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    Sonntag, 20. August 2017 | 19:05

    Franziska Augstein: Von Treue und Verrat

    03.11.2008

    Freundschaftliche Belagerung & Unterminierung

    Jorge Semprún, politischer Aktivist, Buchenwald-Häftling und spanischer Kulturminister, ist einer der großen europäischen Schriftsteller. Er legt mit seinem Œuvre (u.a. Die große Reise, Was für ein schöner Sonntag!, Leben und Schreiben) auch Zeugnis ab vom gefährlichen Leben im „Zeitalter der Extreme“. Franziska Augstein hat ihm eine Porträtstudie gewidmet, die den Mann in seinem Jahrhundert beschreibt. Von WOLFRAM SCHÜTTE

     

    Franziska Augstein, Redakteurin der „Süddeutschen Zeitung“ und promovierte Historikerin, hat ein sehr persönliches und zugleich zeithistorisches Porträt über den spanischen Schriftsteller Jorge Semprún und sein Jahrhundert unter dem Titel Von Treue und Verrat geschrieben. Der Autor von u.v.a. Was für ein schöner Sonntag! oder Schreiben und Leben hat ein abenteuerliches Leben geführt. Er war aktiv in der französischen Résistance und (von der Gestapo gefoltert) in Buchenwald, danach sowohl im ZK der spanischen Exil-KP, als auch jahrelang als gesuchter Geheimagent in Francos Spanien konspirativ tätig; und nach dem Ende des Franquismus war er zeitweilig spanischer Kulturminister der sozialistischen Regierung. Jorge Semprún hat die Tochter Rudolf Augsteins wohl auch deshalb fasziniert, weil der 1923 als Sohn einer großbürgerlichen, seit 1936 im französischen Exil lebenden pro-republikanischen katholischen Familie geborene Schriftsteller dem gleichen Jahrgang wie ihr Vater angehört. Und ihr Großvater mütterlicherseits war als Angehöriger der „Legion Condor“ auf dem Weg nach Spanien, als er sich bei einem Verkehrsunfall Verbrennungen zuzog, die ihn an einem Piloten-Einsatz der Hitlerschen Luftwaffe gegen die Spanische Republik hinderten.

    Es sind genug persönliche Gründe und Koinzidenzen, um eine jahrelange Beschäftigung, viele Tonbandgespräche mit Jorge Semprún und seinen Familienmitgliedern und Freunden, zu motivieren. Daraus entstand eine Freundschaft und Vertrautheit zwischen dem über Achtzigjährigen und seiner halb so jungen deutschen Porträtistin.

    Nicht zuletzt kam auf deren Seite das bewundernde Interesse an einen europäischen Intellektuellen von Rang hinzu, dessen linke Biografie für sein Zeitalter ebenso symptomatisch wie exzentrisch war – auch durch deren Transzendenz in die Literatur und den Film, weil Semprún für Alain Resnais und Costa-Gavras ein Reihe von Drehbüchern verfasst hat, welche die Passion von linken europäischen Intellektuellen im „Zeitalter der Extreme“ thematisierten (u.a. „La Guerre est fini“ und „Das Geständnis“).

    Eine versierte Historikerin und ironische Frau

    Das Interessante, Sympathische und Erhellende an Franziska Augsteins Semprún-Porträt im Gegenlicht der Zeitläufe, die sie nicht nur durch ihre familiären Blickkontakte, sondern auch durch biographische Momentaufnahmen u.a. von Egon Bahr, Ralph Giordano oder Wolfgang Leonhard als „deutsche Vorspänne“ ihren Recherchen zu Jorge Semprúns Lebensstationen konterkarierend oder interpretierend beigefügt hat, ist die Souveränität, mit der sie sowohl als Befreundete, wie auch als selbstbewusste, ironische Frau und als kritische Historikerin zu Jorge Semprún, seinen Eigenarten & seinem politischen Lebensweg Distanz hält, ohne ihn besserwisserisch zu zensieren. Sie hat Antworten auf ihre sich selbst gestellten Fragen gesucht: „Wer ist dieser Mann? Wie vermochte er in jeder Lebenslage zu bestehen?“

    Als viertes von sieben (!) Kindern geboren, habe ihm die Mutter eine politische oder eine literarische Karriere vorausgesagt, was beides zutraf. Die Mutter aus adligem Haus ist jedoch früh gestorben. Der damals achtjährige Jorge und seine zwei (älteren) Schwestern und vier Brüder, die von ihrer Mutter und Hauslehrern streng erzogen worden waren – wobei die Söhne von früh auf Deutsch lernten, um nach des Vaters Wunsch „philosophisch denken“ zu können –, kamen danach unter die Fuchtel der schweizerischen Gouvernante der Familie, die der offenbar weltfremde und schwache Vater heiratete und ihr „die uneingeschränkte Gewalt über die Kinder übertrug“. Sie sei den Kindern nicht nur wie die böse Stiefmutter aus den Grimmschen Märchen vorgekommen, sondern auch „wie ein Feldwebel in Röcken, der die Drangsalierung seiner Truppe zur Befriedigung abartiger Lüste nutzt“, wie Franziska Augstein schreibt.

    Jorge – anders als seine beiden jüngsten Brüder – konnte in den Niederlanden und Paris aufs Gymnasium gehen und studieren und vor allem seinen früh geweckten philosophischen Interessen nachgehen – die wohl für seine politische Biografie nachhaltiger waren als erste literarische Erfahrungen für seine spätere Schriftsteller-Karriere. Der junge Student, der sich 1942 in Paris der spanischen KP anschloss, wurde sowohl von Gides Paludes, als auch von Leiris’ Mannesalter und Malrauxs Die Hoffnung tief geprägt und Giraudouxs Französisch nahm er sich zum Vorbild, um hinter dessen Adaption die eigene spanische Herkunft beim Französisch-Sprechen verschwinden zu lassen. Es war die erste seiner vielen Camouflagen des hauptsächlich Französisch schreibenden Autors.

    In Gides Erzählung von 1895 (!) habe ihn ausschließlich die „Quintessenz der Möglichkeiten und der Grenzen der französischen Sprache interessiert“ (Semprún), an Leiris’ autobiografischem Mannesalter sei es die „prägnante, souveräne Aufrichtigkeit, mit der dieser sein Empfinden rekonstruierte“ und das eigene Leben in Literatur verwandelte (Augstein).

    „Geschichte und Klassenbewusstsein“ als Leitfaden

    Aber die Porträtistin weiß zugleich, dass Semprún nie die radikale, obszöne, körperliche Selbstentblößung & Introspektion, die Leiris in seinen autobiografischen Büchern exponierte, auf sich selbst und seine Literatur bezog; und an Gides „präpotentem Geck“, der verkündet, Paludes zu schreiben, um damit „zur Elite der Eingeweihten zu gehören“, weist sie zumindest diskret auf die möglichen „literarischen Potenzphantasien“ und die „einsam-unausgesprochenen Sehnsüchte des Pubertierenden“ hin, die in Paludes thematisiert werden, wenngleich sie kurz darauf behauptet, man dürfe das „Raffinement des literarischen Geschmacks, den Semprún schon als Jugendlicher besaß, nicht unterschätzen: Er konnte Bücher bewundern, ohne sich mit den darin auftretenden Personen zu identifizieren“.
    Das trifft aber gewiss nicht auf André Malrauxs heroischen Roman aus dem Spanischen Bürgerkrieg zu. In dessen Hoffnung (L´espoir) bot sich dem jungen Spanier, der zu jung für den Kampf in der verlorenen Heimat gewesen war, eine nachholende Identifikation im antifaschistischen Kampf der Résistance an. „In der Résistance wurde ich zu einer Figur Malrauxs“, hat er später bestätigt.

    Es gab also schon früh einen Austausch von Literatur und Leben, Denken und Handeln in Jorge Semprúns Biografie, wobei Georg Lukács’ (in Semprúns Geburtsjahr 1923 erschienene) große Reflexion Geschichte und Klassenbewusstsein – die auf viele europäische Intellektuelle elektrisierend gewirkt hat – dem jungen spanischen Antifaschisten, der Hegel & Marx studiert hatte, „half, die Theorie mit der politischen Wirklichkeit zu verknüpfen“ (Augstein).

    Denn das tiefsinnig-gedankenreiche Buch des aus dem ungarischen Großbürgertum entlaufenen genialen Philosophen verknüpfte im Sinne der bolschewistischen Weltrevolution Marx’ Analytik mit der leninistischen Dynamik der Partei, die als Avantgarde des Proletariats dessen autonomer Kopf war und die Revolution beförderte, zu der das Proletariat allein nicht fähig war. Es war die Philosophie, also das Denken, das die Tat begründete und die Weltrevolution rechtfertigte, nicht (allein) die Moral oder die (bürgerliche) Sentimentalität.
    Die Faszination dieser Revolutionsphantasie für Intellektuelle, vor allem im Angesicht des virulenten Faschismus und des politischen Versagens der liberalen bürgerlichen Demokratien, ist einleuchtend: sie wies den großbürgerlichen „Klassenverrätern“ zudem einen hervorragenden politisch-ideologisch begründeten Platz an der vordersten Front des Weltprozesses an. Und sie „erlöste“ sie zugleich aus der Isolation der subjektiv begründeten Dissidenz & vom Schicksal ihrer Herkunft, die sie im dreifachen Hegelschen Sinne „aufhob“, indem sie den kommunistischen Intellektuellen aus dem Bürgertum zum mitbestimmenden Genossen an der Seite des Proletariats, bzw. in dessen Gralsversammlung der Partei erhob. Und deren literarische Apotheose war André Malrauxs Spanienroman Die Hoffnung – gewissermaßen die Ethik der Partei und der Genossen im aktiven Kampf.

    Die Sinnstiftung tätigen politischen Lebens

    Der junge spanische Antifaschist in der Résistance besaß damit eine aktivierende und zugleich umfassende existenzielle Sinnstiftung seines tätigen Lebens, die ihn bis zu seinen klandestinen Aktivitäten in Franco-Spanien begleiten würde – eine geistig-politische Grundlage, die sich der unglückliche deutsche Emigrant Peter Weiss voller Zweifel und Ängste erst spät und mit dem Wissen des Scheiterns der weltrevolutionären Utopie in seiner dreibändigen Ästhetik des Widerstands als historische Wunschbiografie imaginierte. (Ob Peter Weiss Semprúns Biografie und Romane kannte oder Semprún Weiss’ Epos gelesen hat: Man wüsste es zu gerne.)

    Die geistige, politische und ethische Sicherheit, die Jorge Semprún von seiner existenziellen Rolle im politischen Weltgeschehen besaß, hat ihn nie danach gedrängt, über das (metaphysisch) Böse oder dessen Kontaminierung „des Guten“ zu reflektieren. „Das Üble, das er in seinem Jahrhundert erlebt hat, kam stets im Verein mit der Macht, Schergen im Dienst des Siegers finden sich immer. Semprún“, konstatiert seine Porträtistin, „hat die Neugier nicht aufgebracht, so jemanden näher kennenzulernen“ – oder ihn sich literarisch zu imaginieren. Dazu ist er zu selbstbezogen und solipsistisch gewesen – „ein stolzer Spanier –, aber „umso mehr bewegt ihn die Frage, warum Menschen dafür einstehen, das Böse zu bekämpfen, obgleich sie den Kampf nur verlieren können“.

    Die Antwort fand er als junger Mann, schreibt Augstein weiter, in Malrauxs Roman: Es war nicht nur die Disziplin der Partei und die Sinnhaftigkeit ihres Kampfes, sondern auch die brüderliche Solidarität der Genossen im Angesicht des unmenschlichen, antihumanistischen, faschistischen Feindes. Franziska Augstein meint, „Die Hoffnung“ Malrauxs habe Semprún dazu verholfen, „die Wirklichkeit im Licht der Literatur zu sehen, und was er in der so erzeugten Stimmung in der Wirklichkeit wahrnahm, verwies ihn auf die Literatur zurück. Das Wechselspiel ermöglichte ihm, die Gemeinschaft als Quelle des Glücks zu erleben“.

    Es war ein Glück, das die unschuldig, weil nicht als antifaschistische Feinde gefassten, sondern nur qua ihrer Rassezugehörigkeit in die Vernichtungslager verschleppten oder vom Holocaust bedrohten europäischen Juden nicht mehr hatten. Ihre literarischen Zeugnisse (z.B. Jean Améry, Primo Levi, Istvan Kertész, Alexsandar Tisma) kommen aus der radikalen Trostlosigkeit nach dem Verlust des „Weltvertrauens“ und der Erfahrung einer quasi anthropologischen Zurücknahme jeglichen „Humanismus“.

    Nie das „Weltvertrauen“ verloren

    Jorge Semprún aber hat sein „Weltvertrauen“ im KZ Buchenwald so wenig verloren wie der eschatologische Philosoph Ernst Bloch, der in der amerikanischen Emigration sein Prinzip Hoffnung schrieb. Es ist bei ihm wie bei dem jungen Spanier in Buchenwald der lange durchgehaltene Glaube an die Notwendigkeit und welthistorische Mission des Kommunismus, den Semprún (anders als Bloch in der DDR) in seinem abenteuerlichen Leben am Rande des Todes auch noch nach der Befreiung als konkrete Brüderlichkeit und lebensrettende Solidarität in der Gemeinschaft der Genossen erleben sollte. „Die alltäglichen, menschlichen Aspekte des Parteilebens“, seine Arbeit als „authentischer“ Aktivist, sein „echtes Leben als Kommunist“ waren es, „die mir Freude machten“, bekannte er: in der ersten Prüfung seines Wagemuts während der Résistance, dann unter der Folter und im KZ, wo der avisierte spanische Genosse sofort unter die Fittiche der Parteiorganisation in Buchenwald genommen wurde und „das Lager mein Bildungsroman im Guten wie im Schlechten wurde“ und er, „mit einem Wort der Ästhetik gesprochen, dort ›das Schöne‹ an der kommunistischen Brüderlichkeit kennenlernte“, obwohl er in der „Arbeitsstatistik“ potenziell über Leben und Tod seiner Mitgefangenen entscheiden musste. Zuletzt aber erfuhr er solche Brüderlichkeit im Untergrund von Francos Spanien, wo er „die gelungensten Jahre … [seines] Lebens“ verbrachte: „Die politische Untergrundarbeit (...) ist das, was mich am meisten erregt und mir das größte Vergnügen bereitet hat, was mich vor allem interessiert, am besten unterhalten und am meisten bewegt hat“. Es sei wohl, kommentiert Augstein Semprúns Resümee seiner Untergrundtätigkeit als Corrida, „die wohl ernsthafteste Spielerei, die ein Mensch betreiben kann“.

    Die weibliche Porträtistin, die dem Mut und der Konsequenz von Semprúns politisch aktivem Lebensweg bewundernd Reverenz erweist, erlaubt sich aber zurecht immer wieder auch diskrete ironische Bemerkungen, sowohl zu den ziemlich dilettantischen „Ballereien“ in der Résistance, als auch zu Semprúns spanischen Untergrund-Aktivitäten, wobei sie mit einem gewissen spöttischen Amüsement auf die „innigen Männerfreundschaften“ blickt, welche in der von Semprún gelebten Welt „männlicher“ Mantel-& Degenstücke, Undercover-Tätigkeiten mit fliegenden Namenswechsel, vielfacher Pseudoidentitäten an der Tagesordnung waren. Wenn die politisch und historisch hochgebildete Autorin auch literarisch auf dem Quivive wäre, hätte sie wahrscheinlich von der „höheren Art des Indianerspielens“ gesprochen, mit dem liebvoll-ironisch Thomas Mann Schillers dramatischen Hang zu Intrigen und zur Kolportage umschrieben hat.

    Der Kitzel des riskanten Abenteuers

    Denn bei allem Respekt für den Ernst der Lage, in die sich Semprún immer wieder begeben hat, porträtiert ihn Franziska Augstein auch als einen Mann, der immer wieder den Kitzel des riskanten Abenteuers gesucht hat, wenn sich der „meist gesuchte Agent“ z.B. sogar einmal in Begleitung seiner wohlhabenden spanischen Freunde auf einer Militärbasis unter den nichts ahnenden Augen von Francos Geheimpolizei aufhielt. Federico Sanchez alias Jorge Semprún alias James Bond? Zumindest seine großbürgerlichen spanischen Freunde, die sich das Liebäugeln mit dem Kommunismus wie eine geheime Liebes-Affäre leisteten, erlaubten dem anonymen Agenten, in feindlicher Umwelt auf großem Fuß zu leben.

    Es war wohl mehr die Sinnhaftigkeit seiner konkreten politischen Aktivitäten, als die gründlich instrumentalisierte „Dialektik“, mit der alle politischen Wendungen und Absurditäten rechtfertigbar waren, welche den Intellektuellen Semprún lange Zeit daran hinderte, die wachsenden Widersprüche zwischen Praxis und Theorie des Kommunismus an sich herankommen zu lassen. „Die Fähigkeit, nur das wahrzunehmen, was ihm ins Konzept passt, ist bei Semprún stark ausgeprägt“ (Augstein).

    Denn wo der mittellose Emigrant in Paris sich in den vierziger und fünfziger Jahren unter einem seiner Pseudonyme in kommunistischen Blättern der KPF, deren Mitglied er damals war (bevor er sich seinen spanischen Genossen empfahl), als literarischer Essayist und Polemiker äußerte, trat er als parteikonformer Doktrinär auf, zu dessen Peinlichkeiten auch Verse auf Stalin und anderer sozialistischer Kitsch zählte. Die Partei war für den Atheisten seit Studentenzeiten, durch Résistance und KZ bestärkt, Glaubensgemeinschaft und (mehr als) eine Ersatzfamilie: seine „Heimat“.

    Der „marxistoide Rigorismus“ (Semprún), mit dem der junge Leninist den „Sozialistischen Realismus“ verteidigte und den „bürgerlichen Individualismus“ verdammte, war es wohl auch, wie Augstein zurecht vermutet, was ihn lange daran hinderte, den autobiografisch motivierten Erzähler und Schriftsteller in sich zum Durchbruch kommen zu lassen: „Er hätte von sich selbst erzählen“ müssen, „doch das konnte er sich nicht erlauben (...) Erst als er begann, sich von der Partei zu emanzipieren, konnte er über sich und seine Erlebnisse“ in Buchenwald schreiben.

    Die Emanzipation von Partei & Funktion

    Der Weg zur Emanzipation von den Dogmen der Partei, in der er ja als Zögling des Parteichefs Carrillo sowohl ins ZK aufgestiegen war, als auch als dessen virtuoser Sendbote im feindlichen Spanien fungierte, beschreibt Augstein ebenso einlässlich und detailliert wie sie zuvor sowohl die Absurditäten und Querelen der Résistance als auch die düstere Nachkriegszeit des jungen stalinistischen Kulturfunktionärs in Paris durchleuchtet hat. Zugleich behält sie aber auch die politischen und sozialen Bewegungen, den Alltag in Nachkriegseuropa und den gelebten Albtraum des Kalten Krieges bis zum Tod Stalins im Auge, so dass ein komplexes Zeitbild in Nahaufnahmen wie in der Totale entsteht – eine nicht hoch genug zu schätzende Leistung der Historikerin.

    So fügt sich langsam ein Bild zusammen, das sowohl die inneren Auseinandersetzungen in der spanischen KP und ihrer widersprüchlichen, erfolglosen politischen Strategien, als auch die welthistorischen Entwicklungen (Chruschtschows Rede auf dem XX. Parteitag über Stalins Verbrechen 1956, der Revisionismusvorwurf der Chinesischen KP gegen die UdSSR, der von Italien ausgehende Eurokommunismus: also der Zerfall der auf Moskau-zentrierten Kommunistischen Internationale) vor Augen stellt. Mehr und mehr entfremdet sich Semprún zusammen mit seinem ZK-Kollegen und Freund Claudin den altgedienten Kadern um Carrillo, der ihn erst von seinen Spanien-Aktivitäten 1962 entbindet; und nachdem Semprún und Claudin immer offener ihre Sympathien für den Eurokommunismus der italienischen Genossen im ZK äußern, werden beide 1965 offiziell ausgeschlossen.

    Zwei Jahre zuvor aber war Semprúns Roman Die große Reise erschienen, dessen erste Hälfte er 1961 in Madrid verfasst hatte, als er sich mehrere Wochen lang in einer Wohnung bei Genossen versteckt hielt und das Haus nicht verlassen konnte. Im Pariser Intellektuellen- & Emigrantenbiotop wurde der literarische Neuzugang mit seinem überraschenden Debüt, das 1963 erschien, schnell bekannt. Der autobiografische Roman, der (sage ich) so etwas wie die Fortschreibung von Malrauxs L´espoir & La condition humaine war – das heroische Porträt einer brüderlich-verschworenen Gruppe von Gefangenen sowohl auf dem Weg als auch im KZ –, erhielt den gerade geschaffenen internationalen Verleger-Preis „Prix Formentor“, der Autor wie Buch weltweit bekannt machte.

    Im gleichen Jahr erschien aber auch – eine der vielen Koinzidenzen in der Biografie Semprúns – Alexander Solschenizyns Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch –, und der davon tief beeindruckte Debütant wusste nach der Lektüre der Erzählung aus dem Gulag – so würde er später behaupten, dass er seine Buchenwald-Erfahrungen noch einmal schreiben musste: „diesmal unter Einbeziehung seiner kommunistischen Verblendung“ (Augstein). Er tat es aber erst 1980 in Was für ein schöner Sonntag! – drei Jahre, nachdem er 1977 in seinem ersten auf Spanisch geschriebenen Buch (Federico Sanchez. Ein Autobiografie) mit der spanischen KP „abgerechnet“ hatte.

    Incipit vita nova: die Geburt des Schriftstellers

    Der Choc des Parteiausschlusses hatte tiefe Wunden in Semprún geschlagen. Er sprach von einem „zweiten Tod“ und erneuten Exil. Wie andere „exkommunizierte“ intellektuelle Kommunisten – Franziska Augstein zitiert aus der Biografie Ralph Giordanos vergleichbare existenzielle Verstörungen – hatte für ihn die Partei die gemeinsame Idee „verraten“; und in ersten Aufsätzen, die Semprún in einer mit Claudin gegründeten Zeitschrift, die bis 1979 existierte, publizierte, las er den ehemaligen Partei-Genossen die Leviten, indem er sein „avanciertes marxistisch-leninistisches Denken“ ausschließlich mit „den Klassikern“ der Theorie und KP-Beschlüssen begründete. „Nach der Lektüre dieser Texte kann man ihm nicht nachsagen, ein immer unterhaltsamer Autor zu sein“, merkt seine Porträtistin süffisant an. Auch die erst nach Francos Tod in Barcelona publizierte „Autobiografie“ des „Federico Sanchez“ (sein langjähriger Deckname) wird noch durchzogen von der Bitternis des Verstoßenen, der seine eigene Rolle und ideologische Beteiligung an den Irrtümern und Fehlern der KP-Führung, in deren ZK er ja saß, unterbelichtet und seinen Hohn – zu wohlfeil, wie selbst Freunde befinden – ganz auf die anderen lenkt.

    Mit dem Ende seiner Partei-Existenz begann seine künstlerische Existenz, während „seit Ende der Sechziger Jahre Semprúns politische Entwicklung und die der Gesellschaft parallel verliefen“ (Augstein) und er sich vom militanten Leninisten zum Marxisten und schließlich zum Sozialisten veränderte, der Geschichts- & Politik-Dialektik abschwor und die Reform der Gesellschaft deren Revolutionierung vorzog.
    Incipit vita nova: Als Schriftsteller, der als Drehbuchautor (für Malrauxs Schwiegersohn Resnais) und als heimatloser Linksintellektueller in der Pariser Szene gefragt war und in dem – gleich ihm u.a. – linksdissidenten Freund Yves Montand ein darstellerisches Alter Ego für die „brüderliche Männerwelt, in der Semprún sich wohlfühlt“ (Augstein), gefunden hat, dem er eine Biografie widmet, in der jedoch mehr vom Biografen als von dessen ursprünglichen Gegenstand die Rede war.

    Die Wahrheiten vor dem Freund

    Bei der Charakterisierung ihres Porträtierten legt sich Franziska Augstein keine Scheuklappen an und scheut keine Wahrheit vor dem Freund, wenn sie z.B. sowohl seine Liebenswürdigkeit wie auch seine Schroffheit erwähnt, mit der er unliebsame Fragen überhört, sich in sein Schweigen zurückzieht oder ihm nachsagt – wohl aus eigener Erfahrung bei der Arbeit an ihrem Buch –, dass er Terminabsprachen nicht einhält, Post nicht beantwortet: „Von der Furcht vor solchen Gewissensbissen ist Semprún vollkommen frei. Er stellt sich nicht vor, was andere empfinden (...) Für selbstironische Bemerkungen, die andere lachen machen könnten, ist er sich zu schade (...) Sein Verhältnis zu anderen Menschen ist narzisstisch bestimmt, ohne dass er auffallend eitel wäre. (...) Er ist emotional autark. In seinem Weltinnenraum hat er sich eingeschlossen. (...) Das Merkwürdige ist: Der Mann geht auf andere Menschen nur gelegentlich ein, doch vermag er auf andere zuzugehen (...) Das ist für alle beglückend, denen es widerfährt. Er ist das Gestalt gewordene große Versprechen“.

    Weil die Politik sein Schicksal gewesen sei und sein Leben von früh auf bestimmt habe, halte er sich auch heute von allgemeinen historisch abstrahierten Urteilen über die kommunistische Bewegung zurück. „Das Politische war für ihn immer stärker als das Private. Später ist das Schreiben an die Stelle des Politischen getreten, es fungiert als Transformationsmühle des gesammelten Erlebnismaterials. Das will zerhäckselt und neu zusammengesetzt werden, der Prozess ermöglicht dem Autor die Selbstvergegenwärtigung in seinem Text. Semprún schreibt sich sein Leben immer wieder neu zusammen, seine Bücher sind veränderte Neuauflagen seines Lebens“.

    Das ist ein ebenso heikles wie zutreffendes Resümee der spezifischen Eigenart der aktiven & kontemplativen Existenz Jorge Semprúns und deren literarischen Verpuppungen in der privaten Mythologie seiner autobiografisch unterfütterten Essay-Romane und -Erzählungen aus den Zeiten seiner politischen Aktivitäten. Die Historikerin enthält sich eines Urteils über die literarischen Qualitäten von Semprúns ¼uvre. Das hätte ihr selbstgestecktes Ziel verfehlt und womöglich ihre Kompetenz überschritten, „ein Buch über ihn“ zu schreiben, „in dem er Dinge lesen könne, die er vielleicht noch nicht weiß“: – nämlich über ihn selbst.
    Das aber ist Franziska Augstein – manchmal in etwas saloppem Stil und tagesjournalistischen Akzentuierungen, aber immer gescheit und gewitzt – hervorragend gelungen.

     

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