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    TITEL kulturmagazin
    Sonntag, 20. August 2017 | 19:15

     

    Andrew Delbanco:Melville

    15.11.2007

    Melville und seine Zeit

    Die ganz ausgezeichnete Biographie über Herman Melville wirft eine neue und sehr berechtigte Sicht auf Leben und Werk dieses großen Schriftstellers. Zum ersten Mal findet der kulturhistorische und politische Kontext ausführlich die Beachtung, die ihm zukommen muss, will man das Scheitern des genialen Autors nachvollziehen.

     

    Der Reiz, sich mit Leben und Werk Herman Melvilles auseinander zu setzen, resultiert in hohem Maße aus dessen Scheitern zu Lebzeiten. Der geniale Autor einerseits und das historische Umfeld andererseits, das seine Leistungen wohl einfach nicht würdigen konnte. Diese Sichtweise legt jedenfalls die neue Melville-Biographie von Andrew Delbanco nahe, die eine längst fällige Aufarbeitung des kulturellen und politischen Kontextes vornimmt, das buchstäblich blind für die Leistungen des Ausnahmeautors war. Wir Heutigen erblicken in ihm dagegen einen großen Schriftsteller, der aus seiner Zeit fällt.

    Seine Zeit, das war das puritanische Amerika des 19. Jahrhunderts. 1819 in New York geboren, aufgewachsen unter keinem guten Stern: Obwohl seine Großväter in hohen Positionen am amerikanischen Unabhängigkeitskrieg teilnahmen – einer seiner Großväter hatte noch persönlich an der Boston Tea Party teilgenommen –, war seine Familie eine einzige Katastrophe und stets chronisch pleite. Der Vater starb früh, nachdem er sein Geschäft in den Bankrott geführt hatte, ebenso der ältere Bruder. Auch Herman erging es nicht anders. Stets finanziell unterversorgt, war er vom Wohlwollen seines Schwiegervaters, einem Richter aus Massachusetts, abhängig. Sein Sohn erschießt sich mit 18 Jahren und seine Ehefrau Lizzie erwägt die Scheidung. Schließlich muss er zwanzig Jahre lang, er ist bereits Mitte vierzig und als Autor gescheitert, die subalterne Position eines Zollinspektors im New Yorker Hafen annehmen.

    Dabei schien die Hoffnung auf eine Schriftstellerkarriere durchaus begründet, seine Erfahrungen auf einem Walfänger zur See und sein erzählerisches Talent waren die besten Voraussetzungen. Sein erster Roman, in dem er die fremde Welt der Südsee aufleben lässt, kommt sogar gar nicht schlecht an. Doch merkwürdig: je mehr sich Melville literarisch entwickelt, und das heißt: je mehr er die soziale, kulturelle und politische Zerrissenheit in seinen Texten reflektiert, desto unerfolgreicher, abstoßender wirkt er auf seine Zeitgenossen. Daher gibt es auch kein Alterswerk. Irgendwann hört er nämlich einfach auf zu schreiben. Erst kurz vor seinem Tod 1891 schreibt er noch einmal an seiner Novelle Billy Budd.

    Überhaupt erst entdeckt, als relevant und kongenialer Vordeuter der modernen Literatur, wird er erst in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts – erst dann beginnt man ihn überhaupt zu lesen. Seither erschienen zahlreiche Biographien, die allesamt mit dem Mangel persönlicher Zeugnisse zu kämpfen hatten. So wird der private Melville wohl immer unterbelichtet bleiben, was den Umstand noch erstaunlicher macht, als dass es sich bei Delbancos Biographie um eine ganz ausgezeichnete handelt. Delbanco macht nämlich aus der Not eine Tugend und konzentriert sich ganz auf das historische Umfeld, auf der sich die Gestalt Melvilles konturierter als erwartet abzeichnet. Er arbeitet vor der Folie der US-amerikanischen Geschichte wunderbar heraus, was Melville so modern erscheinen lässt.

    Frank Kaufmann


    Andrew Delbanco:Melville
    Biographie
    Hanser: München, Wien 2007
    ISBN: 978-3-446-20938-1
    472 S., ¤ 34,90

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