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Jean Giraudoux: Doppelmemoiren

19.01.2009

Momentaufnahmen der Erinnerung

Der Übersetzer und Essayist Joachim Kalka und der ihm befreundete Übersetzer und Verleger Heinrich von Berenberg sind darauf spezialisiert, abseits des literarischen Mainstreams erfolgreich fischen zu gehen oder im internationalen Fundus der abgelegten Literatur glückhaft fündig zu werden. So hat der kleine Berenberg-Verlag schon manche Entdeckung gemacht, die man nicht mehr missen möchte, nachdem er sie erstmals oder wieder vorgelegt hat. Jetzt überraschen Kalka und Berenberg mit den Doppelmemoiren von Jean Giraudoux. Von WOLFRAM SCHÜTTE

 

Der 1882 in der französischen Provinz geborene und 1944 im besetzten Frankreich gestorbene Jean Giraudoux gehörte, vor allem als „Klassiker des modernen Theaters“ zwischen den beiden Weltkriegen, auch im Nachkriegsdeutschland noch zu den meistgespielten Autoren. Seine Tragikomödien „Amphitryon 38“, „Der Trojanische Krieg findet nicht statt“ oder die postum erst 1945 aufgeführte „Irre von Chaillot“ leben vielleicht gerade noch mit ihren Titeln in der Erinnerung Älterer fort. Giraudoux aber, schreibt Kalka in seinem Vorwort, sei ein „heute respektvoll vergessener Schriftsteller“.

Umso verwunderlicher, dass Kalka nun das Fragment gebliebene, erst 1975 publizierte „Souvenir de deux existences“ aus den letzten, bitteren Lebensjahren Giraudouxs erstmals ins Deutsche übertragen und unter dem Titel Doppelmemoiren herausgegeben hat. Lesend aber bemerkt man, dass Kalkas Fischen im Vergessenen so verwunderlich gar nicht ist: Weil er ein wunderliches kleines Buch an Land gezogen hat, das durch seine Originalität, seine Diskretion und seinen Charme poetisch zu bestechen versteht, wie die schwebend-melancholische „Pavane für eine verstorbene Infantin“ von Maurice Ravel, Giraudouxs musikalischem Zeitgenossen.

Der hochbegabte und im ersten Weltkrieg hochdekorierte Sohn eines Provinzbeamten war wie mancher andere französische Autor zugleich ein weitgereister Diplomat, der gewissermaßen lebenslang „auf zwei Hochzeiten“ tanzte. Als er sich aber seiner „Erinnerung an zwei Existenzen“ widmete, dürfte der passionierte Kenner der deutschen Literatur an die humoristische Exzentrik des von ihm verehrten Jean Paul gedacht haben – vor allem an dessen Polarität von ländlicher Idylle und „Großer Welt“.

Jean Giraudouxs erinnerte biografische Momentaufnahmen entspringen der doppelten Buchführung seines Lebens zwischen Provinz & mondialer Diplomatie. Alternativ wechseln seine poetischen Memorabilien zwischen frühester Kindheit und mondänem Mannesalter – beginnend mit dem Juni 1888, als er sechs Jahre alt ist und „alle ermüdet mit der fortwährenden Frage, wie lang eine Raupe Raupe bleibt, ehe sie Schmetterling wird“, und dem Januar 1924, als er vergeblich versucht, dem vorgesetzten Minister am Quai d’Orsay kostspielige Umzugspläne auszureden. Danach bewegt sich seine doppelte Sammlung von persönlichen Miniaturen, Anekdoten, Träumen & Epiphanien, die den schrägen, sowohl sentimentalen als auch satirischen Blick favorisieren, chronologisch fort – bis 1942, als Giraudoux im Hotel du Beaujolais sich mit dem täglichen Weinen eines kleines Kindes während seines morgendlichen Schreibens in eins setzt und sein letztes Denkbild mit einem bewegenden, verzeihlich-pathetischen Sentiment beschließt: „Ein kleines Geschluchz, ein leises Tränengezwitscher, genau das ist es, was man von den erwachsenen Menschen hören soll, an der Schwelle zur Ewigkeit.“

Wie der italienische Schriftsteller Giorgio Manganelli Irrläufe. 100 Romane in Pillenform kondensierte, so hat der französische Autor und Diplomat sein bewegtes & erfülltes Leben auf wenige leuchtende oder kuriose, aber intime Augenblicke zusammenschnurren lassen: z.B. auf einen komischer Aufbruch des Neuneinhalbjährigen in die Welt, der auf einem Kirschbaum endet; oder auf einen journalistischen Besucher des Ministeriums, der sich als Rainer Maria Rilke entpuppt. In einem anderen Lebensaugenblick bekam er den grotesken Befehl, einen deutschen Spion in einem Backofen beim Träumen zu überführen. Oder einen kleinen heroischen Moment erlebt er, als er trotz der von den deutschen Besatzern verhängten Ausgangssperre im menschenleeren Paris einen Hund ausführt – damit „ein kleines, sanftes und hochherziges Tier sein Bein heben kann“. Nur einmal berühren sich Provinz und Große Welt: Bei den mit Strawinsky, Diaghilev oder der Pawlowa besetzten Diners eines reichen Pariser Sammlers wird Giraudoux immer ein wenig von der Haushälterin bevorzugt, weil er in ihrer Heimat gelebt hatte, während die Berühmtheiten „aus entfernteren Dörfern kamen“.

Der große Rest aber seines erlebnisreichen Doppel-Lebens ist für Jean Giraudoux: nichtswürdig – im poetischen Rückblick auf den frühen Schmerz (einer tragischen Schulfreundschaft) oder auf das späte Glück, mit der schönsten Frau der Welt in Paris spazieren gegangen zu sein.

 

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