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    TITEL kulturmagazin
    Sonntag, 30. April 2017 | 18:37

     

    György Konrád: Sonnenfinsternis auf dem Berg

    18.07.2005

     
    Abend mit Goldrand

    „Sonnenfinsternis auf dem Berg“: György Konráds „autobiografischer Roman“

    Von Wolfram Schütte

     

    Von jeher hat mir an den Büchern des ungarischen Schriftstellers György Konrád die „unreine Mischung“ (Ernst Bloch) von Erzählung, Fiktion, Autobiografie und Reflexion gefallen. Er konnte sowohl zu großen Atemzügen des erzählerischen Periodenbaus ausholen, als auch dann wieder den geistigen Stoff aphoristisch verknappen. „Form“ war diesem Flaneur phänomenologischer Weltbetrachtung immer eine Anstrengung, um das Schweifende, Vagabundierende seiner Schreib- & Denkweise einzugrenzen und seine Erlebnisse und Überlegungen „auf die Reihe zu bringen“, was ihm aber nie so ganz gelang, weil es sich bei seinem genuin literarischen Verfahren (das manchmal an den großen österreichischen Feuilletonismus Kürnbergers und Spaziers erinnert) doch immer primär um die philosophische Verarbeitung seiner Lebens-Erfahrungen handelte.

    Seine Romane & Essays entsprachen deshalb immer seinen vorausgegangenen Lebenssituationen. Konrád ist Autoren wie Max Frisch oder Martin Walser mit dieser selbstreflexiven Schreibweise einer sich immer erneut konstituierender und befragender Identität dabei sehr nahe. Je älter György Konrád aber wurde – auch als Schriftsteller –, desto weniger hat er sich dem konstruktivischen Zwang gebeugt und seiner erzählerisch-reflexiven „Verwilderung“ nachgegeben; und erst recht, als er daran ging, „tief in den Brunnen der Vergangenheit“ (Th. Mann) hinabzusteigen und autobiografisch Herkunft, Kindheit, Jugend zuerst in dem 2003 erschienenen kleinen Roman „Glück“ und jetzt in dem umfänglicheren „autobiografischen Roman“ mit dem Titel „Sonnenfinsternis auf dem Berg“ vor sich und seinen Lesern bis zur Jahrtausendwende auszubreiten.

    „Roman“ wird von Konrád nicht im Sinne von Fiktion & Erfindung, sondern eher im Kunderaschen Sinne als Sammelbegriff eines Schreibens betrachtet, das alle literarischen Äußerungsformen umfasst und dabei auf die doch bloß selbsttäuscherische Fiktion verzichtet, man könne Erinnerung von Imagination und nachträglicher Einfärbung frei halten, wie das Martin Walser in seinem autobiografischen Roman „Ein springender Brunnen“ meinte. Es gibt keine erinnernde Rückkehr zum einstmals Gewesenen, die nicht geprägt wäre vom Weg, der zu ihr beschritten wurde. Das weiß Konrád, und der sich dagegen sträubende Walser hat es contre coeur & ex negativo ebenso gehalten.

    Lebenslange Lektüre von Büchern & Frauen

    Schriftsteller wollte der Sohn eines wohlhabenden jüdischen Eisenwarenhändlers in der ungarischen Provinz immer werden. Schon als Junge hat er im familiären Idyll einer weitverzweigten Großfamilie viel gelesen. Die andere, weitreichende Lieblingsbeschäftigung des jungen György bestand darin, wie er von den Sommerferien mit einer gleichaltrigen Verwandten erinnert, „frühmorgens zu ihr ins Bett kriechen und mit ihr flüstern, sie gleichmäßig beschnuppern und einatmen“, wobei man an Da Ponte/Mozarts „Don Giovanni“ denken muß, der ja auch die Frauen schon erschnupperte, bevor er sie sah. Wie sehr sein ganzes späteres Leben in diesem sinnlichen Doppel-Glück des „Lektüre“- Genusses von Büchern & Frauen beschlossen war, formuliert Konrád in einem einzigartigen Sprachbild: „Mein Ungarischlehrer, der meine Lektüre billigte, lud mich zu sich in seine Wohnung ein und bot mir seine Bücher zum Ausleihen an. Als er den mit Glastüren verschlossenen Bücherschrank öffnete, war es mir, als würde eine schöne Frau den Morgenrock vor ihrem nackten Bauch aufmachen“. Es sind diese Zufluchtsorte – Bibliotheken & Bücher, Betten & Frauen –, welche erst den jungen Gymnasiasten György, aber erst recht dann den Mann Konrád vor den Zumutungen, den Gefahren, den Bedrohungen der Welt immer wieder retteten – nachdem er und seine Geschwister und auch seine Eltern durch eine wahrhaft absurde Verkettung von Zufälligkeiten immer wieder der Deportation, Ermordung oder Vernichtung entkommen waren, während rundum Verwandte, Schulkameraden, Freunde von den Pfeilkreuzlern (den ungarischen Faschisten) oder von Deutschen und Österreichern „ins Massengrab geschossen“ oder in Gaskammern getrieben wurden, „die auf sie warteten“ und in Krematorien spurlos verschwunden sind.

    Die Familie Konráds war die einzige im weiten Umkreis, die ohne Verluste die kollektive Vernichtung der ungarischen Juden überstand: Dank der Mutter, die dem weltfremden, „tumben“ Vater beistand & Dank der Trennung der von ihr allein gelassenen Kinder, die eigenmächtig sich bei Verwandten in Budapest aufs Abenteuerlichste durchschlugen. Konrád hat diese grotesk-komische, finster-absurde „Reise ans Ende der Nacht“ im Ungarn der letzten beiden Kriegsjahre in „Glück“ grandios beschreiben und in gedrängter Kürze & lakonischer Prosa evoziert. (Siehe meine Rezension hierzu). „Glück“ ist nun zur Ouvertüre geworden, nachdem Konrád jetzt „Sonnenfinsternis auf dem Berg“ als autobiografische Fortschreibung ihr nachfolgen ließ.

    Ungarisches Pastorale

    Diesen erweiterten Rückblick auf sein Leben läßt er quasi mit einem Pastorale beginnen: Der Autor in seinem Haus und weitläufigen Garten in Hegymagas am sommerlichen Plattensee, versorgt von seiner 20 Jahre jüngeren, dritten Frau Jutka und umwuselt, bedrängt und auch schon belächelt von ihren drei Kindern. Achtzig Jahre müßte der spät noch einmal Vater Gewordene werden, der aber schon zwei erwachsene Kinder samt deren Enkeln aus seiner zweiten Ehe hat, um seine jüngste Tochter, die eigenwillige viereinhalbjährige Zsuzsi, als zwanzigjährige Frau zu sehen. Ein herzbewegender Gedanke.

    Hier, im letzten Jahr des 20. Jahrhunderts, beobachtet der gerade wieder einmal von einer seiner Reisen heimgekehrte Autor und damalige Präsident der Akademie der Künste in Berlin die angekündigte Sonnenfinsternis über dem St. Georg-Berg. In solcher ebenso melancholischer wie beglückend friedlicher Stimmung des Abschiednehmens beginnt er mit der Bilanz seines Lebens, die uns vorliegt: „Von Bewegung zu Bewegungslosigkeit, von Geschwätzigkeit zum Schweigen, vom Verlangen zur Ruhe, vom Nicht-Genug zum Genug, von Angst zur Ankunft – das, so hoffe ich in besseren Momenten, ist mein Weg“. Dem mörderischen Tod auf seinem Lebensweg mehrfach wie durch ein fortgesetztes Wunder entkommen, sieht der Alte am Berge ihn nun näher kommen – ein hedonistischer Fatalist, trostlos und glücklich, so lange verschont worden zu sein, der „dankbar an alle Orte zurückdenkt, an denen mir nichts angetan worden ist“. Lebens- & erfahrungssatt „akzeptiert“ der Weise in seinem Garten, „daß das Leben endlich ist, abgründig, und ich verlange keine Entschädigung für die Tatsache, daß es mit dem Apfel, wenn ich ihn gegessen habe, vorüber ist. Zitternd protestieren die Wesen gegen den Tod. Doch wenn ich das Mysterium der Geburt annehme, warum sollte ich dann nicht auch das des Sterbens akzeptieren? Mir gefällt es, wenn die Zigeuner um das Grab herum tanzen, trinken und Gulasch essen, ein bisschen weinen, dann lachen, während die jungen Leute weggehen, um sich zu paaren“.

    Der siebzigjährige Autor, der sich hier als leicht vertrottelten, liebenswürdigen Patriarchen im Kreise seiner Frauen, Kinder, Enkel darstellt – „Die Manuskriptblätter mache ich zu Geld, das gebe ich meiner Frau, die uns allen zu essen gibt, und dann kann ich mich wieder in meiner Höhle verkriechen“ – , hat zu einer bewundernswerten Ataraxie gefunden, die seinen Lebensrückblick in das pathoslose, milde Licht eines traumwandlerisch „gelungenen“ Wegs taucht, auf dem ihm ebenso viel unverhofftes Glück wie zäher Eigensinn beistanden.
    Denn obwohl er gewiß nicht zum Helden geboren war und als Jude, Bürgerlicher, Intellektueller und früh schon wegen individualistischer Aufmüpfigkeit aus der KP Relegierter „auffällig“ war, hat er sich lesend, schreibend, liebend durch die Jahrzehnte des Kommunismus hindurch laviert, ohne Mitläufer zu werden oder zu resignieren: „Mich interessierte, wie aus Denken Wirklichkeit wird, nicht nur aus der Gewohnheit, nicht nur aus der nüchternen Praxis, nicht nur aus der Tradition, sondern aus den Anstrengungen des strebenden Verstandes, aus den kühnen Träumen, aus der Suche nach der Wahrheit, aus deren Verkündung, wie aus dem Edlen ein Schurke wird, aus dem Ideal eine Hölle und wie wir all das dennoch überleben, weil wir die Stärkeren sind: Passanten, einfache Menschen, fähig zu arbeiten, zu reflektieren und uns zu freuen.“

    Immunisiert gegen die Illusion menschlicher Großmut

    Ohne daß er es direkt ausspricht, hatten ihn seine frühkindlichen Erfahrungen während des Faschismus immunisiert gegen Illusionen über die Großmut der Menschen. Er wußte, mit wem er es zu tun hatte – auch als er im „möglicherweise denkwürdigsten Jahr meiner Jugend“, während der kurzen, turbulenten Tage und Wochen des „Ungarnaufstandes 1956“ eine Maschinenpistole trug und er abends auf dem Nachhauseweg „von mehreren Frauenzimmern um die Freundlichkeit gebeten (wurde), dort im zweiten oder dritten Stock diesen oder jenen umzulegen. (...) Der volkstümlichen Sehnsucht danach, jemanden hinzurichten, erwies ich mich nicht als gefällig“, bemerkt er rückblickend, wenn er sich als „unwichtigen Kiebitz“ und „bewaffneten Gaffer“ ironisch beschreibt, den „als entschlossenen Freiheitskämpfer darzustellen, eine starke Übertreibung (wäre)“.

    Seine Darstellung des Aufstands, den er als bewaffneter Bewacher der Revolutionäre erlebte, läßt uns eine tragikomische, possenhafte, illusionäre Situation erleben, bei der „die Befreiung Hand in Hand (geht) mit dem Morden“ und „der Träger eines Persianerkragens Konrad Adenauers Kommen (verkündete). Hätte der Überbringer dieser Nachricht doch nur nicht hinzugefügt, daß der Kanzler auf dem Rücken eines Schimmels eintreffen werde, denn so wurde aus der guten Nachricht ein dummes Märchen“. Oder eine Momentaufnahme aus dem eigensten künstlerischen Umfeld: „Triumphierend kam ein rauer, untersetzter Kollege herein und berichtete, daß er in diesen verworrenen Tagen zwei sowjetische Soldaten erschossen und zwei Erzählungen geschrieben habe“.

    Als der operettenhafte, grausige Spuk, der Konráds pessimistische Grunderfahrung von der mörderischen Gefährlichkeit seiner Mitmenschen erneut bestätigte, durch sowjetische Panzer niedergewalzt wurde, stellte sich ihm wie anderen die Frage: Fliehen oder Bleiben? Der 23jährige blieb: „Schlechter als bisher, meinte ich, könne es nicht werden, doch ich würde das aushalten, ich war in Budapest beständiger als die Regierungschefs. Zwar wollte ich im Strom nicht mitschwimmen, aber mich interessierte, was hier auf den Straßen passieren würde. (...) Ich wollte nicht raffiniert sein. Ein gewöhnliches, einfaches Leben wollte ich leben. Die selben Treppenhäuser und Espressos. Das, was auch bisher gewesen ist. Selbst wenn Hunderttausende gehen sollten, würden doch Millionen bleiben. Wenn meine Freunde, meine Liebsten weggingen, würden andere an ihre Stelle treten. Die Bücher waren hier, auch der Himmel, der Balkon, von dem aus die Donau und auf der gegenüberliegenden Seite die Budaer Berge zu sehen sind. (...) Und hier lebten meine Eltern“. Jeder, der weggegangen sei, habe recht gehabt, jeder der geblieben sei, ebenso: “Wir versuchten, die Ermunterungen des Schicksals zu verstehen. Befindest du dich nicht in Todesgefahr, dann rühre dich nicht vom Fleck! Den Rat gab ich mir. Überstürze nichts, setze deinen Weg fort! All deine Probleme resultieren immer aus deinen plötzlichen Aufwallungen. Arbeite in aller Stille, ausdauernd, gründlich, unauffällig, unaufhaltsam“.

    Budapester Stadtsoziologie eines Jugendschutzinspektors

    Eben das hat der junge Mann, der Schriftsteller erst noch werden wollte und außer ein paar Rezensionen und Übersetzungen aus dem Russischen literarisch noch nichts zustande gebracht hatte, dann in den folgenden Jahren getan: der soziale, anthropologische, erotische Flaneur machte sich auf seine subversiven Wege, um sich mannigfaltige urbane Lebens- (& nicht zu vergessen: Liebes-) Erfahrungen anzueignen. Als Stadtsoziologe und Jugendschutzinspektor der Budapester Vormundschaftsbehörde gewinnt er sieben Jahre lang Einblicke in das Leben am unteren Rand der ungarischen Gesellschaft, später arbeitet er als Verlagslektor und als Hilfspfleger in der Psychiatrie. Das sind, zusammen mit seinem Verkehr in der gammelnden Bohème der Budapester Intelligenz, radikale Erfahrungen eines sich „verkrustenden“ Beobachters, der seine tiefgreifenden Erlebnisse im urbanen Dschungel und menschlichen Elend als Fallstudien der menschlichen Tragikomödie und ihrer sozialen und erotischen Absurditäten als prägende Erkenntnisse in sich aufnimmt, sich aber nicht davon sentimental hinabziehen läßt. Eine erstaunliche, lakonische Härte, mit der er heute die fatalen Winkelzüge des Schicksals ironisch kommentiert, offenbaren die Kälteströme eines Fatalismus, dessen eisige Inseln im Wärmestrom seiner empfindsamen, lebensliebenden Weltempfänglichkeit hier und da auftauchen.

    Seine ersten Romane („Der Besucher“ und "Der Stadtgründer"), die wunderlicherweise die Zensur passieren, weil diese damals doch wohl dümmer war, als diese Gedanken-Polizei in der Diktatur es sich hätte erlauben dürfen, werden im Westen wahrgenommen; und da der Kadar-Kommunismus mit der Losung: „Wer nicht (erkennbar & lauthals) gegen uns ist, ist für uns“, vieles duldete und erlaubte, was in anderen kommunistischen Staaten verboten war und verfolgt wurde, konnte der sich nun entpuppende Schriftsteller György Konrád sowohl zuhause „den Umgang mit der Angst als Mitmieter lernen, damit sie nicht Herr im Hause sein würde“, als auch immer wieder in den Westen reisen, Preise annehmen und sich dort aufgrund von Stipendien längere Zeit aufhalten, aber auch immer wieder in seine Heimat zurückkehren, von der er sich nicht trennen wollte – auch nicht, als man ihn mit wachsendem internationalem Ruhm durch die Geheimpolizei erkennbar beobachtete, verfolgte, schikanierte und ihn mehr als ein Jahrzehnt mit einem Publikationsverbot belegte – in Ungarn nur, versteht sich.

    Weltbekannt & zuhause persona non grata

    Am Riskantesten wurde aber sein Dissidententum, als er 1978 zusammen mit seinem Kollegen & Freund Iván Szelény den umfangreichen Essay „Die Intelligenz auf dem Weg zu Klassenmacht“ schrieb & eine Kopie dieser prognostizierten Transformation der „Diktatur des Proletariats“ zur (bürgerlichen) Zivilität durch den Machtzuwachs der technisch-geisteswissenschaftlichen Intelligenz in die Hände der Staatsicherheit fiel und doch im Ausland erschien. Den beiden Autoren, die ihr Buch sogar im Westen vorstellen konnten (dabei habe ich György Konrád zum erstenmal kennen gelernt), wurde dringlich die Emigration nahegelegt. Szelény emigrierte nach Australien, Konrad aber blieb zuhause, verlor dort zwar alle Arbeits- & Publikationsmöglichkeiten, konnte aber dennoch seine Doppelexistenz als weltbekannter Autor und ungarischer Nobody fortsetzen.

    Das Währungsgefälle erlaubte dem Philosophen der „Antipolitik“, von den ausländischen Tantiemen im „Gulaschkommunismus“ Kadars problemlos zu (über)leben, (wie das ja auch manche in der Bundesrepublik hoch geschätzte DDR-Autoren lange Zeit konnten). Als Präsident des Internationalen PEN und als Präsident der Akademie der Künste in Berlin hat er zuletzt denn doch herausragende Ämter übernommen und sich als Kritiker des NATO-Bombardements von Jugoslawien sogar entschieden exponiert – obwohl er resümiert: „Schwänzen, das war meine Hauptbeschäftigung, schwänzen, was Pflicht war, die Schule, die gesellschaftliche Arbeit, den Militärdienst, die kommunistischen Rituale, die Demonstrationen und Versammlungen, den lustigen Reigen, alles, was kollektiv zwanghaft war“.

    Ein Schwejk á la Hungarese? Ein Lebens- und ein Liebenskünstler: „Ich wurde danach gefragt, ob ich manchmal glücklich sei. Nach einer kurzen Denkpause sagte ich: 'Oft'. Schließlich wurde ich auch danach gefragt, ob ich manchmal unglücklich sei. Nach einer kurzen Denkpause erwiderte ich: >Selten<. Diese beiden Antworten belegen meine Einfältigkeit“.

    Ganz am Ende von „Sonnenfinsternis auf dem Berg“ beschreibt György Konrád die Eigenart des Ästhetischen seines autobiografischen Abgesangs: „Ich schreibe nicht, was ich will, sondern was ich kann. Statt einer linearen Anordnung webe ich eher einen Teppich, bemüht darum, daß die Knoten sich dicht an dicht aneinander reihen“. Das ist ein schönes, treffendes Bild für das farbige Geflecht von Erinnerung & Reflexion, das er uns hier vorgelegt hat. Dicht ist dieser zwischen den Zeiten ausgespannte Erzählteppich lange und oft fast zum Selbstgespräch verwoben – wenn er dann auch, je näher der „törichte, vertrottelte Greis“ – als den sich der Autor mit zärtlicher Ironie tituliert – der unmittelbaren Gegenwart kommt, denn doch zuletzt häufiger ausfranst und die Fäden unverknüpft bleiben, als habe ihn eine Erschöpfung ereilt.

    In einer bewundernswerten, rührenden Weise versucht der Autor, der nun mit diesem Buch seinen Lebensstoff literarisch aufgebraucht hat, ebenso stoisch wie humoristisch dem Unvermeidlichen ins Auge zu sehen und sich seinen Tod zu imaginieren: blinzelnd – nein: nicht unter Tränen, sondern breit lächelnd mit alle dem Charme, der György Konrád immer eigen war. Mag sein, daß mancher Leser, der ihm im Laufe der Jahre durch dick und dünn gefolgt ist, eine tiefe Wehmut über diese Abschiedssymphonie ergreift.
    “Ich bin angekommen“, ist der letzte Satz des Buchs. Ein schöner Gedanke zum Beschluss für diesen „Abend mit Goldrand“.

    Wolfram Schütte


    György Konrád: „Sonnenfinsternis auf dem Berg“.
    Autobiografischer Roman. Aus dem Ungarischen von Hans-Henning Paetzke.
    Suhrkamp-Verlag, Frankfurt a.M. 2005,
    Gebunden, 382 Seiten, 24.80 ¤
    ISBN:3-518-41684-7

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