TITEL kulturmagazin
Freitag, 24. März 2017 | 00:57

 

Sarah: Ich bin gekommen

17.02.2004

 



Auf der Suche nach dem Höhepunkt




 

Sarah schreibt unter einem Pseudonym, um ihre Familie zu schützen. Um es vorweg zu sagen: das kann ich gut verstehen. Das Buch, das an eindeutiger Deutlichkeit absolut nichts zu wünschen übrig lässt, ist ja schon für den Leser, na, sagen wir: alles andere als alltäglich. Was um Himmels Willen würden ganz durchschnittliche Eltern, die in sicherlich ganz durchschnittlicher Nachbarschaft leben, zur Liebes- und Sexbeichte ihrer Tochter sagen, ihren Erfahrungen mit etlichen Männern oder beim flotten Vierer, was die Nachbarn, die Freunde. Oder muss man es vielleicht ganz anders sehen, wird es Zeit, Tabus gnadenlos zu brechen?

20 Jahre ist sie alt, studiert in Paris Philosophie, und eigentlich ist sie für heutige Verhältnisse arg spät dran, Männer, Lust und Erotik zu entdecken. Trotz intensiver Phantasien, trotz aller erdenklichen Versuche, Begegnungen und Erfahrungen, Sarah kriegt keinen Orgasmus. „Diese Arschlöcher von Männern kommen, wann sie wollen.“

Unglaublich naiv und kleinmädchenhaft ist sie manchmal: „Ich weiß, dass Männer bei einem geschwungenen Mund von wollüstigen Küssen träumen“. Kurze Zeit später regelrecht altklug philosophierend: „Ein alter Liebhaber kennt dieses Verlangen nach Dauer.“ Und dann immer wieder so, wie Teens und Twens nun mal sind, an den letzten Eischalen klebt noch die liebenswerte Unerfahrenheit. „Wie soll ich dieses Etwas beschreiben, das sich im Blick eines Mannes verbirgt?“ Nun, das wird Sarah auch am Ende des Buches noch nicht beschrieben haben, dafür Anderes umso intensiver, schillernder, von allen Seiten.

Frauen, die über Sex schreiben, das kennt der aktuelle französische Büchermarkt bestens, eine Welle? Eine Entwicklung? Literatur oder Porno? Die sexuelle Revolution, so will eine französische Sozialwissenschaftlerin herausgefunden haben, sei in Frankreich ein ganzes Stück weitergekommen und der L’Express behauptet, es sei im Land der Liebe noch nie viel über Sex gesprochen worden und schon gar nicht in der Ich- Form.

Sarah, das ist also auch keine Romanfigur, irgendeine fiktive junge Frau auf der Suche nach ihrem ersten Orgasmus, nein, es ist die Autorin selbst, die nach 190 Seiten dann auch endlich sagen kann: „Ich bin gekommen. Darauf bin ich stolz, und ich werde es wieder tun, so oft es geht, mit jenen Männern oder Frauen, deren Lebenseinstellung ich mag.“ Bis dahin allerdings lernen wir Frédéric, Eric, Antoine, Matthieu, André und Manuello kennen. Ob ich einen vergessen habe? Alles junge Männer, bis auf den einen, den ‚alten Lover‘ André und der schafft‘s dann auch endlich. „Und dann, genau dann, kam ich...Die Hand, die mir diese neuartige Lust schenkte, ist dreißig Jahre älter als mein Körper. ...Wahrscheinlich weiß bald die ganze Stadt, dass ich gekommen bin.“ Das mit dem Pseudonym war sicherlich kein schlechter Gedanke...

Aber ernsthaft: natürlich ist es höchst anerkennenswert, dass eine junge Frau derart offen und tabulos das schreibt, was sie bewegt, was sie empfindet, was sie sich erträumt, wonach sie sich sehnt. Das ist ein Stück innerer Freiheit, die sicher ganz wichtig und wertvoll ist. Sarah ist neugierig auf sich selbst, auf Sex, auf Männer, auf ihre Weiblichkeit, auf den Orgasmus. Aber genauso ernsthaft sei die Frage erlaubt: gab es dafür nicht früher mal das Tagebuch oder die beste Freundin? Warum ein Buch? Denn selbst wenn Sarah, diese ganz normale 20jährige, ihren sexuellen Höhepunkt gefunden hat, den sprachlichen wird sie noch lange suchen müssen. „Ich schreie. Er hat mein Jungfernhäutchen durchstoßen...und er kommt. Ich nicht. Ich habe Angst ein Kind zu bekommen.“ Präzise, schlicht, kurz.

Küssen, Vögeln, Lutschen, nass, steif, hart, das Vokabular des Buches ist sehr übersichtlich, die Situationen austauschbar, sie wiederholen sich, werden überflüssig. Auch für eine Porno-Beichte wäre das Buch schlichtweg zu langweilig. Bemerkenswerte Literatur auch nicht, eine Sprache, in der sich Sinnlichkeit leider so gar nicht widerspiegelt. Wer weiß, vielleicht hört es sich aber im Französischen auch einfach nur hübscher und erotischer an: „J’ai joui“.

Ihr Philosophie-Studium absolviert Sarah mit Auszeichnung. Angesichts von derartig zeitraubenden, intensiven sexuellen Orgasmus-Studien scheinen in Frankreich die Anforderungen im Philosophie- Studium nicht sehr hoch zu sein... Ihren Orgasmus hat Sarah erlebt und dies weiß nun auch die ganze Buchwelt, ob der Leser es auch als literarischen Höhepunkt empfindet, das bleibt abzuwarten. Ach ja, wie heißt es zum Schluss: „Ich nannte ihn den Italiener, er war in Padua geboren...Ich hatte schon lange auf ihn Lust und hatte es ihm auch ausdrücklich zu verstehen gegeben.“ Ich hatte doch einen vergessen...vielleicht ist es ja der, mit dem dann auch die Liebe kommt...

Zitat:

„Ich war nackt mit meinem Körper, dessen Weiblichkeit noch nicht voll entwickelt war, und brannte darauf, mich von der Lust der Männer erregen zu lassen, dabei wußte ich in jedem Augenblick, was ich tat, wenn ich mich nicht gehen ließ. Ich hatte Lust auf sie, so viel sie wollten. Ich war eine Hure, die Hure, die in mir steckte. Und das gefiel mir.“

Barbara Wegmann

 


Sarah: Ich bin gekommen. Goldmann, 190 Seiten, 16,90 ¤. ISBN: 3442309980

TITEL ist umgezogen!

Liebe Leserinnen, liebe Leser!


Das neue TITEL kulturmagazin ist ...

Die böse Schlange
und das weiße Kaninchen

In diesem Land stimmt etwas nicht. Der Feminismus nämlich. Schwach steht er da, der Wind pfeift durch die Löcher seines theoretischen Unterbaus. Ähnlich steht es mit den Frauen. ...

Petraeus und sein Stab

Die menschliche Existenz ist voll von Paradoxa. Krieg etwa gehört zu den schlimmsten Dingen, die Menschen einander antun können; die Ausführenden des Kriegs allerdings, das ...

Der Spielplatz macht zu

Nach drei Ausgaben wird das Games-iPad-Magazin Spielplatz wieder eingestellt. Was dahinter steckt, wollte RUDOLF INDERST im Gespräch mit den beiden Machern Henning Ohlsen und Mark ...

Wer will fleißige Handwerker sehn

Der Künstler und ehemalige Hartz IV-Empfänger Van Bo Le-Mentzel hat zusammen mit seiner Crowd ein DIY-Forum geschaffen und mittels Schwarmfinanzierung auch gleich ein Buch drucken lassen. ...

Seitenhiebe

Auf ihrem nächtlichen Heimweg werden Anne und René Winkler (Natascha Paulick, Stefan Kurt) von drei jungen Männern attackiert und brutal zusammengeschlagen. Die Polizisten Phillip ...

Zwischen Karikatur und Avantgarde

Lyonel Feininger ist eine Ikone der Klassischen Avantgarde. Er hat einen festen Platz im Lieblingsmaler-Pantheon. Doch auch solch ein Weltrangmeister ist nicht vom Himmel gefallen. Die Ausstellung ...

Die Geschichte geht weiter

Wieder ein Weltbestseller – Carlos Ruiz Zafóns Roman Der Gefangene des Himmels. Von PETER MOHR

Psychothriller mit doppeltem Deutungsboden

Alles beginnt ganz harmlos. Mit einem Schulaufsatz, in dem der französische Oberstufenschüler Claude (Ernst Umhauer) von einem Besuch im Haus seines Klassenkameraden Rapha berichtet. ...

NJ Institut for sundhed og senior services køb cialis online sundhedspleje forsikringsudgifter