Heuchelei hasste und vom Geburtsadel als Republikaner nichts hielt, so sehr verachtete Stendhal Vulgarität: „Ich liebe das Volk, ich verabscheue seine Unterdrücker, aber es wäre mir eine ganz unerträgliche Qual, müsste ich unter dem Volk leben“, wie er es während des Russlandfeldzugs erlebte, wo er die Gegenwart „geistreicher Menschen“ (unter denen er brillieren konnte) so vermisste wie in Grenoble zuerst und dem „Drecknest“ Civitavecchia zuletzt, dem er so unerlaubt wie häufig nach Rom, Florenz oder Neapel entfloh, so dass es ihm sogar gelang, seinen herannahenden „ultimo momento“ (wie er vorausgeahnt hatte) in Paris zu erleben.

 

Im Grunde, imaginiert Johannes Willms seinen Helden, habe Henry Beyle auch noch als er sich Stendhal nannte, seine kindlich-jugendlichen Träume von einer phantastischen Parallelwelt ästhetischer & erotischer Erfüllung fortgesetzt. Noch sein dreiundzwanzigteiliger Wunschzettel mit dem Titel Die Privilegien, den er 1840 in Rom niederschrieb, „transzendiere die unzulängliche Wirklichkeit in eine vollkommene Traumwelt, in der das Ich mit dem Selbst verschmilzt“ (Willms). Der 57-Jährige stellt darin eine Präambel für ein Lebensglück auf, das einem 20-Jährigen wie seinem Fabrizio aus der Kartause gut angestanden hätte – und resümiert doch nur, was Stendhal teilweise erlebt, aber teilweise doch nur ersehnt hat – bis zu dem letzten Wunsch, der ihm erst hundert Jahre später hätte erfüllt werden können: „Zehnmal im Jahr an einen beliebigen Ort fahren zu können mit einer Geschwindigkeit von einhundert Meilen in der Stunde und während der ganzen Reise tief zu schlafen.“

 

Möglicherweise gehören zu dieser lebenslangen Juvenilität Stendhals nicht nur seine zahlreichen Pseudonyme, sondern mehr noch das elaborierte Versteckspiel aus Abkürzungen, fiktiven Namen und das aus englischen, italienischen und französischen Wörtern und Sätzen zusammengestoppelte Kauderwelsch seiner persönlichen Notizen, über deren Enträtselung die „Stendhaliens“ sich die Köpfe  zerbrechen. Über diesen „Tick“ seines Helden hat sich jedoch sein deutscher Biograf Johannes Willms keine Gedanken gemacht. Dafür hat er akribisch über jede Fundstelle seiner Zitate im Anhang, der auch ein Namensregister hat, Rechenschaft abgelegt, 793-fach (!) – oft allerdings ein wenig arrogant, nämlich unübersetzt, mit weiteren Hinweisen. Warum so unhöflich, Herr Willms? Aber der große Rest gefällt.

 

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