W. Benjamin: "... wie überall hin die Leute verstreut sind ..."
15.11.2006
Wie das Private öffentlich wird
Jemandem, der in seinen intimen Aufzeichnungen oder in Notizbüchern blättert, heimlich über die Schulter schauen, um vielleicht ein Wort, einen Namen zu identifizieren, hält neben dem Reiz des Verbotenen auch die Befriedigung der Neugier bereit. Aber der Voyeur hat es schwör, nicht von ungefähr waren und sind die Poesiealben mit kleinen Schlössern ausgerüstet.
Aber es gibt Menschen, denen es nichts ausmacht, daß die Öffentlichkeit sich in ihrer Intimität breit macht. Ob Walter Benjamin zu seinen Lebzeiten erfreut gewesen wäre, wenn damals schon ein persönliches Adressbuch als Faksimile und mit Kommentaren versehen publiziert worden wäre, ist nicht bekannt. Genau das jedoch ist jetzt geschehen. "... wie überall hin die Leute verstreut sind..." heißt das von Christine Fischer-Defoy herausgegebene und kommentierte Buch, das Benjamins "Adressbuch des Exils 1933-1940" vorstellt.
Walter Benjamin emigrierte am 17. März 1933 nach Frankreich, wo er, mit mehreren Unterbrechungen, bis Juni 1940 lebte. Vor den in Paris einrückenden deutschen Besatzern flüchtete er über Lourdes und Marseille über die Pyrenäen nach Spanien. Dort starb er in dem kleinen Grenzort Port Bou, vermutlich an einer Überdosis Morphium. Das kleinformatige (7 x 4,4 cm), grüne Adressbuch ließ er in seiner Wohnung in de Pariser Rue Dombasle 10 zurück. Die Flucht muss überstürzt gewesen sein, denn das Büchlein hatte Benjamin in den letzten sieben Jahren, während der gesamten Exilzeit, überall hin begleitet.
Christine Fischer-Defoy beschreibt ausführlich die Überlieferungsgeschichte des Adressbuches und erläutert, soweit möglich, dessen Datierung. Dann wird es interessant: die Reproduktion des Adressbuches in der Originalgröße auf schwarzem Hintergrund. Schon beim ersten schnellen Durchblättern fallen bekannte Namen ins Auge: Hans Eisler 47 Rue d'Amsterdam. Oder: Kracauer Madison Hotel 143 Bd S Germaine. Zum Adressbuch gehören zusätzlich zwölf Postkarten, auf deren Rückseite Walter Benjamin engzeilig weitere Adressen aufgeschrieben hat. Mit allen vorkommenden Namen hätte sich spielend eine Vollversammlung deutscher Emigranten einberufen lassen, unter ihnen Bertolt Brecht, Gershom Scholem, Kurt Weill, Martin Domke, Gisèle Freund, Yvan und Claire Goll.
Den weitaus größten Teil des Buches nimmt die Kommentierung ein, denn zu jedem Namen, zu jeder vermerkten Institution hat Christine Fischer-Defoy ausführliche Kommentare abgegeben. Die reichen von kurzen biographischen Statements bis zur Einordnung in Benjamins Leben, zitieren aus Briefen oder nennen nur die Pariser Adresse. Das Adressbuch zeugt von der Existenzangst der Emigranten, was sich auch an den häufigen Wohnungswechseln ablesen lässt. "Es zeugt von einem Leben, dessen wesentliches Merkmal die ständigen Wohnungswechsel aller Beteiligten waren. Sieben verschiedene Adressen hat Benjamin innerhalb weniger Jahre etwa zu Werner Kraft notiert, sechs zu Theodor Wiesengrund Adorno, fünf sind es bei Margarete Steffin und Siegfried Kracauer...".
Großzügig illustriert, zeigt sich das Buch zu Walter Benjamins Exil-Adressbuch als ein zeitgeschichtliches Dokument des Privaten, das, allem Voyeuristischem zum Trotz, der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde. Christine Fischer-Defoy hat mit ihrer Publikation eine wichtige editorische Arbeit zu Leben und Werk Walter Benjamins herausgegeben.
Klaus Hübner
Walter Benjamin: "... wie überall hin die Leute verstreut sind ...".
Das Adressbuch des Exils 1933-1940.
Herausgegeben und kommentiert von Christine Fischer-Defoy.
Koehler & Amelang. Leipzig. 2006.
Mit zahlreichen Abbildungen. 240 Seiten.
ISBN: 3-7338-0346-9.
24,90 Euro.