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    TITEL kulturmagazin
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    Nicole Nottelmann: Die Karrieren der Vicki Baum

    01.03.2007

    Es war alles ganz anders
    Ihr Klassiker „Menschen im Hotel“, der in über 20 Sprachen übersetzt und brillant mit Gerta Garbo verfilmt wurde, verhalf der Autorin Vicki Baum zu einem internationalen Ruf als Bestseller-Autorin. Doch kaum einer weiß um die vielen anderen Gesichter dieser Frau: Konzertharfenistin, Ghost-Writer für ihren ersten Ehemann, Ullstein-Redakteurin, Drehbuchautorin, Gattin eines Generalmusikdirektors, Mäzenatin und Expertin im Selbstmarketing. Die erste Biographie dieser überaus agilen Schriftstellerin blättert nun all diese Facetten auf.

     

    Hedwig Baum wird 1888 als einzige Tochter des herrschsüchtigen jüdischen Beamten Hermann Baum und dessen labiler Ehefrau Mathilde geboren. Da sich der Vater sehnlichst einen Sohn (Viktor) gewünscht hat, wird Hedwig „Vicki“ gerufen. Als sie neben ihrer zeitraubenden Musikausbildung die depressive und später krebskranke Mutter pflegt, zeichnet sich ein Lebensmuster ab, das die junge Frau ein Leben lang begleiten wird: „Ich glaube, dass Widerstände, Herausforderungen und Missachtungen gesünder sind für den Charakter als das gottverdammte Bemuttern und Verhätscheln…“

    Kurzen schwärmerischer Liebschaften folgt die Ehe mit dem Möchtegern-Schriftsteller Max Prels, der Schreibhemmungen mit Alkohol bekämpft, während seine Gattin Artikel in seinem Namen verfasst. Sie spürt, dass sie hervorragend unter Druck schreiben kann – und das neben ihren vielfältigen anderen Verpflichtungen als Harfenistin und Musiklehrerin. Nach der Scheidung von Max Prels folgt Vicki 1906 dem Dirigenten Richard Lert, den sie später heiraten wird, nach Darmstadt, Kiel, Hannover, Mannheim. Nach Geburt des ersten Sohnes Wolfgang versucht sie sich vergeblich als Nur-Hausfrau und Kapellmeister-Gattin, doch ihr Unabhängigkeits- und Schreibtrieb siegt. 1919 unterzeichnet sie den ersten Vertrag mit dem Ullstein-Verlag und verfasst mit erstaunlicher Selbstdisziplin in rascher Folge mehrere Romane.

    Mit Ullstein verbindet Vicki Baum eine lange, fruchtbare Zusammenarbeit. In einem aufstrebenden Markt für Unterhaltungsliteratur und flott geschriebene Alltagsstories agiert Vicki als Redakteurin für die „Berliner Illustrierte Zeitung“, die „Dame“ und den „Uhu“. Ihr Witz, ihre Offenheit, ihr Charme treffen exakt den Nerv der Zeit. 1926 zieht Vicki in eine geräumige Dachwohnung in den mondänen Berliner Vorort Grunewald. Abends, nach der Redaktionsarbeit, schreibt sie in einer winzigen Nische im Wohnzimmer zahlreiche Romane. „Stud. Chem. Helene Willfüer“ verkauft sich erfolgreich in über 100.000 Exemplaren. Mit 41 Jahren avanciert Vicki Baum zum Medienstar. 1929 erscheint „Menschen im Hotel“, dessen Theateradaption auch am Broadway ein reißender Erfolg wird. Als die Story 1931 in Hollywood verfilmt und mit einem Oscar prämiert wird, verlässt Vicki Baum mit ihrer Familie Europa.

    Im Schnellverfahren passt sie sich – auch äußerlich – dem amerikanischen Stil an, betreibt beachtliches Selbstmarketing und arbeitet fast 15 Jahre als Drehbuchautorin für Paramount und Metro-Goldwyn-Mayer. Nach Annahme der amerikanischen Staatsbürgerschaft schreibt sie nur noch in Englisch. Zahlreiche Reisen führen sie nach Neuseeland, Shanghai, Hongkong, Japan, China und Bali. Mit einer unglaublichen Neugierde speichert sie alles Gesehene ab und transformiert es in Literatur („Liebe und Tod auf Bali“, „Hotel Shanghai“). 1960 stirbt sie in Los Angeles an Leukämie. 1962 erscheint posthum ihre Autobiographie „Es war alles ganz anders“.

    Nicole Nottelmann, die bereits 2002 unter dem Titel „Strategien des Erfolgs“ über Vicki Baum promoviert hat, entwirft eine groß angelegte, präzis recherchierte Biographie, die mit einer Überfülle an Fakten glänzt. Ein umfangreiches Quellenverzeichnis listet benutzte Werke, Briefe, Nachlässe und Fotografien auf. Nottelmanns Anliegen, Vicki Baums Oeuvre von etwa 30 Romanen, zahlreichen Erzählungen und Bühnenstücken retrospektiv aus den Niederungen der trivialen Unterhaltungsliteratur zu befreien, ist mehr als gelungen. So wird die Autorin als ambitionierte und emanzipierte Frau dargestellt, die, allen Widrigkeiten zum Trotz, professionell, pragmatisch und überaus produktiv an ihrer Karriere gearbeitet hat: eine Selfmade-Woman, wie sie im Buche steht. Hierbei sind Leben und Werk stark miteinander verwoben – mit ein reizvoller Grund, Vicki Baums Romane, die teilweise nur noch antiquarisch erhältlich sind, neu zu entdecken.

    Ingeborg Jaiser


    Nicole Nottelmann: Die Karrieren der Vicki Baum: eine Biographie.
    Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2007.
    441 S., zahlr. Fotos
    ISBN 978-3-462-03766-1
    Preis: 22,90 Euro




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