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    TITEL kulturmagazin
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    Jean Améry: Werke Band 8 + 9

    23.06.2008

    Innen- & Außen-Biografie in Briefen & Dokumenten

    Jean Améry (1912-1978) war unter den Intellektuellen, die in den Sechziger -& Siebzigerjahren der Bundesrepublik das Wort ergriffen, der unabhängigste. Ein Humanist, der aufs Ganze ging. Jetzt ist die verdienstvolle Sammlung seiner “Werke” mit einem Briefband und “Materialien” zu seinem Oeuvre geschlossen worden. Von WOLFRAM SCHÜTTE

     

    Dreißig Jahre nach dem Freitod Jean Amérys am 18. Oktober 1978 liegt mit den Bänden 8 (Ausgewählte Briefe) und 9 (Materialien) die von Irene Heidelberger-Leonard konzipierte & herausgegebene und von der “Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur“ entscheidend unterstützte Ausgabe seiner “Werke” nun vollständig im Klett-Cotta Verlag vor. Sie enthält, neben der Erstveröffentlichung seines Jugendromans “Die Schiffbrüchigen”, alle größeren Arbeiten, die der 1912 in Wien geborene Schriftsteller in der Bundesrepublik publiziert hat, seit er 1966 mit den Essays “Jenseits von Schuld und Sühne” in West-Deutschland wahrgenommen und dort bis zu seinem Tod als einer der herausragenden Intellektuellen und philosophisch-moralischen Essayisten erkannt und geschätzt wurde.

    Die neun umfangreichen Bände, die von verschiedenen Herausgebern betreut, ausführlich und hilfreich kommentiert und mit resümierenden Nachworten versehen wurden, besitzen einen hohen philologischen Standard und sind zudem von einer handlichen und ästhetisch ansprechenden Form. Jeder Band ist so ediert, dass er um die jeweiligen Primärtexte zu deren eingehenderem Verständnis sekundäre Texte zur Entstehung und Resonanz kristallisiert. So kann jeder Band der Ausgabe separat für sich bestehen und gelesen werden. Die dadurch entstandenen Überschneidungen bei den Kommentaren sind hinnehmbar.

    Wer Jean Améry zu seinen Lebzeiten geschätzt und bewundert hat, wird für diese umfängliche Sammlung seiner zentralen Werke und Gedanken dankbar sein. Zu wünschen wäre aber, dass auch “die Nachgeborenen” - denen hier ein im deutschen Sprach- & Gedankenraum seiner Zeit solitäres Oeuvre vorgelegt wird - die intellektuelle Eindringlichkeit und die nach wie vor aktuelle Präsenz seiner geistigen, politischen und philosophischen Fragestellungen erkennen und als Herausforderung an die Gegenwart begreifen. Es könnte auch die darin zutage tretende untadelige Beispielhaftigkeit einer intellektuellen Existenz hilfreich und ermutigend sein - in einer Zeit, in der sich manche Intellektuelle (leider: zurecht) etwas darauf zugute halten, keine mehr zu sein.

    Das mit unbestechlicher Geisteskraft, aber auch mit literarischer Grazie aus den zentralen individuellen und kollektiven Erfahrungen des europäischen 20. Jahrhunderts hervorgegangene Werk von Essays, Glossen, Erinnerungen und Romanen begreift sich als fortgesetzten, unabgeschlossenen Prozess der Aufklärung über den Menschen. Historischen Extremsituationen ausgesetzt, die der von der Gestapo gefolterte Auschwitz-Häftling am eigenen Leibe erfahren hatte und die ihn zu seinem “Katastrophen-Judesein” bestimmten, hat Jean Améry in seinem Werk mit einer persönlichen Radikalität, die ebenso hellsichtig wie melancholisch seiner Zeit und Zeitgenossenschaft voraus war - u.a. in seinen großen Essays über das Alter, über den Freitod & das Existenzrecht Israels -, Fragen aufgeworfen, formuliert und gedanklich durchmessen, die seine Zeit transzendieren und auch heute noch gegenwärtig sind.

    “Urbanität” oder altmodischer gesagt: “Gute Manieren”

    Die beiden abschließenden Bände der Werkausgabe rufen sein Leben und seine schriftstellerische Entwicklung von zwei Seiten auf: die Briefe als Stationen eines privaten, innerlichen Lebenslaufs sowie als Zeugnisse seiner prekären Existenz als Überlebender der “Endlösung“ und als freier Schriftsteller im Exil; und die “Materialien” als Abfolge der öffentlichen Resonanzen und Wirkungen seiner Werke und seines Todes.

    Da ich, als Feuilletonredakteur der “Frankfurter Rundschau”, ab Februar 1969 das Glück hatte, Jean Améry für eine regelmäßige Mitarbeit an der für ihn einzig akzeptablen deutschen Tageszeitung zu gewinnen - woraus sich bis zu seinem Tode ein freundschaftlicher Umgang auch jenseits der häufigen beruflichen Korrespondenzen, Gespräche und Treffen entwickelte -, sind die Spuren dieser für mich prägenden menschlichen und politischen Beziehung mehrfach in beiden Bänden enthalten.

    Deshalb will ich hier die beide Abschlussbände nur skizzenhaft anzeigen, statt wie bei “Den Schiffbrüchigen” (Titel-Magazin vom 26.9.2007) oder Irene Heidelberger-Leonards Jean-Améry-Biographie (Titel-Magazin vom 1.8.2004) in eine ausführliche kritische Auseinandersetzung zu treten.

    Entschiedener als die anderen Bände der “Werke” sind die “Briefe” und die “Materialien” von den Herausgebern “komponiert” worden. Das mag, besonders bei den “Ausgewählten Briefen”, die auf rund 600 (!) Seiten nur ein Drittel der erhaltenen Briefe umfassen, problematisch sein, ist aber nicht nur verständlich, sondern sogar gelungen.

    Der Herausgeber Gerhard Scheit hat Briefe nach einer Dramaturgie ausgewählt, welche die verschiedenen Phasen von Amérys intellektuellem und emotionalem Lebensweg in Segmente teilt, wobei der Scheitelpunkt durch den eingeschobenen Essay “Zwischen Vietnam und Israel” (1967) markiert wird, als der bis dahin fraglose “Linksintellektuelle” sein politisches Engagement angesichts der Parteinahme der internationalen Linken gegen Israel und für die arabisch-palästinensische Seite im Sechs-Tage-Krieg in ein Dilemma geraten sieht und fortan “seine Stelle” als der “einer Katastrophe ausgesetzte Jude einnimmt” - jedoch ohne dass er das linke Projekt radikaler Aufklärung & permanenter Kritik aufgegeben hätte, wenn auch in der solitären Position des jüdischen Auschwitz-Überlebenden.

    Wer beruflich privilegiert war, Jean Améry persönlich kennen zu lernen, der hat eine ebenso seltene wie beglückende Erfahrung gemacht: - einem Menschen zu begegnen, der sich von so gut wie jedem anderen (einem selbst eingeschlossen) unterschied durch seine Zartheit, Aufrichtigkeit, Herzenswärme und Höflichkeit. Diese charakterlichen Eigenschaften waren nicht nur mit seiner Person, Haltung und Erscheinung identisch, sondern sie prägten auch seine Briefe. Deren Stil, Tonlage, Anrede und Verabschiedung schien aus einer anderen Zeit zu kommen und man mochte darin ihren “alt-österreichischen” Charakter oder Charme erkennen. Er selbst betrachtete sie nur als Ausdruck dessen, was er “Urbanität, altmodischer gesagt: die guten Manieren“ nannte.

    Diese Charakteristika stammen aus einem Essay von 1976 mit dem Titel “Der verlorene Brief”, mit dem die von Gerhard Scheit herausgegebenen “Ausgewählten Briefe” eingeleitet werden (um dem heutigen Leser das Besondere der Améryschen Briefe verständlich zu machen), und in dem er sich mit “dem Niedergang einer Ausdrucksform des Humanen” beschäftigt: der Fähigkeit & Lust, Briefe zu schreiben und sich dabei eine vielfältige “Selbst-Konstitution” zu geben.
    Ihm war diese Kunst des Humanen jedoch in jedem der nun erstmals publizierten rund 350 Briefe noch eigen - von der ersten Antwort 1945 an Maria Leitner in den USA, die ihn über ein jüdisches Komitee in Brüssel aufspürte, bis zu seinem Salzburger Abschiedsbrief an Maria 1978, dem neben seinem Brief an seinen Lektor zwei Entschuldigungsschreiben (an die Polizei und an die Hoteldirektion) beigefügt waren - wegen der Ungelegenheiten, die er beiden wegen seines Todes machen werde.

    Von Carl Mayer zu Jean Améry: Rückkehr aus Bergen-Belsen

    Alle erhaltenen Briefe Jean Amérys sind nach seiner Rückkunft mit “fünfundvierzig Kilo Lebendgewicht und gestreiftem Häftlingsanzug” in Brüssel geschrieben (wohin er 1938 emigriert, wo er im Widerstand gearbeitet, von der Gestapo verhaftet, gefoltert und nach Auschwitz und Bergen-Belsen deportiert worden war). Seine erste Frau aber war, während seiner Deportation, im Brüsseler Versteck gestorben, was er erst als Heimkehrer erfuhr. Er war, mit seinen 33 Jahren mittel- und kleiderlos, Verwandte in Großbritannien unterstützten ihn - wie auch Maria Leitner, die im letzten Augenblick 1941 aus dem ersten belgischen Exil mit ihrem jüdischen Ehemann in die USA emigrieren konnte und 1955 seine zweite Ehefrau werden sollte, nachdem sie 1951 ihren Mann verlassen und zu Jean Améry gezogen war und seither als Erste Leserin und Sekretärin in der Lebensgemeinschaft fungierte.

    Neben Maria war Amérys erster brieflicher Kontakt sein Schulbanknachbar und intellektueller Herzens-Freund gemeinsamer Träume von literarischem Ruhm, Ernst Mayer, der als “Halbjude” in Österreich überlebt hatte. Der gleichaltrige, aber nicht verwandte “Ernstl”, der als SPÖ-Mitglied nach dem Krieg eine Karriere in der Erwachsenenbildung gemacht hat, war und blieb zeitlebens Amérys engster, intimster Freund und die beiden haben sich mit ihren Lebenspartnerinnen jährlich zu Urlauben in Belgien und Österreich getroffen, wenn auch ihre Lebenswege auseinander drifteten, und der im Schuldienst eingespannte Ernst Mayer sehen musste, wie der Jugendfreund “berühmt” wurde, der ihm laufend in seinen Briefen von seinen Arbeiten, Auftritten und Treffen berichtet und ihm seine Bücher zuschickt.

    Als es Mitte der Sechziger Jahre zu einer (verständlichen Eifersuchts-) Krise kam, kämpft Jean Améry ebenso bewundernswert wie anrührend in mehreren Briefen um den Erhalt der Freundschaft. Mit Erfolg, wenngleich diese Versöhnungsbriefe den Charakter ehelicher Versicherungen eines immerwährenden Wärmestroms der Liebe besaßen, die von den quasi außerehelichen Affären mit der kulturellen “Prominenz” nicht berührt würde.

    Sicht- & erkennbarer scheint mir, warum der Emigrant so stetig, um nicht zu sagen: “verzweifelt” an der Freundschaft und dem Freund festhält: weil Ernst Mayer der letzte Vertraute seiner glücklichen Jugend und der einzige reale Grund ist, in die immer noch geliebte, aber tatsächlich völlig entfremdete Heimat besuchs- & Ferienweise zurückzukehren. “Ernstl” war und blieb ein stabilisierender Faktor in der unwiderruflichen Existenz des Emigranten, der trotz seiner wachsenden Reisetätigkeit in die Bundesrepublik den Brüsseler Vorposten als Ruhe- wie als Aussichtspunkt ins Französische nie mehr aufgeben wollte. So sind die Briefe an Ernst Mayer so etwas wie der rote Faden in der Korrespondenz Amérys.

    Der Frankfurter Auschwitz-Prozeß löst die Inkubationszeit der eigenen Erfahrungen

    Es war der Beginn des Frankfurter Auschwitz-Prozesses 1963, der den journalistischen Kulturkorrespondenten Schweizer Zeitungen und seit kurzem auch des Süddeutschen Rundfunks zu einem “tua res agitur” motivierte. Denn es war seine Sache, die lange inkubierten Erfahrungen der “fundamentalen existentiellen Probleme eines Intellektuellen im KZ-Universum” zu durchdenken und niederzuschreiben. Am 18. Januar 1964 bot er dem SDR-Redakteur Karl Schwedhelm “ausgewählte Stücke“ seiner Reflexionen an. Der reichte das Projekt an seinen Kollegen Helmut Heißenbüttel weiter, der das von Alfred Andersch aufgebaute, anspruchsvolle “Abendstudio” des SDR seit 1959 leitete. Und da Heißenbüttel zufälligerweise im Februar 1964 in der Deutschen Bibliothek in Brüssel einen Vortrag hielt, trafen sich dort der einarmige kriegsversehrte Experimentallyriker und der jüdische Widerstandskämpfer und Auschwitzhäftling.

    Das war “der Beginn einer wunderbaren Freundschaft” nicht ganz. Denn - und das zeigen die Briefe sehr genau - Heißenbüttels emphatisches Engagement für den existentialistischen, linken, positivistischen Schriftsteller im Exil machte den Stuttgarter Rundfunkredakteur zwar “zur Schlüsselfigur für meine ganze schriftstellerische Existenz”, wie Améry in dem großen, letzten Gespräch mit Ingo Hermann 1978 (das der “Materialien”-Band enthält) die persönliche und berufliche Beziehung zu Heißenbüttel charakterisierte.

    Denn Heißenbüttel hat, seit er die fünf Essays, die dann unter dem Titel “Jenseits von Schuld und Sühne” 1966 erschienen und Améry bekannt und berühmt machten, alle folgenden Essaybände und die zwei Romane in seinem “Radio-Essay” vorveröffentlicht und ihm auch zu seinem nachmaligen Verlag verholfen. Ohne diese substantielle, kontinuierliche materielle Basis wäre das gesamte Oeuvre Amérys nicht entstanden. So stand er tief als Abhängiger in der Schuld seines uneigennützigen Förderers. Aber mit Heißenbüttels literarische Praxis und avantgardistische Theorie der Sprachdekonstruktion konnte sich der Liebhaber Thomas Manns und Marcel Prousts als Positivist nicht anfreunden - ein Manko, das er in seinen Briefen ebenso aufrichtig wie höflich ansprach.

    Zu einer Duz-Freundschaft konnte es wohl unter diesen Bedingungen der Ungleichheit nicht kommen; auch waren die Arbeiten Amérys kein intellektuelles Gesprächsthema zwischen dem Brüsseler Autor & seinem Rundfunkredakteur in Stuttgart, der ihn nach Empfang des jeweils pünktlich eingegangenen Manuskripts ohne Einwände oder Korrekturwünsche zur Sprachaufnahme im Belgischen Rundfunk aufforderte.

    Neben dem roten Faden der Briefe an Ernst Mayer in Wien - in denen der Freund offen & leidenschaftlich von seinen politischen Ansichten spricht und von seinen persönlichen Problemen erzählt -, fungieren die (Geschäfts-) Briefe an Heißenbüttel in dieser Edition wie ein Generalbass von Amérys materieller Existenz.

    Der “Merkur” als geodätischer Punkt auf der intellektuellen Landkarte

    Kurz nach Heißenbüttel (& durch seine Förderung) war aber Hans Paeschke, der Herausgeber und Redakteur des “Merkur”, der liberalkonservativen “Deutschen Zeitschrift für europäisches Denken”, auf den Newcomer aufmerksam geworden. Er bot dem etwa Gleichaltrigen eine regelmäßige Mitarbeit an. In Paeschke fand Améry einen intellektuellen Gesprächspartner, der sowohl die großen Essays (gekürzt) als erster druckte, als auch den Journalisten Améry zu anderen, kleineren Arbeiten, Rezensionen & Kommentaren anregte und im Laufe der Jahre, in denen er 60 Artikel im “Merkur” brachte, zu einem Duzfreund wurde.

    Obwohl der “Merkur”-Herausgeber auch den ehemaligen SS-Mann & einflussreichen konservativen Literaturkritiker Hans Egon Holthusen zu seinen ständigen Mitarbeiter zählte - mit dem Améry eine Kontroverse im “Merkur” austrug - beschädigte das die Duzfreundschaft mit Paeschke nicht. Erst als der “christliche” Paeschke auf “Hand an sich legen“ reserviert reagierte, fühlte sich Améry von dieser intellektuellen Stütze verlassen.

    So offen und zurückhaltend der freie Autor mit den nichtjüdischen Deutschen als Mitarbeiter oder Kollege verkehrte (auch mit dem Chefredakteur der “Neuen Rundschau“, dem etwa gleichaltrigen Hans Hartung, oder mit dem 13 Jahre älteren Axel Eggebrecht schloss er Duzfreundschaften), so verbindlich wie entschieden wurde er in seinen Briefen, wenn er sich durch deren öffentliche Äußerungen (wie im Falle von Horst Krüger oder Alfred Andersch) provoziert fühlte.

    Aber am Schmerzlichsten war für Jean Améry sein wachsender politischer Dissens mit der “Neuen Linken”, als deren altlinken “Genossen” er sich begriffen hatte, bis er in deren antibürgerlichem, “antiimperialistischem” Grundgestus einen irrationalistischen, inhumanen Kern ausmachte, dem er seit er “zwischen Vietnam und Israel” sich für Israel als conditio sine qua non jüdischer Existenzsicherung entschieden hatte, seine rationalen Widerworte widmete.

    “Was Améry (...) mit einzigartiger Umsicht unternahm und worin er Wahrheit gewann, die auf keine andere Art zu gewinnen war und ist, bestand in einer spezifischen Form philosophischen Intervenierens, das nur provisorisch und ephemer auf Systematiken zurückgreift, in Wahrheit und in letzter Instanz sich jedoch nur einem verpflichtet weiß: der Erfahrung des jüdischen Naziopfers”, das mit der Wiederholbarkeit des erstmaligen Zivilisationsbruchs rechnen musste.

    So charakterisiert Gerhart Scheid in seinem brillanten Nachwort den nun permanenten Konflikt an vielen Fronten der intellektuellen und politischen Auseinandersetzung, die der Brüsseler Solitär sich nicht scheute, in Wort und Tat (als Essayist, Kommentator oder Redner & Diskussionsteilnehmer) in der Bundesrepublik der Nach-Achtundsechziger Jahre zu führen. Seine Briefe geben Zeugnis von der komplexen existentiellen “Situation”, in der er sich bewegte - auch von den psychischen Verletzungen, die er öffentlich oder privat erleben musste.

    Die folgenreiche Katastrophe der “Lefeu”-Abweisung

    Jean Amérys Selbstbewusstsein, im “aufrechten Gang” (Bloch), trotz aller Ehrungen als Mitglied der Berliner oder Bayrischen Akademie, einen einsamen Kampf gegen den “Zeitgeist” zu führen, wird aber am stärksten durch die öffentliche Nichtanerkennung unterminiert, als Romancier 1974 mit dem “Lefeu”-Roman nicht nur seiner frühesten, leidenschaftlichsten literarischen Ambition zu entsprechen, sondern auch spät noch eine lebensgeschichtlich lange verhinderte Karriere zu beginnen und eine zweite materielle Existenzgrundlage sich zu schaffen. Aber die tonangebende deutsche Kritik, sprich: M. Reich-Ranicki in der FAZ, macht durch einen ebenso bornierten wie gehässigen Totalverriss diese Hoffnung zunichte.

    Der verzweifelte Améry reagiert darauf mit einem missglückten Versuch, sich selbst abzuschaffen - was er in keinem der hier ausgewählten Briefe erwähnt - , und er “antwortet“ mit der ihm eigenen Diskretion auf die desaströse persönliche Situation mit seinem Suizid-Essay “Hand an sich legen”.

    Erst durch die Publikation der “Schiffbrüchigen” wurde erkennbar, dass ihn schon sehr früh der Gedanke des unaufhaltsamen Alterns & der damit einhergehenden intellektuellen und physischen Demütigungen ebenso beschäftigte, wie die ultimative Entscheidungsmöglichkeit, daraus die Konsequenz zu ziehen und “den Weg ins Freie” (Schnitzler) zu suchen, wenn es an der Zeit sei.

    Wer die Briefe seiner letzten Lebensjahre liest, wird mit den wiederholten Klagen, Ängsten und Skrupeln des über 60jährigen Schriftstellers konfrontiert. Prekäre körperliche Verfassung, intellektuelle Isolation, bedrohliche Einengung der Arbeitsmöglichkeiten durch Rundfunk-”Reformen” und Paeschkes Rückzug vom “Merkur“, mangelnder Absatz seiner Bücher: das alles summierte sich zur Autosuggestion eines unaufhaltsamen persönlichen Niedergangs, wie auch zur Annahme seiner “offensichtlichen Überflüssigkeit“, wie er elf Tage vor seinem Tod nach einer für ihn deprimierenden Rundfunk-Diskussion mit Martin Walser u.a. über “Deutsche Schuld” schreibt. Im gleichen Brief fragt er sich auch, “ob es nicht so etwas wie ein Schicksalsirrtum war”, 1945 nicht ein französischer Schriftsteller geworden zu sein, und er zitiert aus Enzensbergers “Landessprache” die Zeilen. “Was habe ich zu schaffen in diesem Land?”

    Unlösbar war aber auch die intime Problematik der späten Liebe zu einer amerikanischen Germanistin, die von ihm materiell abhängig war, was er vor seiner Ehefrau Maria verheimlichen musste, nachdem diese offenbar eine anfängliche ménage-à-trois nicht mehr akzeptierte. Aber noch am Ende seines zärtlich-dankbaren Abschiedsbriefs bitte er Maria, Mary “noch einmal zu umarmen wie eine Schwester” und für ihre Rückkehr in die USA zu sorgen.

    Im biografischen Zentrum des von der Gesamtherausgeberin Irene Heidelberger-Leonard betreuten “Materialien”- Bandes steht nicht (wie auf dem Schutzumschlag annonciert!) “der Text eines berühmten Gesprächs mit Christian Schultz-Gerstein“, sondern zurecht das mehr als 100seitige Gespräch, das Ingo Hermann am 20. Juli 1978 - also drei Monate vor seinem Tode - mit Améry geführt hat und so etwas wie das Mosaik einer geistigen Selbstbiografie anhand von klugen Fragen ist. Friedrich Pfäfflin, der schon früh für einen Marbacher Améry-Katalog “Daten zu einer Biographie” gesammelt hatte, steckt einen weiteren Rahmen, in den die ausgewählten Rezensionen, Essays, Nachrufe und Erinnerungen der beiden folgenden Komplexe zu “Werk” und “Wirkung” sich einpassen. Darunter sind einlässliche, wegweisende Arbeiten von Alfred Andersch, Helmut Heißenbüttel, Jan Philipp Reemtsma, W.G. Sebald, aber auch Reminiszenzen von jüdischen Auschwitz-Kameraden wie Imre Kertész und Primo Levi, schließlich: Gedenkworte von Freunden und die Erinnerungen des engsten Freundes: Ernst Mayer.

    Der von Gudrun Bernhardt verantwortete Anhang dieses 9. & damit Abschlussbandes der “Werke” Jean Amérys enthält die Bibliografie, eine Aufstellung der Manuskripte des Autors im Marbacher Literaturarchiv, eine Sammlung seiner Rundfunktexte und auf die Werkausgabe bezogen sowohl ein Verzeichnis der in ihr aufgenommenen Texte als auch ein Personenregister der 9 Bände.

    Wie der Verlag auf Anfrage mitgeteilt hat, hat die komplette Werkausgabe, die noch bis 31.7.08 zum Preis von 276,00 ¤ zu beziehen ist, ca. 800 Abonnenten und von einzelnen Bänden wie “Jenseits von Schuld und Sühne” (2) und Band 3 mit “Hand an sich legen” und “Über das Altern” sind rund 2000 Exemplare verkauft worden. Es könnten, es sollten, es müssten aber mehr sein, um sich sagen zu können, diesem großen, einzigartigen Schriftsteller werde von der deutschsprachigen Gegenwartsleserschaft ein ihn ehrendes Eingedenken bewahrt.

     

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