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    TITEL kulturmagazin
    Sonntag, 20. August 2017 | 19:24

    Martin Walser: Leben und Schreiben

    16.02.2006

    Beim Köcheln zu beobachten

    Man müsste schon ein sehr spezielles philologisches Interesse daran haben, dem jungen Martin Walser bei der “Verfertigung seiner Gedanken” zu Figuren, Personen und Stoffen als bestellter Kiebitz über die Schulter zu sehen - um während dieser Parade von Vorarbeiten, Varianten oder Irrläufen bei der Stange zu bleiben. Kurzum: an diesem inneren konzeptionellen Widerspruch von “Leben und Schreiben” dürften die meisten seiner Käufer schließlich als seine Leser scheitern. Aber ein paar blitzende literarische Edelsteine konnten sie doch unterwegs auflesen. Von WOLFRAM SCHÜTTE

     

    Man kann diese Präsenz-Gier für Eitelkeit, Egozentrik oder schlicht für materielles Interesse halten - oder aber für jene Pazifizierung einer urtümlichen Autorenangst, die Jean Paul in seiner “Selberlebensbeschreibung” einmal im Bild des Kindes zusammendrängte, das unter der Kanzel des in einer Dorfkirchen predigenden Vaters saß und das Verlangen hatte, auszurufen: “Ich bin auch da!“ Da sein, hier sein, Autor sein: damit Ihr mich nur nicht vergesst!

    Für einen Autor, der sich nicht zu Unrecht rühmt, dass ihm alles zur Sprache wird (natürlich ist für diesen Midas aber nicht alles Gold, was ihm sprachlich glänzt) und der offenbar leicht schreibt, worüber es ihn dazu gelüstet, ist es natürlich auch ein Problem, mit der eigenen Produktivität fertig zu werden. Martin Walser ist jedenfalls ein Schriftsteller, der seinem gewählten Beruf - ob aus Lust & Laune oder aus Disziplin - “professionell” immer nachgegangen ist und dabei das eigene gelebte Leben, das seiner Freunde, Feinde & Bekannten schreibend auf- & verzehrt hat, wie die Biographien von Menschen, die sie ihm zur Verfügung stellten, zu Romanen verarbeitet hat - was ja nicht der unsympathischste Vertrauensbeweis seiner Leser ist.

    “Schreiben”, schrieb der einunddreißigjährige Schriftsteller, der gerade seinen ersten Roman ”Ehen in Phillipsburg” (1957) veröffentlicht hatte, “Schreiben ist nur dann gerechtfertigt, wenn man es auch täte, ohne je Aussicht auf Veröffentlichung zu haben. Kein Autor darf verlangen, dass er gelesen wird. Heutzutage darf man keinem Menschen zumuten, dass er Bücher liest. Schreiben ist wie das Einrichten einer Wohnung: man tut es so gut wie möglich, weil man sich wohl fühlen will, man tut es aber auch mit dem Gedanken, dass einmal Besuch kommen wird, der die Einrichtung zu schätzen weiß”.

    Ein lieblos gemachtes Buch

    Das trifft ganz unaufgeregt und unpathetisch den Sinn von Walsers beruflicher Obsession, die ihn vom Leser unterscheidet - wobei die neue Rechtschreibung unklar lässt, ob der junge Autor nicht ursprünglich geschrieben hatte, er wolle sich bei der Einrichtung seiner Wohnung, also der literarischen Arbeit, wohlfühlen, wenngleich ich denke, dass die neue Rechtschreibung den Akzent des nun alten, im Wörter- & Sprachdienst ergrauten Autors wohl auch richtig setzt, nämlich im Sinne, dass er sich als Autor wohl nur fühlt, wenn er schreibt.

    Walsers amüsante Überlegung zum Schreiben des Schriftstellers (samt anschließenden Bemerkungen zum Publikum und der “Kunst in der westlichen Gesellschaft”, die er als eine Art Papagei ansieht, “den man Besuchern vorführt, mit dem man sich auch manchmal ganz gern unterhält”) finden sich in einem Buch, das fast allen Rezensenten missfallen hat: dem 637 Seiten umfassenden Koloss, der unter dem Titel “Leben und Schreiben” des Autors “Tagebücher 1951-1962” darzubieten behauptet.

    Es gibt unterschiedliche Gründe, die bei diesem Buch berechtigtes Missfallen provozieren. Zum einen das klobige Format, zum anderen das dicke Papier - beides erweckt den Eindruck einer editorischen Lieblosigkeit - im Vergleich zu den herstellerischen Anstrengungen, die Walsers ursprünglicher Verlag Suhrkamp seinem Hausautor hatte angedeihen lassen. Die Beiläufigkeit, mit der hier ein immerhin neues Genre in Walsers Oeuvre, nämlich das erste “Tagebuch”, dem noch zahlreiche andere folgen sollen, als Buch präsentiert wird, setzt sich aber in der Edition aufs Unvorteilshafteste und nachgerade unprofessionell Fahrlässigste fort. Es enthält nämlich nicht die Andeutung eines Editionsberichts; spärlichste, hilflose & lückenhafte Anmerkungen; keine Spur eines skizzenhaften Lebenslaufes und familiäre Bezüge (auf Brüder, Ehefrau & Kinder) werden unerwähnt gelassen. Schwer vorstellbar, dass der Philologe Walser, der er ja auch einmal war, damit zufrieden sein kann. Oder ist es ihm wurscht?

    Nun hat der Rowohlt-Verlag mit der Herausgabe von Tagebüchern lebender Autoren eine Erfahrung: ich meine mit Peter Rühmkorfs “Tabu I + II”. Auch Rühmkorfs Auswahl von Tagebuch-Notaten kommt ohne editorischen Bericht aus und klärt den Leser noch nicht einmal pauschal, geschweige denn en détail darüber auf, dass ihm nicht 1: 1 Niedergeschriebenes vorgelegt wird, sondern eine von persönlichen & juristischen Rücksichten diktierte, vom Autor sowohl komponierte als auch gelegentlich nachträglich redigierte Auswahl. Rühmkorfs “Tabus” sind aber nicht mit heißer Nadel gestrickte (also bloß zusammengestrichene), sondern mit selbstbewusstem Kunstverstand montierte Autobiografika, in deren Mittelpunkt (ganz ähnlich wie in Walter Kempowskis demnächst drei Tagebüchern) der Autor im Gespräch mit sich selbst steht und als Kommentator und Augenzeuge sein intimes, auch idiosynkratisches Verhältnis zur Welt darlegt - sofern er dies & das den Lesern enthüllen oder vor Augen führen will. Literarische Selbstporträts in prekären Zeiten, ab- und jenseits ihres Schreibens, dessen Resonanzgeräusche als Echo in diese Innenansichten hineinwirken.

    Gewollte Mangelhaftigkeit der Edition?

    Was Verlag wie Autor im Falle Martin Walsers aber vorlegen und als “Kunstwerk von hohem Rang” vollmundig preisen, ist das gewiss nicht - schon allein wegen der Formlosigkeit des in dem Buch aufgehäuften Schreib- & Beschreibmaterials, das von zahllosen Notaten wie z.B. “4.7. 1960, München, Bayerischer Rundfunk, 9 bis 16 Uhr 30“ oder 23. und 24. 6. 1962 Besuch Dr. Sperr und Herr Michaelis” durchschossen wird wie das Fell eines Hasen aus 2 Meter Entfernung mit einem Schrotgewehr. Es sind sowohl für die (Nach-)Leser als wohl auch heute für den Autor bedeutungslose Terminfixierungen - es sei denn, die damals danach notierten Kommentare & Bemerkungen wären weggestrichen worden. Oder soll mit derlei Füllsel die berufliche Umtriebigkeit und vielfache Aushäusigkeit des Rundfunk-Redakteurs Walser authentisch “dokumentiert” werden, was aber nur sinnvoll wäre, wenn die Tagebücher integral abgedruckt worden wären. Kurzum: die Lesbarkeit & biographische Verständlichkeit des ausgewählten Materials ist höchst mangelhaft; möglicherweise aber sogar: gewollt.

    Wie das?

    Der Klappentext gibt einen unübersehbaren Hinweis. Martin Walser wird da als “ein Verwandlungskünstler” gepriesen: “Er verwandelt das Leben in Literatur. Stets werden seine Romane für autobiographisch gehalten, selten zu Recht. Wer nun seine (...) Tagebücher aufschlägt, erkennt, dass sogar sie eher Dokumente seines Schreibens als seines Lebens sind“. Nachtigall von Wasserburg, ick hör Dir trapsen, kann man da nur berlinern. Nachdem “Der Tod eines Kritikers” erkennbar sich dem Hass auf Reich-Ranicki und Walsers jüngster & erster bei Rowohlt erschienener Roman “Der Augenblick der Liebe” einer offen gelegten amourösen Affäre des Autors verdankt (und beide mit ihrem anstößigen Provokations- & Voyeurskapital kommerziell erfolgreich waren), will Walser nun wieder an seiner Selbstmythologisierung als Sprach-Künstler weiterarbeiten und nur als deren Medium vor seine Leser treten.

    So darf man getrost vermuten, dass er seine Tagebücher bewusst nur an den Stellen “aufgeschlagen” und den Lesern vorgelegt hat, wo er sich bei der schriftstellernden Arbeit zeigt, “Leben” in “Literatur” zu “verwandeln”. Das ist selbstverständlich nicht nur legitim, sondern präsentiert ihn auch von seiner besten, ja bewundernswertesten Seite als Schriftsteller, wenngleich er damit erhoffte Klatsch- & Tratsch-Erwartungen herb desavouiert hat und ihm nicht wenige Rezensenten, die gerade darauf (& auf nichts sonst?) offenbar ganz spitz gewesen waren, ihre Enttäuschung mit kaum verhohlenem Missmut in Form von Verrissen heimgezahlt haben. Wenn ihm Geifer-Futter vorenthalten wird, wird er böse: der Literaturbetrieb. Ich bin da oder: da bin ich doch lieber auf Martin Walsers Seite.

    Vorspeisen, Häppchen & Petits fours

    Aber ein “Meisterwerk” ist “Leben und Schreiben” auch nicht, und ein “Kunstwerk” nur en détail - nämlich an jenen Stellen, wo der Seismograph seiner erotischen oder phänomenologischen Lüste, psychologischen Spekulationen, Selbst- & Fremdbeobachtungen im Gesellschaftlichen das, was er “dem Leben” abliest, entweder ins Aphoristische treibt (z.B. “Du musst deinen Freund unter deinen Feinden suchen” oder “ Der Lieblose ist ebenso wenig fähig, Trost zu empfangen, wie zu trösten. Trifft ihn Unglück, ist er so allein wie im Glück”) - oder wenn er zu jenen
    luziden und sensiblen Verdichtungen seiner ebenso sinnlich beschreibenden wie gedanklich transparenten Prosa ansetzt und sie an Gesellschaftsszenen oder in individuellen, psychologisch subtil austarierten Momentaufnahmen erprobt - sei´s im Krankenhaus, sei´s auf einer Kreuzfahrt, als Stipendiat in den USA oder bei Bahnfahrten und auf Partys. Nicht immer, aber häufig sind es vielfach changierende Selbstbeobachtungen eines Unsicheren, Zögernden, Solipsisten - aufgefangen in imaginären Spiegeln der “Anderen”. Wo er ganz bei sich ist, wirft die Recherche mit der Sprache die schönsten, intensivsten Mehrwerte an Einsichts-Gewinnen ab. Man wird aber sagen können, dass einem Walser-Leser Personen & Situationen, denen sie hier abgelesen werden, aus seinen Romanen schon vertraut sind.

    Jedoch auch für einen Leser, der an solchen Aphorismen, Prosa-Miniaturen und fragmentarischen Erzähletüden beim “Leben und Schreiben” sein Vergnügen und Gefallen findet, besitzt das dicke Buch doch etwas wie - Übersättigung durch Vorspeisen & Petits fours. Denn je mehr der Autor auf sicheren literarischen Boden kommt, desto ausschließlicher scheint er sich in seiner schriftstellerischen Küche aufzuhalten, in der er ganz für sich & ganz allein “die Elemente spekuliert” (Goethe). D.h. das Tagebuch, so wie es uns Martin Walser präsentiert, wird von ihm (nicht nur durch seine “Stricheleien” an das Kafkas erinnernd, über den er ja promoviert hatte) mehr und mehr vornehmlich als Steinbruch, Asservatenkammer und Probebühne für seine entstehenden Werke benutzt - für den großen & umfangreichen Roman “Halbzeit” oder seine Theaterstücke; und da fühlt man sich als eingeladener Leser nicht nur, man ist es auch: ausgeschlossen.

    Martin Walser gehört zu jener raren Spezies, die sich nur als da seiend empfindet, wenn sie nicht nur schreibt, sondern auch laufend publiziert. Schon zu seinen Suhrkamp-Zeiten, also bis 2003, war er begierig, möglichst jedes Jahr mit einem neuen Buch auf dem Markt präsent zu sein; und sein langjähriger Verleger-Freund Siegfried Unseld, den Walser argwöhnisch beäugte, ob er nicht einen anderen in seinem Autoren-Harem etwa “bevorzugte” oder gar für “wichtiger” erachtete, tat ihm den Freundesdienst, den Autor vom Bodensee permanent im Gespräch und in der literarischen Präsenz zu halten - gleichgültig, ob Walser etwas Großes oder Kleines, etwas Neu-Originelles oder etwas Gesammeltes vorzulegen hatte. Walsers neuer Verlag (Rowohlt) setzt die Dauerpräsentation dieser Schreibseligkeit seit 2004 ebenso fort: in zwei Jahren mit einem Roman, einem Essayband und Tagebüchern - nicht zu vergessen: auch noch mit einer autorisierten Biographie!

    Man müsste schon ein sehr spezielles philologisches Interesse daran haben, dem jungen Martin Walser bei der “Verfertigung seiner Gedanken” zu Figuren, Personen und Stoffen als bestellter Kiebitz über die Schulter zu sehen - um während dieser Parade von Vorarbeiten, Varianten oder Irrläufen bei der Stange zu bleiben. Kurzum: an diesem inneren konzeptionellen Widerspruch von “Leben und Schreiben” dürften die meisten seiner Käufer schließlich als seine Leser scheitern. Aber ein paar blitzende literarische Edelsteine konnten sie doch unterwegs auflesen.

    TITEL ist umgezogen!

    Liebe Leserinnen, liebe Leser!


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