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    TITEL kulturmagazin
    Samstag, 19. August 2017 | 07:36

     

    Wilhelm Voigt: Wie ich Hauptmann von Köpenick wurde

    14.01.2007


    Glauben Sie diesem Mann kein Komma!

    Höchst unterhaltsam tritt die Autobiographie von Wilhelm Voigt einen Beweis an: «Der Hauptmann von Köpenick» war kein kleiner Gauner, sondern ein Schelm und Schlitzohr von Format.

     

    Eine der offensichtlichen Stärken von Carl Zuckmayers Der Hauptmann von Köpenick liegt darin, zahlreiche künstlerische Widersprüche aufzuwerfen und nicht wieder zu kitten. Bei der Lektüre weiß man schließlich bis zum Schluss nicht, ob man lachen oder weinen soll. Zuckmayers wohl bekanntestes Buch über den Schuhmacher Wilhelm Voigt, der als falscher Hauptmann für kurze Zeit die Macht im Berliner Stadtteil Köpenick narrt, ist formal ein Drama, kann aber auch als Komödie gelesen werden.

    Es macht die Verfasstheit des einzelnen Bürgers im Deutschen Kaiserreich genauso gut sichtbar wie die des preußischen Militär- und Beamtenkollektivs, vereint dabei so unterschiedliche literarische Traditionen wie das Märchen und die Charakterstudie und vermischt wie selbstverständlich Fakten und Fiktionen. Also alles, was man von großer Dichtung erwarten darf.

    Verbrecher findet endlich seinen Verlag

    Bei Biographien und Autobiographien hingegen ist die Erwartungshaltung zumeist eine andere. Hier sollen eher Fakten sprechen, schließlich will man etwas über die Person und die Zeit, in der sie lebt, erfahren. Und wieder ist es Wilhelm Voigt, der mit seiner erstmals 1909 erschienenen und nun wiederveröffentlichten Autobiographie alles in Unordnung bringt.
    Zunächst fällt auf, dass Voigts Lebensbericht, der immerhin fast drei Jahrzehnte Haft-, oder wie es damals noch hieß: Zuchthauserfahrung reflektiert, einen Verlag mit einem passenden Namen gefunden hat: den kleinen Berliner Verbrecher Verlag.

    Erst lachen bloß die Untertanen

    Und dann hat mit Ludwig Lugmeier auch noch ein ehemaliger Bankräuber und einer der einst meistgesuchtesten Verbrecher der Bundesrepublik ein kenntnisreiches Nachwort verfasst. Am schönsten aber ist die Autobiographie selbst, da sie es mit der Wahrheit nicht so genau nimmt und im Stil eines Schelmenromans daherkommt.

    Voigt, dieser «Gewohnheitsverbrecher und Outlaw» (Lugmeier), erzählt, wie es dazu kam, dass er als 57-jähriger am 16. Oktober 1906 die deutsche Staatsmacht erschütterte – «erst unter dem Gelächter der Untertanen, dann unter dem Hohn der restlichen Welt», wie Lugmeier es treffend zusammenfasst.

    Auch Schuster müssen in den Krieg

    Der Bericht des künftigen Hauptmanns beginnt wahrheitsgemäß bei seiner Geburt im Jahr 1849 in Tilsit. Der Vater und die Großväter seien Soldaten gewesen, und so wundere es nicht, dass «was den Knaben erfreut, anstachelt und mit Begeisterung erfüllt, die Waffen (sind) und die bunten Uniformen, die mit Musik hinausziehenden Krieger. Ich war immer ein besonderer Verehrer des Militärs.»

    Schon auf der ersten Seite beginnt man an der Wahrheitsliebe des Erzählers zu zweifeln, erfährt man doch aus der Chronik im Anhang, dass Vater Voigt Schuhmacher war. Aber gut, mag man sich trösten, auch Schuster werden wohl im Krieg zum Militär eingezogen.

    Verbrechen aus Versehen

    Was nun kommt, ist hochkomisch, denn es häufen sich die «Unglücke»: Auf dem Weg nach Königsberg wird Wilhelm Voigt wegen Bettelei verhaftet und zu 48 Stunden Haft verurteilt. Wegen dieser Vorstrafe hat er keine Chance mehr beim Militär, der Vater rastet aus, der Erzähler flieht halbnackt ins Nachbarhaus, leiht sich dort Kleider, wird wieder verhaftet und wegen Kleiderdiebstahl erneut bestraft.

    Es folgt eine Schuhmacherlehre in Tilsit. Über Königsberg, Danzig und Stettin gelangt Voigt nach Berlin, wo er in einer Fabrik arbeiten will und ganz nebenbei – quasi aus Versehen, so seine Sicht der Dinge – eine Postanweisung fälscht. Die Polizei ermittelt, auf der Flucht versucht er sich an weiteren gefälschten Postanweisungen, das Ergebnis besteht aus zwölf Jahren Zuchthaus.

    Musikalischer Häftling

    In der Strafanstalt Moabit betreibt der Autor intensive «geschichtliche Studien» mit einer für ihn typischen Erkenntnis: «Es ergab sich für mich als Resümee, dass Gewalt allemal vor Recht geht und dass der Begriff 'Recht', wie man ihn auffasst, in Wirklichkeit eine reine Idee, d.h. illusorisch ist. So ergibt sich denn aus der erlangten Gewalt (wie z.B. in Amerika) allemal ein Rechtszustand, der so lange Geltung hat, als die gegenwärtige Gewalt besteht.»

    Wo Voigt genauer über seine Zeit im Gefängnis spricht, dann nur in selbstverliebten Andeutungen; hier mag ihn der Direktor wegen seiner Musikalität, dort wollen sich die anderen Gefangenen wegen seiner Bildung und Hilfsbereitschaft mit ihm anfreunden. Weit mehr zu erzählen hat er erst nach der vollständig abgesessenen Haftzeit über die wieder gewonnene Freiheit.

    Hochzeit in Obornek

    Es geht plötzlich drunter und drüber – Voigt spricht immer wieder von einer nicht näher bezeichneten «leitenden Stellung», die seinen Beruf ausmache - und hin und her: nach Frankfurt/Oder, Berlin, Erfurt, Eisenach, über Prag, Wien («Mir wurde mein Recht nicht, und ich ging weiter nach Budapest») und Odessa nach Potsdam. Man glaubt ihm schon lange nichts mehr, nicht mal mehr die Satzzeichen.

    Deswegen kann es auch nicht mehr verwundern, wie Voigt nach einer ausschweifenden Hochzeitsfeier in Obornek angeblich wegen des Diebstahls eines Musikinstruments verhaftet und zu einem Jahr Gefängnis verdonnert wird. Aus der Haft erfährt man nur etwas von einer Bekanntschaft mit dem Gefangenen Kallenberg.

    Immerwährender Ruhm

    Dieser hält wohl auch nach der Entlassung der beiden Kontakt. Voigt schreibt jedenfalls: «Allmählich trat mir nun Kallenberg mit seinem Ansinnen näher, ein neues Geschäft mit ihm zu machen.» Gemeinsam versucht man die Gerichtskasse in Wongrowitz zu plündern, was Voigt, weil die Justiz ihn partout nicht verstehen will, noch einmal 15 Jahre Zuchthaus einbringt.
    Und so weiter und so fort. Hätte das Buch keinen festen Einband, so fiele es vor lauter Verdrehungen spätestens an der Stelle auseinander, wo der Streich von Köpenick nach Voigts Darstellung nur ein Missverständnis um einen nicht ausgestellten Pass ist und einen immerwährenden Ruhm begründen soll.

    Die Hohlheit der Macht

    Es ist an Lugmeier, im Nachwort korrigierend und lobend zugleich einzugreifen. Gut begründet führt er aus, dass es Voigt in Köpenick natürlich «nicht um einen Pass, sondern um Geld» ging. «Zwei Millionen Mark, so hatte er geglaubt, würden im Panzerschrank liegen.»
    Tatsächlich habe außerdem kaum jemand gegenüber Voigt Sympathie gezeigt. Das aber sei nicht fair, denn: «Er hatte die Hohlheit der Macht entlarvt, zugleich aber auch dem Staatsbürger einen Spiegel vorgehalten, in dem dieser sich in seiner obrigkeitshörigen Erbärmlichkeit sehen konnte.»

    Schnödes Ende in Luxemburg

    Die Erstausgabe der Autobiographie entstand kurz nach Voigts Entlassung aus der Haft und unter Mithilfe des Kriminalschriftstellers Hans Hyan. Viel Geld hat sie Voigt nicht gebracht; er starb 1922 völlig verarmt in Luxemburg. «Als kriminelles Dokument ist Voigts Autobiographie von hohem Wert», lautet Lugmeiers Fazit. Schade, dass er nicht auch erwähnt, wie unterhaltsam dieses Buch ist.

    Maik Söhler

    (Beitrag ersterschienen in Netzeitung vom 03. 01. 2007)


    Wilhelm Voigt: Wie ich Hauptmann von Köpenick wurde. Ein Lebensbild. Mit einem Nachwort von Ludwig Lugmeier. Verbrecher Verlag 2006. 128 Seiten. 14,99 Euro.

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