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    TITEL kulturmagazin
    Samstag, 29. April 2017 | 07:21

     

    Reinhard Krumm: Isaak Babel

    15.09.2005

     
    Ein Jude aus Odessa

    Reinhard Krumms Darstellung hat den Vorzug, trotz zahlreichen Anmerkungen, die der Forderung wissenschaftlicher Überprüfbarkeit genügen, in lebhafter, gut lesbarer Sprache abgefasst zu sein.

     

    Das Gesamtwerk Isaak Babels ist vergleichsweise schmal. Aber seine Kurzprosa gehört in ihrer Dichte und Schönheit zum Bedeutendsten, was die Weltliteratur hervorgebracht hat. Dass diese Tatsache im Bewusstsein auch eines literarisch gebildeten Publikums nur fragmentarisch vorhanden ist, mag daran liegen, dass Babels Texte nahezu unübersetzbar sind. Für die deutschen Leser gilt, dass sie nach mehreren glücklosen Versuchen auf die Übertragungen Peter Urbans angewiesen waren, um wenigstens eine Ahnung von Babels Schreibkunst zu erlangen.

    Dass Isaak Babel aber über sein Werk hinaus auch als Person interessieren sollte, dass also eine umfangreiche Biographie sinnvoll ist, hängt mit dem Umstand zusammen, dass der russische Jude aus Odessa für einen historisch relevanten Typus des zwanzigsten Jahrhunderts geradezu das Paradigma liefert: für den Intellektuellen, der aus Einsicht, nicht aus Hunger auf der Seite der sozialen Revolution steht, auch die mit ihr verbundene Gewalt befürwortet, und schließlich an ihr zugrunde geht. In diesem Zusammenhang spielt die doppelte Loyalität – gegenüber den sowjetischen Mitmenschen seiner Umgebung einerseits und gegenüber der jüdischen Herkunft andererseits – ohne Zweifel eine entscheidende Rolle. Für jüngere Menschen ist die Sowjetunion und ihre Geschichte bereits ferne Vergangenheit, exotisch wie der trojanische Krieg oder die Entdeckung Amerikas. Wer aber die Konflikte und Widersprüche begreifen will, die viele Intellektuelle verarbeiten mussten, die ihre Hoffnung auf eine gerechtere Welt in die sozialistische Revolution und deren scheinbaren Repräsentanten, eben die Sowjetunion, gesetzt hatten – Feuchtwanger gehörte dazu, aber in seiner Jugend auch Joseph Roth, den Krumm an einer Stelle zu Recht mit Babel in Verbindung bringt – , wer die grausame Tragik eines Systems verstehen will, das nicht, wie der Nationalsozialismus, in erster Linie seine Gegner, sondern jene vernichtet hat, die ihm zunächst gewogen waren, der kann aus dem Werk wie aus dem Leben Isaak Babels eine Unmenge lernen.

    Reinhard Krumms Darstellung hat den Vorzug, trotz zahlreichen Anmerkungen, die der Forderung wissenschaftlicher Überprüfbarkeit genügen, in lebhafter, gut lesbarer Sprache abgefasst zu sein. Krumm skizziert den Ort von Babels Sozialisation, die multikulturelle Handelsstadt Odessa, die auch den Schauplatz vieler Erzählungen des Schriftstellers abgibt. Er porträtiert Gorki, der Babel zum Schreiben ermutigt und gefördert hat. Er begleitet Babel durch den russisch-polnischen Krieg, der den Stoff für Babels berühmtestes Werk, den Zyklus „Die Reiterarmee“ liefert. Er beschreibt Babels Auseinandersetzung mit der Kollektivierung in der Landwirtschaft. Die Zeitgenossen, denen Babel im Laufe seines Lebens begegnet ist, werden – stets unter dem Aspekt ihrer Bedeutung für den eigentlichen Gegenstand der Biographie – vorgestellt, unter ihnen Eisenstein und Jessenin. Ausführlich dokumentiert Krumm unter Verwendung von Archivmaterial die letzten Jahre Babels, über dessen genaues Todesdatum im Januar 1940 wie über den Hergang und die Vorgeschichte seiner Hinrichtung viele Jahrzehnte Unklarheit bestand.

    Reinhard Krumm interessiert sich für den Menschen Isaak Babel, für sein Schicksal. Die Eigenart seiner Literatur kommt nur marginal und da vor allem in Hinblick auf ihre Themen vor. Die Lektüre von Babels erzählendem und dramatischem Werk kann dieses Buch naturgemäß nicht ersetzen.
    Eine kleine Beckmesserei zum Schluss: Auch bei einem „Spiegel“-Korrespondenten bestehen wir darauf, dass „sich erwehren“ den Genitiv und nicht den Dativ („verärgerter Anfragen“, nicht „verärgerten Anfragen“) regiert.

    Thomas Rothschild


    Reinhard Krumm: Isaak Babel. Schreiben unter Stalin. Eine Biographie
    Books o­n Demand, 2005
    Broschur. 244 S. 13,90 ¤.
    ISBN 3-8334-2780-9

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