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Eliszabeth Hardwick: Hermann Melville

23.02.2004

 
Elizabeth Hardwicks Essays "Hermann Melville"

Leider hält das Buch Elizabeth Hardwicks nicht, was (mir) der Vorabdruck zu versprechen schien. Wer mit Biographie und Oeuvre Melvilles einigermaßen vertraut ist oder gar die zwei "Schreibhefte" gelesen hat, wird aus diese 212 Seiten nichts wesentlich Neues über den Autor und seine Werk erfahren.

 

In dem von ihr mitbegründeten, fast immer überaus lesenwerten "New York Review of Books" habe ich vor zwei Jahren einen Vorabdruck aus Elizabeth Hardwicks nun erstaunlicherweise bei Claasen auf deutsch erschienenem Essay über "Hermann Melville" gelesen. Sie beschäftigt sich in dem Vorabdruck mit einer erstaunlichen Episode in Melvilles Roman "Redburn", den sie für das autobiografisch "offenste" seiner Bücher hält, das der Autor (womöglich aus eben diesem Grund) später nicht sonderlich geschätzt hat.

Der junge Amerikaner Redburn, ein Matrose, trifft in Liverpool auf Harry Bolton, einen "nervösen, melodramatischen jungen Homosexuellen", schreibt die 1916 geborene Hardwick, und "Redburn, also Melville", fährt sie fort, bricht mit dem Freund zu einer Reise nach London auf - wobei es keinerlei Hinweis auf eine Melvilles nach London zum Zeitpunkt seiner Reise 1839 nach Liverpool gibt, die für Hardwick Grundlage für den Roman "Redburn" gewesen sein soll. In London klebt sich aber Harry einen falschen Backen- & Schnurrbart an - " nur aus Vorsicht, damit seine vertrauten Freunde in London ihn nicht erkennen", wie er dem verwunderten Redburn sagt.

Der junge, naive amerikanische Bursche hat jedoch noch mehr Anlass zu Verwunderung, weil ihn Harry in einen Klub führt und zeitweilig dort allein lässt, den Melville so detailliert beschreibt, dass die amerikanische Essayistin annimmt, der zwanzigjährige Amerikaner habe in Augenschein genommen, was wir heute einen "Schwulentreff" oder sie als "Männerbordell" im viktorianischen England identifizieren können. Das schwüle Etablissement mit Perserteppichen, Ottomanen und vor allem auch Illustrationen, "wie sie sich laut Martial und Sveton im Geheimkabinett des Kaisers Tiberius befanden" (Melville), beschreibt Redburn, der Ich-Erzähler des gleichnamigen Roman, mit Angst und Abscheu als einen verpesteten Ort, an den "irgendeine östliche Seuche eingeschleppt worden" sei. Ohne dass dort etwas geschehen wäre, verlassen später die zwei jungen Männer London und ohne dass Redburn seinem englischen Bekannten diese seltsame Exkursion übel genommen hätte, fahren beide zurück nach Amerika, wo sich ihre Wege trennen und Redburn später erfährt, dass Harry auf einem anderen Schiff angemustert hatte und über Bord in den Tod gegangen ist.

Diese in der Tat herausfallende Episode in "Redburn" war dem Autor schon von zeitgenössischen Rezensenten als erzählerischer Fremdkörper vorgehalten worden. Für Hardwick hat Melville jedoch damit eine einziges Mal (und unbedacht) einen unmittelbaren Einblick in seine sexuelle Disposition gewährt - alle anderen "Stellen" in seinen Büchern von der Quiqueg-Beziehung Ismaels in "Moby-Dick" bis zur engelhaften Schönheit des unschuldigen "Billy Budd", der das Begehren des Bösen namens Claggart erweckt, gehören zu den in der Melville-Literatur viel besprochenen Geheimnissen des vierfachen Vaters, der als Schriftsteller schon zu seinen Lebzeiten vergessen wurde und weitgehend verstummt war und erst in unserem Jahrhundert als das womöglich größte epische Genie der amerikanischen Literatur erst wieder entdeckt wurde.
Auch die homoerotischen Momente in seiner metaphernreichen, grandiosen Prosa wurden - wie bei seinem lyrischen Zeitgenossen Walt Whitman - erst nach Freud wahrgenommen, und Elizabeth Hardwick (wie Melvilles heutige Biographen) mutmaßen sogar, dass er sich seiner "wahren Natur" - wenn es denn so gewesen wäre - selbst wohl gar nicht bewusst gewesen sei - zumindest nicht in dem Maße, dass er eine "coming out" hätte bewusst unterdrücken müssen, wie es uns ja auch erst recht durch seine Tagebücher bei dem vielfachen Vater Thomas Mann als verdrängte erotische Tragödie seines privaten Lebens bewusst geworden ist.
Die "schwule" Komponente in Melvilles Oeuvre ist jedoch nur die spektakulärste Seite einer Vielzahl von Rätseln, die uns der Autor eines ebenso zerklüfteten und uneinheitlichen wie ästhetisch geheimnisvollem Werks, das speziell von amerikanischen Wissenschaftlern - und die von Susan Sontag hochgerühmte Hardwick gehört dazu - immer noch umstritten ist und in Gelungenes und Misslungenes geschieden wird, was angesichts solcher hybriden, monströsen erzählerischen Ausfahrten ins Unversicherbare wie "Mardi" oder "Pierre" (nachdem der Rang des gleichfalls ungewöhnlichen "Moby-Dick" wenigstens heute unbestritten ist) nicht verwundert. ("Mardi" ist erst vor ein paar Jahren erstmals ins Deutsche übersetzt und "Pierre" wird eben, nachdem eine Übersetzung aus den Fünfziger Jahren lange vergriffen war, von Hanser in einer neuen Übertragung wieder vorgestellt).

Leider hält aber das Buch Elizabeth Hardwicks nicht, was (mir) der Vorabdruck zu versprechen schien. Wer mit Biographie und Oeuvre Melvilles einigermaßen vertraut ist oder gar die zwei "Schreibhefte" gelesen hat, wird aus diese 212 Seiten nichts wesentlich Neues über den Autor und seine Werk erfahren - außer verwickelten familiären Biographismen, aus denen hervorgeht, dass weder Melville noch seine Frau und Kinder ohne finanzielle verwandtschaftliche Unterstützung in Armut untergegangen wären. Hardwick errichtet dabei manchem Verwandten und Melvilles Frau zurecht Denkmäler, aber dem Erratischen der literarischen Existenz dieses großen, verschwiegenen Einsamen der amerikanischen Literatur, der ohne den Zuspruch auch nur eines Sympathisanten in verzweifelter Einsamkeit und gehetzter Schreiblust auskommen musste, kommt sie außer bewundernd nicht nahe. Man erfährt aber z.B., dass Melville wegen seiner (bislang unübersetzten) späten Gedichte über den amerikanischen Bürgerkrieg zusätzlich in Misskredit kam. Er war zwar auf Seiten des Nordens - wie auch anders bei einem Mann, der seine Leser mit radikaler Kritik an Sklaverei, Imperialismus, christlicher Missionstätigkeit und der Prügelstrafe aufschreckte? -, aber er besaß auch Mitgefühl für beide Parteien, besonders aber Trauer für die hingemordeten Soldaten. "Indem er den Krieg als historische Tragödie beschrieb, trotzte Melville den gängigen Ansichten und tat einen weiteren Schritt in die allgemeine Vergessenheit", zitiert Hardwick einen heutigen Historiker.
Ohne der 84 (!) jährigen Essayistin zu nahe treten zu wollen, erscheint ihr Buch denn doch unter der Bürde der Autorin zu ächzen. Auf vielfach verschlungenen Wegen verzwirbelt sie biographische Fakten - vor allem Melvilles Reisen - mit literarischen Emanationen, so dass der Essay voller Wiederholungen und Redundanzen ist; und wo dieser scheinbar faktische biographische Grund fehlt, erlahmt auch Hardwicks Interesse, so dass eben neben "Moby-Dick" und "Taipi" vor allem "Redburn" und ein wenig noch "Billy Budd" näher betrachtet werden, der Rest aber weitgehend unbelichtet bleibt oder als ungenießbar (wie das Unikum "Pierre" oder das Mixtum Compositum "Mardi") beiseite gestellt wird. Dass sogar "Bartleby" keine Beachtung findet, ist vollends unverständlich.

Zu den kompositorischen Schwächen, die einem den Eindruck vermitteln, die Autorin liebe es, in Kraut & Rüben zu wühlen, kommt noch ein gewisser altfränkischer Stil und ein (wenngleich aus bewundernder Liebe für Melville verständlicher) Superlativismus, der weniger erwünschte Ein- als bekannte Ansichten vermittelt. Schwer zu sagen, ob die Übersetzung Bernhard Robbens das Dickicht der Hardwickschen Prosamanierismen abbildet oder zum Eindruck eines wildwuchernden Verhaus noch beigetragen hat. Aber wo sich Elizabth Hardwick en détail literarischen Momenten in Melvilles Werk widmet, stimmt man ihr gerne bei. Melville ist selbst der Weiße Wal: ein Rätsel, das aus den Tiefen des amerikanischen 19. Jahrhunderst wunderbarer Weise aufgetaucht ist.


Wolfram Schütte

 


Eliszabeth Hardwick: Hermann Melville.
Aus dem Englischen von Bernhard Robben
Claassen-Verlag 2002
Broschiert. 212 Seiten. 12 Euro.
ISBN 3546002466

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