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Adorno / Walter Benjamin: Briefwechsel 1930-1940

16.06.2005

 
„Detlef, mir ist so bang um Dich“

Der Briefwechsel Gretel Karplus/Adornos mit Walter Benjamin

Von Wolfram Schütte

 

Von allen Zeugnissen, die in diesem Jahr im Suhrkamp-Verlag zur Privatheit & Biographie Adornos, Benjamins & Blochs erschienen sind (also Adornos „Traumprotokolle" und Ernst Blochs „Briefe an Karola“), ist der erhaltene Briefwechsel von Gretel Karplus (später: Adorno) mit Walter Benjamin der bewegenste, subtilste und auch schönste – weil die beiden sich bald, nachdem sie ihn 1930 aufgenommen und seit 1933 (als Benjamin Deutschland auf Gretels Rat für immer verlassen hatte) intensivierten, und sich mit den selbstgewählten Namen „Detlef“ und „Felizitas“ ein „Versteck“ geschaffen hatten, in dem die zehn Jahre Jüngere mit dem bewunderten, verehrten und wohl auch geliebten „Meister der zarten Kleinigkeiten“ brieflich in einer Vertraulichkeit verkehren konnte, die im alltäglichen Umgang mit dem reservierten Walter Benjamin wohl kaum möglich gewesen wäre.

Benjamin hatte das Pseudonym „Detlef Holz“ gewählt, um als Jude nach 1933 in Deutschland noch publizieren zu können; Gretel nannte sich „Felicitas“ (wohingegen Benjamin immer das c durch ein z ersetzte), nach einer Figur in einem Theaterstück Wilhelm Speyers, an dem Benjamin mitgearbeitet hatte und nun als Emigrant vergeblich auf einen Anteil an den Tantiemen hoffte. (Wäre es zuviel verlangt gewesen, von den Herausgebern etwas über Rolle und Charakter dieser Figur im Theaterstück zu erfahren?)
Wo sonst als in diesen Briefen hätte die knapp dreißigjährige Gretel von ihrem ewigen Verlobten, dem etwa gleichaltrigen „Teddie“ Wiesengrund-Adorno, als von ihrem „Sorgenkind“ sprechen und zugleich dem wesentlich älteren „Detlef“ antragen können: „Ich adoptiere Dich anstelle des Kindes, das ich doch nie bekommen werde“, damit „Du Dich bei mir ein wenig zuhause fühlst und weißt, wo Du hingehörst“? Denn der Geschiedene hatte als mittelloser Emigrant kein Zuhause mehr, nichts und niemand, bei dem er festen Boden unter den Füßen gehabt hätte.

Zugleich gesteht ihm Gretel Kaplus, die „Heimlichkeit“ ihrer brieflichen Du-Beziehung im Dialog von Felicitas & Detlef „ist in meinem Leben trotz ihrer Unsichtbarkeit vielleicht das Festete, was ich habe, das einzige, worauf ich mich verlassen möchte, ohne immer ängstlich und wachsam sein zu müssen“. Was nichts anderes bedeutet, als ihrer beider Lebenssituationen zu parallelisieren.
Denn auch Gretel war 1933 aus allen Sicherheiten & Lebensperspektiven herausgerissen worden. Völlig auf sich gestellt, mußte sie, allein in Berlin zurückgeblieben, die „jüdische“ Firma für Lederhandschuhe ihrer Eltern nach der „Machtübernahme“ der Nazis führen, Teddie – mit dem sie seit 10 Jahren „zusammenwar“ – machte keine Anstalten, ihr Verhältnis zu legalisieren und ahnte wohl kaum etwas von der prekären Situation der nun ganz allein auf sich gestellten jungen Frau. Nur „Detlef“ gegenüber konnte sie ihr Herz ausschütten und von ihren Migräneanfällen und anderen Krankheiten sprechen,deren psychosomatischen Charakter sie selbst sehr genau erkannte, als sie ihm schrieb, sie sehe darin ein „Aufbäumen meines Körpers gegen all das was ich ihm zugemutet habe, ein ungeheurer Widerstand gegen den Verlauf meines Lebens“.

Detlef & Felizitas im brieflichen Nest der Freundschaft

Deshalb blieb Gretel immer ängstlich darauf bedacht, ihren „zärtlichen Beichtvater“ nur nicht durch eine unachtsame, „falsche“ Bemerkung zu verstimmen oder gar zu verlieren; und wachsam war sie für ihn bis an die Grenzen ihrer geistigen, emotionalen und auch materiellen Möglichkeiten, in dem sie versuchte, ihm hilfreich, tröstend, ermunternd zur Seite zu stehen und dem schon vor der Emigration und erst recht danach unter bedrängtestes ökonomischen Verhältnissen lebenden, lebensfremd-hilflosen Benjamin mit eigenen Mitteln und auch fremden unter die Arme zu greifen.

Gerade in den ersten Jahren seines Exils, als ihm seine ohnehin nie üppigen Einkünfte als „Freier Mitarbeiter“ deutscher Zeitungen , vor allem der „Frankfurter Zeitung“ und der „Literarischen Welt“, wegbrachen, war es einzig Gretel Karplus, welche ihn mehr als einmal aus himmelschreiender Armut in Paris rettete: mit eigenen „Spenden“ oder indem sie antiquarische Bücher aus seiner Bibliothek auf seinen Wunsch hin veräußerte oder ihm zuschickte.

Denn das, Dank Horkheimers vorausschauender Vorsicht, schon vor 1933 nach Genf verlegte „Institut für Sozialforschung“ hielt sich bis Anfang 1936 mit einer bescheidenen regelmäßigen Zuwendung an Benjamin zurück, weil Horkheimer & Adorno ebenso wie Benjamins engster Freund, der nach Palästina emigrierte Gerschom Scholem, die politisch-ideologische Nähe des von ihnen allen Umworbenen zu Bert Brecht und dessen offene kommunistische Sympathien schon vor der Emigration mit Mißfallen registriert hatten. Selbst Gretel, die sich immer nur als Vermittlerin zwischen Teddie & „Detlef“ verstand (und glücklich war, als es sich fügte), versuchte Benjamin von Brecht abzuhalten, wohl nicht nur aus persönlicher Antipathie gegen den unbürgerlich-proletarischen Gestus Brechts, sondern auch, weil sie wußte, daß Benjamins Besuche bei Brecht in Dänemark von „Teddie“ und Horkheimer mißbilligt wurden und deshalb finanzielle Kollateralschäden für Benjamin bedeuteten. Einmal hat sie ihn auch in Gedser (Dänemark) heimlich besucht.

Gretel Karplus und ihre „erotische Akademie“

Nachdem Siegfried Kracauer seinen strategischen Posten als Redakteur der „Frankfurter Zeitung“ verloren und sich schon zuvor nicht in die IfS-Ideologie eingefügt hatte, ließ man ihn im Exil ebenso hängen, wie man sich von Ernst Bloch, nach der von Adorno brieflich verrissenen „Erbschaft dieser Zeit“ (und seiner Ehe mit der Kommunstin Karola) , radikal distanzierte. Der politisch-philosophisch zwischen allen bürgerlich-linken, parteikommunistischen oder linksradikalen Stühlen schwebende, vorallem literarische Essayist Benjamin mußte erst Brecht abschwören und sich dem kritischen Diktat Horkheimers & Adornos an seinen Arbeiten unterwerfen, bevor Horkheimer, nach einer hochnotpeinlichen Unterredung in Paris 1936, den dislozierten Privatgelehrten als „einen der wenigen Menschen“ anerkannte, „die wir um ihrer Denkkraft willen nicht zugrunden gehen lassen dürfen“, worauf Adorno an „Max“ schrieb: „Wir hatten von 1000 Francs gesprochen – ist es unzart, wenn ich Sie an diese Zahl erinnere?“, und Gretel beglückt & stolz an Detlef berichtet, daß „Teddie“ dem Übervater Max (Horkheimer) „kräftige Nachhilfe“ zur Erhöhung des Fixums gegeben habe, was offensichtlich nötig war.

Das heißt: dieser sehr persönlich-intime Briefwechsel, in dem Benjamin für Gretel der einzige Mensch war, dem sie ihre mannigfachen Sorgen, Depressionen und Lebensumstände wie einem Beichtvater anvertrauen konnte und in dem er „schamlos“ von seiner materiellen Not sprechen konnte, ist zugleich nicht frei von den (harmlos gesprochen) ideologischen Kontroversen, Eifersüchteleien, Abhängigkeiten, die in der Emigration zur prekären Tagesordnung jener Gruppe von zumeist deutsch-jüdischen linken Intellektuellen gehörte, die in der Spätphase der Weimarer Republik einander persönlich bekannt, wo nicht gar befreundet waren und zumindest gegen den (nationalsozialistischen) Feind gemeinsam Front gemacht hatten.

„Spezialität: Handschuhleder - Lederhandschuhe“

Die promovierte Chemikerin Gretel Karplus in Berlin, die 1923 Theodor Wiesengrund-Adorno kennen- & lieben gelernt hatte, war durch ihren „Teddie“ mit allen diesen Intellektuellen und Künstlern bekannt und mit einigen befreundet gewesen; und „Teddie“ & seine Bekannten zu bewundern, hatte sie allen Grund. Obwohl nicht mit den ästhetisch-philosophischen Subtilitäten und Differenzen vertraut, die zwischen Brecht & Kracauer, Bloch & Adorno, Horkheimer & Benjamin è tutti quanti verhandelt und als Distinktionsgewinne eingestrichen wurden, muß doch diese junge Frau auf sie alle einen außergewöhnlichen erotischen Reiz ausgeübt haben – und wenn man Tonfall und Stil ihrer Briefe an „Detlef“ als pars pro toto nimmt, ist wohl zu ihrer elegant-sportiven Erscheinung auch ein seelischer Liebreiz und eine menschenfreundliche, mütterlich-umsorgende Herzenswärme hinzugekommen, die nicht nur dem ewigen Kind „Teddie“ liebenswert erschien. Der Womanizer Bloch hat sich wohl auch um sie „bemüht“, der ältere Benjamin
wohl nur noch väterlich „platonisch“, mit dessen Freund, dem Arzt Egon Wissing, hatte sie ein kurze Affäre.

Gretel Karplus, als einzige in einem bürgerlichen Beruf tätig, muß die Bekanntschaft und der vertraute Umgang mit dem erotischen Charme solcher charismatisch-brillanter Intellektuellen wie Adorno, Benjamin und Bloch, die unverkennbar ihr Avancen machten, ein Glückserlebnis gewesen sein. Deshalb versucht sie auch, wider die immer rigider werdenden politischen Differenzen, die Kontakte zu & zwischen den Mitgliedern ihrer zeitweiligen „erotischen Akademie“ (Jean Paul) vor 1933 auch nach deren Emigration brieflich aufrechtzuerhalten: von Berlin aus, wo sie, von allen Freunden verlassen, das Geschäft der Eltern weiterführte bis zu dessen Liquidation 1936. Nur ihr geliebter „Teddie“, für den sie „meine Freunde verraten und Gemeinheiten begehen könnte“, der erstaunlich flexibel zwischen Oxford, Berlin, Frankfurt a.M. hin-und herreiste (ohne daß Gretel immer gewußt hätte, wo & was er jeweils trieb oder beabsichtigte), ist der letzte leibhaftig noch von Zeit zu Zeit Vorhandene aus dem früheren glanzvollen Bekanntenkreis. Obwohl sie mit ihm Urlaube auf Rügen, in Franken, dem Schwarzwald oder einmal im faschistischen San Remo (wo sie 1937 Benjamin zum letztenmal trafen & sahen) verbringt, kümmerte sich ihr „Sorgenkind“ jedoch „gar nicht“ darum, „wie es um mich steht“. Als sie die Auflösung des elterliche Geschäfts vor Augen hat und nicht weiß: “Doch wohin dann mit mir?“, fragt sie bei Benjamin sogar an, ob er glaube, daß sich für sie in Paris Arbeitsmöglichkeiten ergeben könnten und für den Fall, „daß Du zufällig etwas hörst“, fügt sie hinzu: „abgeschlossene akademische Ausbildung in Chemie, weitgehende kaufmännische Kenntnisse, 10 Jahre Praxis, Spezialität: Handschuhleder – Lederhandschuhe“. Ob sie das Ernst gemeint hat? Verzweifelt war sie gewiß, auch wegen „Teddies“ unsensibler Ignoranz (oder soll man gar von Dummheit sprechen?) Schließlich lebte sie als Jüdin in der Nazidiktatur.

Die Ehe mit „Teddie“ als Schlüsselerlebnis

Ein Dreivierteljahr später, am 18. 1. 37 schreibt sie ihrem „lieben Detlef“ von „etwas Besonderem, womit ich nicht recht fertig werde“ und sucht um seinen „Rat und Zuspruch“ nach: „Ich entdecke eine neue – leider schlechte – Eigenschaft an mir: Feigheit. Ich meine damit die in Ausssicht genommene Legalisierung der Beziehung zwischen Teddie und mir. Gewiß, ich wünsche mir seit Jahren nichts sehnlicher, ich habe mein ganzes Sein im Grunde auf diese Vereinigung eingestellt, ich wüßte auch gar nicht mehr, was sonst anzufangen, und trotzdem kamen mir Bedenken, ob ich mich nicht überschätzt habe, ob ich der Aufgabe gewachsen sein werde. Ich bin keine Else von Str., besaß wenigstens eine Chance, trotz des steten Beisammenseins dem Abstumpfen der Gewöhnung zu entgehen. Ich kenne Teddies Bedürfnis nach Glanz, Schönheit und Abwechselung, wo soll ich das alles stets herschaffen, jetzt da ich längst nicht mehr ganz jung und ohne jedes Einkommen und ohne Besitz bin?“
Es fiele schwer, in diesen Zeilen nicht einen Schlüssel zu sehen, um ihr ganzes künftiges Leben an TWA´s Seite, das darin beschlossen lag, damit aufzuschließen: ihre bedingungslose Hingabe und Abhängigkeit, ihre Loyalität und verschwiegene Einsamkeit. Es ist herzzerreißend zu sehen, wie „Detlef“ & „Felicitas“ aneinander brieflich festhalten, nachdem Gretel ihre Berliner Existenz aufgegeben hat und an der Seite „Teddies“ zuerst nach Paris, dann London und schließlich nach New York emigriert und zeitweise nur noch als brieflicher Appendix von Teddies Briefwechsels mit Benjamin zugelassen scheint. Es ist Benjamin, der sie um die Fortsetzung ihrer früheren Korrespondenz bittet, nachdem „Felizitas“ zu „Frau Dr. Wiesengrund“ geworden war.

„Mein lieber Detlef“, antwortet sie ihm, drei Wochen nach der Heirat in London 1938, „in der Tat, Du hast mich vor eine ungeheuer schwierige Aufgabe gestellt: neben dem Teddie eine Sonderkorrespondenz mit Dir zu führen. Da sitze ich nun mitten 2 Schriftgelehrten, mit meinem Gestammel und muß stets gewärtig sein, daß sie beide an mir herumerziehen voll Entsetzen über meine faux pas. Ist es da nicht tolldreist, wenn ich es trotzdem wage“ – selbstverständlich, darf man annehmen, mit „Teddies“ Billigung.
Es ist wohl das Private und das, was Fontane „plauderdings“ nannte, was Benjamin an Gretels Briefen, Nachrichten, Zureden mehr als nur schätzte: Er war ihrer bedürftig als womöglich einzigem brieflichen Kontakt mit einem fernen geliebten Menschen, dessen Nachrichten ebenso wie dessens eindringliche persönliche Nachfragen durch ihren „menschlichen“, herzlichen, verspielten Ton gewissermaßen der einzige „Wärmestrom“ war, der in die wachsende Kälte, Verlassenheit, Angst und Not seiner um ihren Erhalt durch fieberhafte Tätigkeit für das „Institut“ verkrampfte Existenz noch eindrang.
Denn der Briefwechsel, den er mit „Teddie“ führte, war ganz und gar „geschäftlich“, „sachbezogen“ – und wenn man sich vor Augen stellt, daß er vollständig von dessen Wohlwollen finanziell abhängig war (ein schon oft aufgeschlagenes Kapitel für sich), kann man wohl mutmaßen, daß Benjamin von Felizitas auch das eine oder andere „gute Wort“ für ihn bei „Teddie“ erhoffen durfte, wie er auch an einer Stelle andeutet. Denn er mußte ja davon ausgehen, daß Detlefs Briefwechsel mit Felizitas (Wiesengrund) „Teddie“ vor Augen kam, ja kommen sollte, was für Gretel sogar noch einen Surpuls-Gewinn brachte: „Und nun muß ich Dir noch ein besonderes Kompliment für Deinen Brief machen“, schreibt sie ihm am 3.8. 1938 aus Bar Harbor, Maine aus der Sommerfrische: „Er ist nicht nur schön und ungeheuer überlegt, sondern auch die Dosen der Schmeichelei sind so fein abgewogen, ich bin froh darüber, stolz darauf, glücklich damit. Gleichzeitig hat der Brief noch die Nebenwirkung gehabt, daß mein Ansehen beim Institut sehr dadurch gestiegen ist. Vielleicht werde ich da nach Jahren doch noch einmal als selbstständiger Mensch betrachtet, nicht nur als 'Dame des Instituts'“.

Gretel als Benjamins Sekretärin in New York

Dem aus vielerlei Gründen zögernden Benjamin versuchte seine hilfsbereite Vertraute die Neue Welt, sprich: seine rettende Emigration ins Angelsächsische „schmackhaft“ zu machen: „Ja, es ist alles hier und eigentlich noch konzentrierter als in Berlin, man fühlt sich an die Jahre 25-32 versetzt so stark, daß es mir manchmal etwas unheimlich wird und man sich fragt, was dann?“. Sie hat in ihren späten Briefen ihm die „Schwellenangst“ nicht nur im Interesse des Instituts zu nehmen versucht, das an Benjamins überragender „Denkkraft“ das größte Interesse hatte; sondern auch, darf man vermuten, auch aus eigener Sehnsucht, weil sie in dem älteren Freund ein Verständnis für ihre Situation als Teddies „Anhängsel“ erhoffte. Auch bot sie sich in New York (!) ihm als seine abschreibende Hilfskraft an, und man muß sich das einmal vorstellen: Gretel fertigte Benjamin als Sekretärin Durchschriften, also Kopien seiner letzten Baudelaire-Arbeiten an und schickte sie ihm nach Paris, damit er noch einen Überblick über seine Arbeiten behielt, die Teddie mit immer neuen, detaillierten Kritiken und Umarbeitungswünschen versah!

Er habe sogar begonnen, Englisch zu lernen, schrieb er ihr, nachdem sie ihm entschieden dazu geraten hatte, und im April 1939 teilte Benjamin Felizitas mit, daß es ihm nun „als selbstverständlichste Sicherheitsmaßnahme“ erscheine, „bewegliches Gut – sei es geistiges oder materielles – schleunigst nach Amerika herüberzuschaffen“. Da er im gleichen Brief berichtete, daß „die einzige wirklich gutsituierte Familie, die ich hier kannte und an der ich einen äußersten Rückhalt gehabt hätte“, nach den USA reise, versuche er „aus dem Verlust dieser letzten Deckung das Beste zu machen“, nämlich diesen offenbar sehr reichen Mäzen und Sammler an Max Horkheimer zu verweisen. „Wenn man es geschickt anfängt“, fährt er dann fort, „so wird man ihn sicherlich für meine Übersiedlung nach Amerika interessieren können und vielleicht sogar, mit der Zeit, für gewisse Unternehmungen des Instituts“.

New Yorker Indianertanz & Pariser Marterpfahl

Am 15. Juli 1939 schreibt Teddie aus New York: „Mein lieber Walter: zu Ihrem Geburtstag hat Max uns das schönste Geschenk gemacht:die Aussicht, daß Sie bald herkommen, und die kaum minder schöne, daß bald der Baudelaire in unseren Händen ist. Wir können Ihnen kaum sagen, wie glücklich wir sind: zum erstenmal haben wir das hiesige Brauchtum adoptiert und einen wahren Indianertanz aufgeführt, und Max ist ebenso froh wie wir“. Es handelt sich dabei allerdings nur um einen Besuch, aber ein Visum ist dafür leicht zu bekommen. Voraussetzung ist allerdings, daß Benjmin „einen gewissen Geldbetrag nachweisen“ müßte. Horkheimer läßt ihm dazu durch Adorno ausrichten, Benjamin könne dafür das Institut angeben, fügt aber gleich hinzu, es „verstehe sich jedoch, daß es sich dabei lediglich um eine Formsache handele“, der mittelose Benjamin also damit kein Guthaben beim Institut habe. „Wenn ich Max richtig verstehe“, fährt Adorno dann gewunden fort, „so werden Sie die Reisekosten tragen, in New York aber Gast des Instituts sein“. Teddies & Felicitas´ „Indianertanz“ in allen Ehren, steht aber der freudig erwartete europäische Gast damit nicht realiter: am „Marterpfahl“? Denn woher soll er das Geld für die Reisekosten nehmen? So denkt Benjamin daran, sich von dem Emblem seines Lebens, Paul Klees „Angelus Novus“, zu trennen und schreibt deshalb an jene erwähnte, in die USA emigrierte „gutsituierte Familie“, ob sie einen Käufer dafür wüßten – eine wahnwitzige Groteske, weil Benjamin das Kleesche Aquarell ja noch bei sich in Paris hatte.

Wie der Verkauf, Transport und der Erlös des Transfers über den Atlantik hätte bewerkstelligt werden sollen, bleibt rätselhaft, denn der Ausbruch des 2. Weltkriegs eineinhalb Monate später hat diese äußerste Verzweiflungsaktion Benjamins zunichte machte. Näher war der Zögerer jedoch dem glücklichen Entkommen in die USA nie gewesen, und hätte Horkheimer dem Mittellosen nicht zugemutet, die Reisekosten selbst zu tragen, so wäre er wohl längst in den USA gewesen, als es kein Zurück ins okkupierte Frankreich mehr gegeben hätte: „Couldn´t things happen when you where just here for a visit so that you had to stay here“, schrieb ihm Felicitas am 9. September in Englisch, da war Benjamin mit anderen deutschen Emigranten jedoch schon in ein Internierungslager nach Nevers an der Loire verschickt worden, von wo er sich auf Französisch meldete. Er kommt zwar wieder frei, ist in Paris, schreibt an seinen Projekten weiter, flüchtet nach Lourdes, von dort nach Marseille und schließlich nach Port Bou an der spanischen Grenze, wo er sich 1940 das Leben nimmt.

In der noch verbliebenen Zeit zwingt die Zensur Felicitas und Detlef in diesen beiden Fremdsprachen weiterhin zu korrespondieren, wobei Gretel einmal unbewußt ins Deutsche zurückfällt und als sie es bemerkt, fortfährt: „I totally forgot to continue in English, if I ever shall get used to it?“ Und „Detlef“ berichtet ihr noch aus Paris in einem P.S.: „Mes lecons anglais vont commencer la semaine prochaine“, wohingegen „Teddie“ – diesmal schreibt er einen Appendix zu einem Brief von Felicitas – berichtet, daß seine Begeisterung über Benjamins „Baudelaire“ ständig steige und er den Freund auf schwankendem Boden bittet, nachdem er die deutsche Zusammenfassung (abstract) und die englische Übersetzung der Baudelaire-Essays für die Publikation in der Zeitschrift des Instituts gemacht hat: „Please, check the French translation of this resume which does not yet satisfy me“.

Diese ganze letzte Zeit Benjamins, seiner Arbeit und Sorge um seine Manuskripte, seine Fluchtbewegungen durch das besetzte Frankreich und sein fortgesetzter brieflicher Kontakt mit den Freunden in den USA ist eine einzige kakophonische, absurde, „kafkaeske“ Groteske, weil beide Seiten die Contenance bewahren wollen – bis zu Benjamins letztem französisch geschriebenen Lebenszeichen an Felizitas vom 19.7. 1940 aus Lourdes, das endet: „J´ai emporté un seul livre: les mémoirs du cardinal de Retz. Ainsi, seul dans ma chambre, je fai appel au >Grand Siècle<. Tu diras toutes mes amitiés à Teddie et ma gratitude dévouée à Max et à son mari. Toujours ton vieux Detlef «

Stoff für ein Porträt von Gretel Karplus (Adorno)

Mit diesem Briefwechsel, dessen Benjamin-Zeugnisse schon bekannt waren, fällt nun auf die bislang willentlich & völlig in Adornos Schatten stehenden Gretel Karplus/Adorno ein unerwartet helles Licht. Auch die bereits aus Benjamins Briefen bekannte briefliche Beziehung „Detlefs“ zu „Felicitas“ erscheint nun in anderer, intimerer Beleuchtung. Aber erst die Briefe Gretels, in denen sie von sich spricht, eröffnen – so fragmentarisch der erhaltene Briefwechsel auch ist – nun erstmals die Möglichkeit, aufgrund dieser authentischen Zeugnisse mehr als bloß die Skizze eines Selbstporträts im Gegen- & Zwielicht der sie umgebenden Männer und ihrer komplexen Rolle an der Seite ihres „Teddie“ wahrzunehmen. Allein aufgrund dieser intimen, prekären Freundschaftszeichen, als welche man den Briefwechsel mit Benjamin lesen kann, wäre bei sensibler und kundiger, resp. kundig gemachter Lektüre des Briefwechsels hinreichend, wo nicht sogar in Fülle Stoff für ein intensives, zeittypisches Porträt Gretels zu entdecken. Man wünschte sich, es würde sich bald jemand finden, der ein solches Porträt der Frau an „Teddies“ Seite in Angriff näme.

Wenig hilfreiche Edition

Jedoch arbeitet die Edition Christoph Göddes und Henri Lonitz´ einer solchen aufklärenden, verknüpfenden, also die Leser kundiger machenden, quasi polyphonen Lektüre kaum zu, weil die höchst sparsame Kommentierung auch noch lückenhaft und manchmal nichtssagend ist. Überhaupt scheint der als „Edition des Theodor W. Adorno Archivs“ firmierende Band ganz zu dessen Lasten zu gehen, ohne daß ihn ein Suhrkamp-Lektor begleitet hat. Oder ist auch diesem nicht aufgefallen, daß bei der Titulatur der einzelnen Briefe zwischen den Seiten 80 und 106 Gretels Name wechselnd mit Adorno oder Karplus verbunden wird, obwohl sie zu dieser Zeit noch weit entfernt von einer Ehe mit Teddie Wiesengrund Adorno war? Das sind jedoch lässliche Schlampereien.

Schmerzlicher sind editorische Unterlassungssünden, die Lesern Informationen vorenthalten, um bei bestimmten, in den Briefen angesprochenen Sachverhalten der Briefpartner auf deren Kenntnishöhe zu sein. Z.B. in jener oben zitierten „Schlüsselmitteilung“ Gretels über ihre Ehe mit „Teddie“. Dort schreibt sie: „Ich bin keine Else von Str.“, der Kommentar lautet lapidar: „Else von Stritzky, Ernst Blochs erste Frau“. Gretel Karplus wollte damit aber nicht sagen, daß sie keine Adlige ist, sondern spielt auf die allen im Bekanntenkreis vertraute dominierende, inspirierende Rolle von Blochs erster, früh verstorbener Frau, der Bildhauerin Else von Stritzky an, der Bloch weit über ihren Tod hinaus „Engelhaftigkeit“ nachgesagt und deren Andenken er sogar eines seiner späten Werke gewidmet hat. Ein „gleichwertige Muse“ könne sie ihrem „Teddie“ nicht sein, soll damit gesagt werden.

Oder ein anderes Beispiel: Um seine Reise nach New York zu finanzieren, will Benjamin seinen „Klee“ verkaufen. An keiner Stelle wird der Leser des Briefwechsels über das Bild informiert und welche Rolle dieses einzige Aquarell Paul Klees in Benjamins Besitz, nämlich der „Angelus Novus“, in seinem Leben und seiner Philosophie spielte und was der Verkauf für einen symbolischen Charakter für ihn gehabt hätte.

Ein weiteres Beispiel: Über kein Buch, das Benjamin Gretel empfiehlt, äußert er sich ausführlicher und rätselhafter, eng auf beider gemeinsames Verständnis bezogen, wie über Julien Gracqs „Au Chateau d´Argol“. Die Kommentierung könnte kaum absurder sein: >Julien Graq: das Pseudonym für Louis Poirier (geb. 1910) – Der Titel des Buches ist „Au chateau d´Argol“<. Dagegen wird (im gleichen Brief) Benjamins erster Versuch, einen englischen Autor auf Englisch zu lesen – „die wunderbaren Examples of Antitheta von Bacon“ – gänzlich unkommentiert gelassen.
Angesichts der Vielzahl von Büchern, die Benjamin Gretel geschickt oder zu Geburtstagen geschenkt hat, wäre die Information, ob sie sich noch in der Bibliothek Adornos befinden, nicht ohne Wert.
„You can´t always get what you wanted“ (Rolling Stones) – aber ein bißchen mehr als hier doch wohl schon, dachte & wünschte ich mir.

Wolfram Schütte


Gretel Adorno / Walter Benjamin: Briefwechsel 1930-1940.
Herausgegeben von Christoph Gödde und Henri Lonitz.
Suhrkamp Verlag, Frankfurt a.M. 2005.
4 Abb., 434 Seiten, 26.90 ¤

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