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S. Schedel / A. Fuchs: Zwei Bücher zu W.G. Sebald

21.07.2005

Der Wanderer und sein Schatten

Bücher über Schriftsteller werden häufig wie unliebsame Stiefkinder behandelt und oft sind sie nur für die Wissenschaft von Interesse. Trotzdem können diese Arbeiten einen sehr präzisen Einblick in das Innenleben eines schriftstellerischen Werkes vermitteln. Zu W.G. Sebald sind 2004 zwei Bücher erschienen.

 

So langsam beginnt das Nachdenken über die literarischen Arbeiten W.G. Sebalds konkrete Formen anzunehmen. Der 2001 bei einem Autounfall ums Leben gekommene Schriftsteller und Literaturwissenschaftler hat bekanntlich nur ein schmales poetisches Werk hinterlassen, was für die Leser so traurig wie für die Forschenden erfreulich ist. Sebalds Literatur kreist um das Thema Geschichte, und würde man einen Zeitraum veranschlagen wollen, auf den sich seine Prosa stützt und häufig bezieht, so könnte man grob das 20. Jahrhundert nennen und vielleicht im speziellen, als neuralgischer Punkt, die Zeit des Zweiten Weltkriegs und den Holocaust. Eine Prosa, die so sehr auf die Beschreibung von Lebensläufen setzt – häufig sind es die Lebensbahnen von Juden, die durch den Nationalsozialismus und die daraus resultierenden Verfolgungen ihre Heimat verloren haben -, nimmt Geschichte natürlich nicht als ein in sich abgeschlossenes, logisch-stringentes und mit den Mitteln der Kausalität erfahrbares Phänomen wahr.

Intertextuelle Analyse

Zwei Bücher sind 2004 erschienen, die Sebalds poetische Verarbeitung historischer Konstruktionen unter die Lupe nehmen. Da wäre Susanne Schedels Unternehmen einer intertextuellen Analyse zu nennen, das auf jeden Fall seine große Berechtigung hat. Wer Sebalds Arbeiten kennt, weiß, wie sehr er das Zwiegespräch mit anderen Autoren suchte. Intertextualität ist ja zu einem Modebegriff geworden, der seinen Ursprung den Überlegungen von Julia Kristeva verdankte, dann aber durch etliche Entlehnungen vom rechten Weg der eigentlichen Bedeutung abgekommen ist. Dass literarische Texte nicht aus dem Nichts geschöpft sind, sondern sich unter anderem aus den Gedanken und der Sprache anderer Elaborate speisen, ist vollkommen klar und verständlich und dieses Phänomen hat es so natürlich schon immer gegeben: Wie viele Werke der griechischen und römischen Antike beziehen sich mehr oder weniger verdeckt auf die „Ilias“ und die „Odyssee“ von Homer?

So verfährt nun auch Susanne Schedel, indem sie sich Gedanken über den Facettenreichtum der Sebaldschen Intertextualität macht. Es geht ihr um die „Skalierung von Intertextualitätsstärken“, was bedeuten soll, dass der Verweis auf die Schriften anderer innerhalb eines Texte ja unterschiedlich offensichtlich gehandhabt werden kann. Bei Sebald finden sich in seinem Reisebuch „Die Ringe des Saturn“ zum Beispiel ganz ungeschminkte Hinweise auf den englischen Schriftsteller Thomas Browne. So unverdeckt, dass Sebald ganz offen und ungezwungen über die Person Brownes und seine Texte schreibt. Ebenfalls gibt es aber eine Passage im gleichen Buch, wo der Erzähler sich fast wörtlich aus Adalbert Stifters kurzem Prosastück „Der Condor“ bedient, ohne den Leser durch die Nennung der Quelle auf die eigentlich Fährte zu bringen.

Den theoretischen Background des Phänomens Intertextualität erläutert Susanne Schedel in ihrem Buch anhand der Prosa W.G. Sebalds. Auch ist es Ziel ihrer Untersuchung einen Zusammenhang zwischen dem Dialog mit anderen Texten und der damit bei Sebald einhergehenden Darstellung von Geschichte herzustellen. Allerdings hätte man sich bei einer Arbeit, die den bei Sebald so wichtigen Faktor Intertextualiät unter die Lupe nimmt, gewünscht, dass vielleicht etwas weniger über die Art und Weise, in der das Spiel der Texte vonstatten geht, verhandelt würde und dagegen mehr das Ausfindigmachen von Bezugspunkten, das wirkliche Herauspicken versteckter Anspielungen im Vordergrund steht. Außerdem wird Sebalds vermutlich bedeutendstes Buch „Austerlitz“ mit der etwas schlichten Begründung nicht behandelt, dass der Roman so komplex sei, das hier eine gesonderte Analyse vonnöten wäre. Na ja. Dass die Referenz aber auf fremdes sprachliches Material nie nur plan-offensichtlich, nie nur mit einer Methode funktioniert, wird bei etwas intensiverem Nachdenken schnell klar. Bei vielen Autoren, von Alexander Kluge bis Helmut Heißenbüttel, von Arno Schmidt bis Friederike Mayröcker läuft die intertextuelle Praxis immer über mehrere Ebenen.

Topos der Geschichte


Das Buch von Anne Fuchs mit dem Titel „Die Schmerzensspuren der Geschichte. Zur Poetik der Erinnerung in W.G. Sebalds Prosa“ fokussiert wie auch schon Susanne Schedel den Topos der Geschichte bei Sebald. Der Band ist allerdings wesentlich umfassender als die Arbeit Schedels. Auf einem enorm hohen Reflexionsniveau und immer im Hinblick auf eine „Poetik der Erinnerung“ untersucht Fuchs das Werk von Sebald. „Erinnerung in Sebalds Prosatexten artikuliert sich als eine vernetzte Spurensuche, die immer neue, unerwartete, von der Imagination geleitete Verknüpfungen zwischen den Biografien der erzählten Lebensgeschichten, literarischen, geografischen, architektonischen, kunstwissenschaftlichen, naturgeschichtlichen und anderen kulturellen Horizonten herstellt.“ Auch hier lassen sich also verschiedene Formen der Erinnerung unterscheiden. In „Austerlitz“ erinnert sich ja nicht nur der Ich-Erzähler an die Begegnungen mit Jaques Austerlitz, auch Austerlitz selbst memoriert seine Lebensgeschichte und beruft sich nebenbei ebenfalls auf die Geschichten anderer. Erinnerung bei Sebald findet also in einem großen Echoraum steht, in dem von allen Seiten die unterschiedlichsten Stimmen wiederklingen.

Die Arbeit von Anne Fuchs beeindruckt, weil hier gleichsam umfassend und trotzdem präzise gearbeitet wird. Dahinter steckt vermutlich die Erkenntnis, dass man bei Sebalds Prosa nie nur an einer Stelle bohren darf, da dann das feine innere Bezugssystem gestört wird. Dass die einzelnen Momente der Texte wie Satzbau, Motivik, Erzählhaltung miteinander kommunizieren und vielleicht nicht voneinander zu trennen sind, ist eine Überlegung, die wohl vor jeder Auseinandersetzung mit Sebald dem Interpreten in den Kopf kommen sollte.„Geschichte kippt bei Sebald immer wieder um in die Metaphysik der Naturgeschichte.“ So schreibt Anne Fuchs und zielt damit vermutlich auf eines der interessantesten Phänomene in Sebalds Geschichtskonzept. Die kulturelle Geschichte mit ihren Zerstörungen durch Kriege und ähnlichen Ereignissen koppelt Sebald häufig an parallele Momente in der Natur. So berichtet der Ich-Erzähler in „Die Ringe des Saturn“ von ehemals riesigen, „katastrophalen Heringsschwemmen“, die in dieser Fülle gar nicht von den Menschen der Ortschaften verwertet werden konnten und die „das erschreckende Bild einer in ihrem eigenen Überfluß erstickenden Natur“ boten. Die Vermischung von kultureller und natürlicher Historie wird in der Prosa W.G. Sebald nicht erklärt, wie es zum Beispiel eine wissenschaftliche Arbeit versuchen würde. Der Erzähler setzt diese Phänomene fast unkommentiert nebeneinander, damit sich der Leser einen Reim darauf machen kann.

Thomas Combrink



Susanne Schedel: Wer weiß, wie es vor Zeiten wirklich gewesen ist?.
Textbeziehungen als Mittel der Geschichtsdarstellung bei W.G. Sebald.
Könighausen & Neumann, Würzburg, 2004.
Broschiert, 195 S. 24 Euro.
ISBN 3-8260-2728-0.

Anne Fuchs: Die Schmerzensspuren der Geschichte.
Zur Poetik der Erinnerung in W.G. Sebalds Prosa.
Böhlau Verlag, Köln, Weimar, 2004.
Broschiert, 252 S., 32,90 Euro.
ISBN 3-412-08104-3.

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