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James Boswell: Dr. Samuel Johnson. Leben und Meinungen

07.02.2004



Die Mutter aller Biografien

 

James Boswell porträtiert Dr. Samuel Johnson




 

Die englische Literatur ist reich gesegnet mit exzentrischen Büchern, die zu ihrem klassischen Bestand zählen; und die beiden herausragendsten sind Biographien: die fiktive Autobiographie "The Life and Opinions of Tristram Shandy, Gentleman" (1759/67) von Laurence Sterne und "The Life of Samuel Johnson" (1791) von James Boswell. Beide Autoren sind, trotz Sternes wunderbarer "Sentimental Journey", Ein-Buch-Autoren.
Sternes mehrbändige fragmentarische Autobiographie seines Titel-Helden, der schon bevor er überhaupt auf die Welt kommt und erwachsen ist, die Welt schon mit seinen "Ansichten" von ihr heimsucht und mit skurrilen Typen bevölkerte, hat aus der "Abschweifung", also der Unterbrechung biographisch-zeitlichen Fortschreitens, eine humoristische Methode gemacht, die ein uneinholbares avantgardistisches Unikat blieb, wenngleich sie Nachfolger von Jean Paul bis Thomas Bernhard fand. Sternes Uncle Toby noch mehr als Tristram Shandy selbst gehört zu den unsterblichen Figuren englischer literarischer Fiktion.

Unsterblich hat sich aber auch zusammen mit seinem wirklichen Helden, Dr. Samuel Johnson (1709/84), erst recht der schottische Rechtsanwalt und exzessive Tagebuchschreiber James Boswell (1740/95) gemacht. Ihn gäbe es als Autor nicht ohne den, dem Boswell sein umfängliches literarisches Denkmal errichtet hat. Dr. Johnson, der seinen akademischen Titel nur honoris causa trug (obgleich er als alleiniger Autor eines ersten englischen Wörterbuchs ihn zurecht verdient hatte), wäre jedoch ohne Boswells Biographie so allgemein unbekannt wie seine Zeitgenossen Goldsmith oder Sheridan heute, und nur noch der Name für eine historische Fußnote in der britischen Literaturgeschichte.

Wenn aber Dr. Johnson heute noch der nach Shakespeare meistzitierte britische Autor ist und er von allen Prosaisten in den großbrittanischen Lexika weit vor Dickens oder Thackeray den meisten Platz eingeräumt bekommt, so nicht wegen seines publizierten schmalen Oeuvres zumeist literarischer Kritik, sondern einzig und allein aufgrund von Boswells Biographie.
Der dreißig Jahre jüngere Biograph verdankt seine sowohl wie Dr. Johnsons Unsterblichkeit einer genialen Idee: sich zielbewusst zum Augen- & Ohrenzeugen seines biographischen Objektes gemacht zu haben, was ihm erlaubte, das sich im Gespräch verschwendende und erst dabei verschwenderisch zu Gott & der Welt äußernde Genie des kolloquialen Dr. Johnson aufzubewahren, ja dessen Alltagsäußerungen für die Nachwelt zu retten. Er wurde zu Johnsons "Eckermann" - wie dieser im Umgang mit Goethe zu dessen "Boswell", den er imitierte. Beide Großen haben die Jüngeren wissentlich um sich geduldet und ihren bio-stenografischen Eifer gefördert, und Boswell ist dadurch zum Erfinder der intimen Biografie der Moderne geworden.

Nur wissen wir genauer, wie penibel Boswell als Sammler & Jäger gearbeitet hat - manchmal spricht er sogar direkt in seinem Buch davon - und er scheut sich auch nicht, das Patchwork seiner Recherchen, Briefe, Berichte und vor allem Gespräche mit und über Dr. Johnson in sein monumentales Werk einzumontieren, wohingegen Eckermann die Ausgangsmaterialien seiner Gespräche mit Goethe vernichtet hat, vom selbstbewussten Auftreten des reichen Boswell gegenüber dem "Schottenfresser" Johnson und dem ehrerbietig-servilen Gestus des armen Schluckers Eckermann ganz zu schweigen. Das unterschiedliche Verhältnis der beiden Porträtisten zu den von ihnen gesprächsweise Porträtierten hat ihre Zeugnisse mitgeprägt.
Bei Boswell jedenfalls sitzen wir mitten unter den anderen Gesprächspartnern und Freunden Dr. Johnsons als stumme Zeugen am Tisch, meist in einem der Wirtshäuser, wohin der (wie Goethe) "unmäßig" Essende oft auch seine Besucher mitschleppte. Der Stuhl im Wirtshaus war ihm "der Thron menschlicher Glückseligkeit", dort sei er aller Sorgen enthoben, die Bedienung sei immer auf dem Sprung, der Wein bringe ihn in Stimmung und wenn er dann "in der Unterhaltung mit denen, die ihm die liebsten sind, Behauptungen aufstellt und Widerspruch erregt", so ist es eben "dieser Streit der Meinungen und Überzeugungen, was mir gefällt". Es ist diese Lebens- & Redephilosophie des geselligen Austauschs, die Johnsons Äußerungen in die Nähe des "Stammtischs" versetzt (und nicht wenige seiner Ansichten & Meinungen auch) - "rettete" ihn nicht doch meistens seine buchstäblich schlagfertige Intelligenz, sein paradoxaler Witz und seine erstaunliche dialektische Phantasie. Die Lust am begründeten Widerspruch teilt er mit seinem späteren Bewunderer Chesterton, und wenn dieser tollkühne englische Katholik einmal sogar am gleichen Ort zwei völlig einander entgegengesetzte Reden hielt, so behauptete bereits Dr. Johnson von sich, er könne dergleichen rhetorische Virtuosenstücke auch.

Was Johnson zu jeder Tags- & Nachtzeit neben Alkoholika jedoch an Tee konsumierte, ist schon phänomenal und gehört womöglich als inspirierende Wachheitsdroge für erstaunliche Geistesgegenwärtigkeit zu den Spezifikua der englischen Nation bis in unser Jahrhundert. Vielleicht bietet gerade seine Teapot-Säuferei das banalste Einfallstor für die fortdauernde Bewunderung Johnsons bis heute (?) in der englischsprachigen Welt. Boswell hat den ihn in allen seinen bornierten und gefährdeten, merkwürdigen und eigentümlichen Haltungen, Meinungen und Handlungen als englischer Nationalcharakter vor Augen gestellt. Dr. Johnson lebt - als wäre es der Held eines kolossalen Romans.

Auch wird einem im Vergleich von Boswell & Eckermann (im duodezfürstlichen Weimar) so recht deutlich, wie stark die urbane Weltmetropole London schon im 18.Jahrhundert den "common sense" der von Dr. Johnson mehrfach erwähnten und sogar schon sozialphilosophisch reflektierten "Handelsnation" geprägt, ja ihn hervorgebracht hat - den "common sense" des "Vernüftig-Praktikaben", für dessen Inbegriff der offenbar von seinen intellektuellen politischen & künstlerischen Zeitgenossen geachtete, bewunderte und stadtbekannte Dr. Johnson angesehen wurde. Als Typus, der nie um ein Widerwort verlegen war, aus Lust & Laune Streit suchte und sich in seinen literarischen wie sonstigen Urteilen ebenso selbstherrlich borniert und pragmatisch apodiktisch äußerte, entspricht ihm fast passgenau in unserer Zeit der einstige Primgeiger und Solist des "Literarischen Quartetts". Freilich politisch war der manisch-depressive, ebenso rechthaberische wie freigiebige englische Literaturkritiker im Gegensatz zu seinem deutschen Widergänger stockreaktionär, chauvinistisch und misogyn.

Dieses alles in allem einzigartige Buch, das jeder Menschen-Kenner und jeder Liebhaber der englischen Literatur oder Angolophile einfach kennen muss, ist in den Fünfziger Jahren im Zürcher Manesse-Verlag von dem Kenner Fritz Güttinger übersetzt und mit einem ansprechenden Vorwort herausgegeben worden. Zugleich wurde ihm noch Boswells Tagebuch seiner Reise mit Dr. Johnson auf die Hebriden beigegeben, samt einer Vielzahl von Stichen, Porträts und Bildern. Der Diogenes-Verlag hat nun dankenswerter Weise das schon einmal vor 20 Jahren von ihm übernommene Buch neu aufgelegt - und wer 13,90 Euro, die es für seine 818 (!) Seiten kostet, ausgeben kann, wird für einen Seitenpreis von etwas mehr als einem Cent in unseren Buchhandlungen keinen höheren Gebrauchswert & literarischen Lustgewinn erwerben können - als James Boswells Augen- & Ohrenzeugen-Bericht von dem seltsamen Dr. Samuel Johnson.


Wolfram Schütte


James Boswell: Dr. Samuel Johnson. Leben und Meinungen. Mit dem Tagebuch einer Reise nach den Hebriden.
Herausgegeben und aus dem Englischen von Fritz Güttinger.
Diogenes-Verlag, Zürich 2002
Taschenbuch. 818 Seiten, zahlr.Abb. 13,90 Euro

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