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    TITEL kulturmagazin
    Freitag, 28. Juli 2017 | 18:57

     

    Jean Echenoz: Ravel

    12.04.2007

    “Pavane” und “Bolero”: literarisch

    Über Maurice Ravel, den größten französischen Komponisten des 20. Jahrhunderts, ist wenig Persönliches bekannt. Der französische Romancier Jean Echenoz hat jetzt eine biographische Skizze über Ravels letzte Lebensjahre geschrieben, die ein großes literarisches Vergnügen ist.

     

    So lapidar Büchner seine einzige Novelle “Lenz” nannte - über den in Wahnsinn verfallenden Goethefreund -, so lapidar setzt der französische Erzähler Jean Echenoz hinter den Titel “Ravel” das Wort “Roman”. Es ist ein schmaler Roman über die letzten zehn Jahre des an einer Alzheimer ähnlichen Gehirnerkrankung der Selbstvergesslichkeit gestorbenen berühmtesten französischen Komponisten des 20.Jahrhunderts.

    Auch wer Maurice Ravels Oeuvre nicht kennt, kennt doch zumindest dessen Bravourstück: den “Boléro”, der im Zentrum des Romans steht. Während R.W. Fassbinder im “Boléro” die Erregungskurve eines Sexualakts mit Orgasmus heraushörte, rumort für Echenoz etwas ganz Anderes in dem kurzen Stück: “Es hat keine Form in eigentlichen Sinne, es kommt ohne Entwicklung und ohne Modulationen aus, besteht aus nichts als Rhythmus und Arrangement. Kurz, eine Sache, die sich selbst zerstört, eine Partitur ohne Musik, eine Orchesterfabrik ohne Thema, ein Selbstmord mittels reiner Klangvermehrung”.

    Dieses Nichts von einem Ballettstück mit seiner trancehaften Wirkung, die “etwas von Fließbandarbeit und Wiederholungen” besitzt (& diese sogar imitiert bis zum Lärmdelirium und Zusammenbruch), hat den arroganten, scheuen, hagestolzen, modebewussten Dandy & Gauloises-Raucher, der mit 60 Hemden, 20 Paar Schuhen und 75 Krawatten in die USA reiste wie eine Diva, jedoch wieder seinen Willen weltberühmt gemacht. Ein Missverständnis, das doch nach Ravels eigner Bekundung “keine Musik enthält“? Oder doch eher Signum einer Epoche des Mechanischen, Leerlaufenden, dem Maurice Ravel, der Liebhaber von Spieluhren, Automaten, Maschinen und Fabriken, zum Ausdruck verhalf?

    Phlegmatischer Künstler-Privatier

    Aber dass der Komponist nun glücklich über die bejubelte Gelegenheitsarbeit gewesen sei, die er doch eher als “hoffnungslose Sache” projektiert hatte, kann man nicht sagen. Ist Ravel überhaupt glücklich - dieser humorlose Egomane, der seit langem mit Schlaflosigkeit leben muss, öffentliche Auftritte hasst, mit seiner fragilen Statur als Jockey und dem übergroßem Kopf und seiner spitzer Nase unzufrieden ist, seine pianistischen Fähigkeiten überschätzt, ohne seine Lackschuhe und sein Kavalierstuch nicht dirigieren kann, Dirigenten wie Toscanini schurigelt, Pianisten wie Rubinstein gar nicht wahrnimmt und unter der Gleichförmigkeit seines zurückgezogenen Lebens in einem verbauten Landhaus in der Nähe von Paris ebenso leidet wie unter der antriebslosen Langeweile seines solitären Lebens, dem kein künstlerischer Schöpfungsdrang beigegeben ist?

    Ein phlegmatischer Künstler-Privatier, der im Lärm der ihn umtobenden Öffentlichkeit verloren ist: so stellt ihn uns Jean Echenoz vor Augen. Sein Ravel ist als Inbild eines moderner Künstlers eher ein Clown seiner schlaflosen Einsamkeiten als seiner modisch versierten Eitelkeiten. Außer “Äußerlichkeiten” ist von ihm, seinen Gedanken, seinem intimen Leben so gut wie nichts bekannt - oder nur Nichtssagendes. Der Mann war eine Puppe, eine Maske, ein Kleiderständer: ein glänzende Oberfläche. Oder wenn man von der Einrichtung seines Hauses auf ihn schließen wollte - einerseits ein Sammelsurium von Krimskrams, Spieldosen, Miniaturen, Statuetten und federgetriebenem Spielzeug, andererseits Zentralheizung, Staubsauger, Telefon, Phonograph und Radio -, so wäre er wohl als ein verspieltes Mixtum Compositum aus Kinderkitsch, komischer künstlicher Mechanik & modernster bürgerlicher Bequemlichkeit vorstellbar.

    Jean Echenoz macht uns mit dem “Meister” wie einem Sonnenkönig beim “Levée”, nämlich in der Badewanne, zuerst bekannt, die Ravel unwillig verlassen muss, weil der neben Strawinsky berühmteste Komponist seiner Zeit sich Ende 1927 auf eine große - ebenso luxuriöse wie strapaziöse USA-Tour - begibt, die einem Triumphzug gleicht, auf der er den bewunderten Gershwin trifft, sich durch Tanzpaläste, Jazzkneipen, Riesenkinos und Negerrevuen schleppen lässt, bei Milliardären tafelt, in Hollywood mit Douglas Fairbanks jr. und Charly Chaplin zusammen kommt und überall auf Bewunderer trifft. Nur das Essen ist für den Gourmet überall gleich schlecht.

    Jean Echenoz benutzt Ravels Reise auf dem Luxusliner “France”, deren pralle Evokation ein Drittel dieser Phantasie über einen Kulturstar einnimmt, und dann später seine Fahrten mit amerikanischen Luxuszügen zur pointierten Skizze eines geschwinden, aufregenden Lebens in Überfluss und Komfort. Der französische Schriftsteller hat sich ganz offensichtlich tief in das glänzende Ambiente der Roaring Twenties & Thirties verliebt - als “die Moderne” mit Tonfilm, Radio, Jazz, Automobilen und einem tänzerischen Lebens-Tempo das Versprechen eines voll technifizierten Paradieses zu suggerieren schien.

    Das Taxi-Attentat von Paris

    Da, eines nachts in Paris - Ravel hat ein Taxi genommen, um vom Theater in sein Hotel zu kommen - rast ein anderes Taxi in seines - und Echenoz beschreibt den Unfall wie ein Attentat der rasenden Technik gegen den Leib des Komponisten: “Die Trennscheibe im Taxi zerbirst und wird zu einer doppelten Klinge, die den Fahrgast Ravel in der Mitte durchschneiden möchte. Das gelingt ihr nur unvollkommen, sie kann ihm nur drei Rippen eindrücken, was sich für ihn anfühlt wie ein brutaler Stich in die Brust, wie das Negativ einer Beule, und ihm drei Zähne ausschlagen, während die Glassplitter sich darum kümmern, ihm das Gesicht zu zerschneiden”.
    Nachdem man ihn äußerlich “zusammengeflickt” und sein Gebiss wieder hergestellt hat, sucht er zur Beobachtung eine Klinik auf, weil er an inneren Verletzungen zu leiden scheint, ohne dass er etwas sagt oder klagt - “außer, dass er hin und wieder bemerkt, bisweilen setze seine Denkfähigkeit aus, sie funktioniere nicht immer wie
    gewohnt”.

    Obwohl man ihn mit Elektrizität, Spritzen, Hypnose, Homöopathie, Krankengymnastik, Suggestion - also mit einem “Haufen Mittel” traktiert, “bis man den Überblick verliert”, beginnt sich Ravels ohnehin immer labiler Gesundheitszustand rapide zu verschlechtern, mehr und mehr versagt ihm sein Körper den Dienst: er kann nicht mehr schwimmen und schreiben, erkennt seine Musik als seine eigene nicht mehr, an Komponieren ist nicht mehr zu denken, er wird zunehmend “ein Phantom seiner selbst“.

    Ein gehirnchirurgischer Eingriff durch eine französische neurologische Koryphäe, wozu ihn seine ratlosen Freunde überredet haben, bringt aber weder Erkenntnis noch Besserung, man vernäht den aufgeschnittenen Schädel wieder und zehn Tage später stirbt Ravel: “Man kleidet seinen Körper in einen schwarzen Anzug, weiße Weste, harten Stehkragen mit umgebogenen Ecken, weiße Fliege, helle Handschuhe, es gibt von ihm kein Testament, kein bewegtes Bild, nicht eine einzige Aufnahme seiner Stimme”.

    Zeitporträt und Parodie der Biografistik

    Jean Echenoz bringt das erstaunliche Kunststück fertig, sowohl ein biografisches Porträt Ravels in seiner Zeit, wie auch eine humoristische Parodie auf die positivistische Biografistik zu schreiben. Das Geheimnis von Ravels innerem Leben enthüllt auch Echenoz nicht. Keine Einfühlung also in ein musikalisches Genie, keine Seelenkrämpfe der privaten Person, sondern ironisch-lässige, manchmal despektierliche Deskription, um jeglichen hagiographischen Anflug zu vermeiden. Ein Bild, das den gerade mit der Ehrendoktorwürde der Universität Oxford ausgezeichneten Ravel zeigt, kommentiert Echenoz knapp: “Er schaut auf dem Foto etwas dämlich aus”; ein graphologisches Gutachten, das nach einer Surrealisten-Seance von Ravels Handschrift verfasst wurde, bezeichnet er als “restlos idiotisch”.
    So ist der Autor von der ersten Zeile an (“Bisweilen ringt man mit sich, ob man wirklich aus der Badewanne steigen soll”) immer präsent als Strippenzieher seines Puppenspiels.

    Nicht zuletzt in diesem Spiel mit dem Leser besteht der literarische Reiz dieser erzählerischen Komposition im Grenzverkehr zwischen Biographie, Essay, Selbstgespräch und erzählerischer Vorführung eines Künstlers in seiner Zeit. Wenn der Erzähler die Anwesenden eines Festes in Ravels Haus erwähnt, dann versichert er seinen Lesern mit augenzwinkerndem Witz: “Es sind also nicht wenige Leute da, die Sie nicht zu kennen brauchen, so René Kerdyck, Szy Welty oder Pierre-Octave Ferroud, aber auch manche, von denen Sie vielleicht gehört haben, Arthur Honegger, Léon-Paul Fargue oder Jacques Ibert”.

    Echenoz nimmt sich selbst auf die Schippe

    Oder bei seinen wiederholten Überlegungen, wie Ravel seine lebenslange Schlaflosigkeit durch verschiedene “Techniken” hätte überwinden können, obwohl er gleich “Einwände” dagegen vorbringt, meint Echenoz einmal, dass Ravel “ doch eigentlich auch versuchen (könnte), mit jemandem anderen zu schlafen, oder. Man findet den Schlaf manchmal leichter, wenn man im Bett nicht so allein ist. Das könnte er immerhin mal versuchen. Aber nein, nichts zu machen. Dass er irgendwem voller Liebe zugetan gewesen wäre, ob Mann, ob Frau, man weiß es nicht”. Und dann zählt er auf, was man von Ravels Erotik, Sexualität oder Heiratswünschen (angeblich) “weiß”: es folgt eine komische Parade von o­ndits, wie sie ein biographischer Rechercheur kolportiert, um am Ende zu resümieren: “Kurz, man weiß nichts, praktisch nichts. (...) Reden wir nicht mehr davon”.

    Wie Echenoz hier die schnüffelnde Sammelwut der biografistischen Literatur ironisiert, so suggeriert er an anderen Stellen, dass er sich auf Fotos bezieht, die er erzählerisch ausbeutet - wobei es sich auch um Fakes handeln könnte - und nimmt derart auch den vornehmlich angelsächsischen Detailpositivismus aufs Korn, besonders absurd etwa, wenn er uns bei Ravels Unfall nicht nur die Automodelle der Taxis mitteilt, sondern auch die Namen ihrer Fahrer überliefert und deren unterschiedliche Teints und Mützen.

    Besonders übermütig aber ist Echenoz´ stilistischer Witz, wenn er sich selbst auf die Schippe nimmt, z.B. als er Ravel beim Versuch imaginiert, den Wellenbewegungen des Meers ein musikalisches Motiv abzulesen: “Nach einer kleinen Weile jedoch ist es klar, dass keinerlei Motiv auftaucht und auch Ravel es überdrüssig wird, der Schatten der Langeweile zeigt sich um seine spitze Nase, Hand in Hand mit der bumeranggleichen Rückkehr der Müdigkeit: Dies Durcheinander von Metaphern beweist zusätzlich, dass es nicht verkehrt wäre, sich ein wenig hinzulegen”: eine doppelt-ironische Empfehlung sowohl für den ermüdeten Helden wie für seinen literarischen Beschwörer, der ihn mit Metaphern vernebelt hatte.

    (Neben zwei “private jokes“, die sich Echenoz mit Faulkner und dem Jazzer Gerry Mulligan erlaubt, hat er wohl einen zutiefst persönlichen Wink in seinem “Ravel” versteckt - dort, wo er dreimal aus Joseph Conrads Roman “Der goldene Pfeil” zitiert.)

    Das außerordentliche, kurzweilige Lesevergnügen an dieser subtilen stilistischen Mehrstimmigkeit verdanken wir natürlich dem fabelhaften deutschen Übersetzer Hinrich Schmidt-Henkel, der immer genau den Ton für diese unfeierliche, launige Erzählmusik aus der Feder von Jean Echenoz gefunden hat, dem hier ein literarisches Meisterstück gelungen ist, in dem Tragik & Komik sich auf das Eigenwilligste verbinden: zur “Pavane” & “Bolero” für Maurice Ravel.

    Wolfram Schütte


    Jean Echenoz: Ravel.
    Roman. Aus dem Französischen von Hinrich Schmidt-Henkel.
    Berlin-Verlag, Berlin 2007,
    110 Seiten 18 ¤

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