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    TITEL kulturmagazin
    Sonntag, 25. Juni 2017 | 14:16

     

    Theodor W. Adorno: Traumprotokolle.

    19.05.2005

    „Mit Grauen/Lachen aufgewacht“

    Zu seinen Lebzeiten hat der Frankfurter Philosoph Theodor W. Adorno alles Biographische bedeckt gehalten. Jetzt sind seine „Traumprotokolle“ erschienen, die ernoch aus vielen geträumten Stücken ausgewählt hatte und tiefe Einblicke in seine Psyche gewähren. Eine ebenso bizarre wie problematische Edition des „Theodor W. Adorno Archivs“.

     

    Was „Teddie“ uns wohl zu sagen vorhatte, als er kurz vor seinem Tode 1969 beabsichtigte, eine ausgewählte Reihe seiner „Traumprotokolle“ zu veröffentlichen, die seine Ehefrau Gretel transkribiert hatte? Er habe sich 1956 zwei Gedanken zu Träumen notiert, berichten die Herausgeber seiner jetzt erschienenen „Traumprotokolle“. Zum einen gäben ihm „gewisse Traumerfahrungen Anlaß zu vermuten, daß das Individuum den eigenen Tod als kosmische Katastrophe erlebt“, was auf seine hier protokollierten Zernichtungsträume (Jean Paul) hinweisen dürfte. Zum anderen bestünde zwischen den Träumen eines Menschen ein Kontinuum; sie „gehören einer einheitlichen Welt an, so etwa wie alle Erzählungen von Kafka in „Demselben“ spielen“. Jedoch diese traumwandlerische Selbstreferenz durch untergründigen Zusammenhang und Wiederholung von Traummotiven enthalte die Gefahr, “daß wir sie von der Wirklichkeit nicht mehr unterscheiden können“ – sie also die Angst beschworen, darüber wahnsinnig zu werden, die Adorno in der Tat im Anschluss an zwei seiner hier ausgewählten Träume äußert.

    Der hinweisende Vergleich mit Kafkas fiktionaler Welt, die ja fast aufdringlich & banal als „alptraumhaft“ immer wieder beschrieben wurde, könnte aber in Adornos Sinne auch darauf hindeuten, daß der Philosoph in seiner Traumproduktion etwas vergleichbar Autonomes wie Kunst, speziell der Musik Verwandtes sah. Meinte TWA vielleicht sogar, in seinen „Traumprotokollen“ sein „authentisches“ literarisches Werk vorzulegen?

    Darauf scheint Jan Philipp Reemtsma, „Vorstand des Theodor W. Adorno Archivs“, in seinem umständlich-elaborierten, teilweise kryptisch-persönlichen Nachwort, zu dem ihn der Verlag gedrängt habe, u.a. auch hinzuweisen. Aber man weiß es nicht genau, weder bei ihm noch bei Adorno. Gar nichts weiß man, also auch nicht, ob Adorno nicht sogar sein Verleger Siegfried Unseld das Projekt in der vorliegenden Form ausgeredet hätte. Verständlich mag aber sein, daß man diese in vieler Hinsicht bizarre Merkwürdigkeit aus Adornos Nachlass jetzt nicht „ungeleit´“ in die literarische Öffentlichkeit gehen lassen wollte. Aber so, wie es nun geschehen ist, hätte es auch nicht sein müssen.

    Der Träumer besteht nicht zu unrecht darauf, daß seine Aufzeichnungen „authentisch“ seien und „gleich nach dem Erwachen niedergeschrieben“ wurden; er bedenkt jedoch nicht, daß er aber damit einen direkten Einblick in das Intimste seiner Subjektivität gewährt, die schutzlos sich dem Erkenntnisinteresse eines fremden Lesers darbietet, weit rücksichtsloser noch als die wie immer auch rationaler Kontrolle unterliegenden intimsten Eintragungen in einem geheimen Tagebuch.

    Das Rätsel von Adornos Vorhaben

    Eben darin aber besteht das Rätsel des Adornoschen Vorhabens, weil er nicht nur das eigenste Private & Biographische vor dem Öffentlichen zu schützen wußte und höchst selten – und immer nur „vermittelt“ – zu seinen Lebzeiten davon gesprochen oder gehandelt hatte. Hätte er jedoch in diesen „Intimissima“ womöglich „Kunstprodukte“ gesehen – gewissermaßen „Impromptus“ seiner weitgehend unkontrollierten Subjektivität –, wäre zumindest seine Überschreitung der Schamgrenze mit ihnen verständlich. Wobei nicht zu vergessen wäre, daß das „Authentische“ sich einzig auf die schriftliche Fixierung des im Traum Erlebten, also ihm Eigenen beziehen kann, nicht aber prätendieren dürfte, die Träume selbst als je eigene „authentische“ im „Protokoll“ reproduziert zu haben, gewissermaßen als deren sprachliche Doubletten. Indem er sie auswählte, lenkte ihn ein Interesse, sei´s dem Eigenen, sei´s dem potentiellen Leser zuliebe. Wir werden nie erfahren, welches es gewesen ist. Kindliches Staunen & Stolz über die pointierten Bocksprünge, Kalauer & humoristischen Assoziationen seines Traum-Ichs? Also eine Kuriositäten-Sammlung? Es wird ja wohl nicht Exhibitionismus gewesen sein?

    Nachdem aber das Adorno-Archiv durch seine Editionen des „Briefwechsels mit den Eltern“ und den Tagebuchauszügen in der „Bildmonographie Adorno“ (Rezension siehe hier), wie auch durch „Adornos Briefwechsel mit Lotte Tobisch“ (Rezension siehe hier) mehrfach ebenso erstaunliche wie intime Blicke in Adornos Privatsphäre eröffnet hatte, sind die „Traumprotokolle“ nun die jüngste & rücksichtsloseste Offenlegung des Autobiographischen. Da uns vom Autor keine intentionale Lektüre- oder Analysen-Empfehlung bekannt ist, könnte ihr naheliegender rationaler Wert (neben dem „poetischen“) für uns Nachleser darin primär zu suchen sein, sie vor allem oder doch erst einmal als autobiografische Fußnoten zu lesen & halbwegs aufzuschlüsseln. Als „gefundenes Fressen“, wie „Teddie“ am Ende von einem seiner Protokolle schreibt, mögen sie auch Psychoanalytikern dienen – wenngleich Reemtsma sie so nicht verstanden haben will. Aber Psychoanalytiker werden die wenigsten der „Traumprotokolle“-Leser sein.
    Für eine lebensbezogene „Lektüre“ spricht auch, daß Adorno seine Aufzeichnungen genau terminiert & lokalisiert: vom Januar 1934 in Frankfurt bis zum 12. April 1969 in Baden-Baden. Gelegentlich hat er hinzugefügt „In einer der folgenden Nächte“ oder „Ein anderer Traum, früher in der Nacht“ und einmal hat er einen Traum, der „einen Titel hatte“, nämlich „Siegfrieds letztes Abenteuer“ oder „Siegfrieds letzter Tod“, mit der Gleichzeitigkeit seiner Arbeit am „Versuch über Wagner“ in Verbindung gebracht. An manchen Stellen hat er selbst kleine Kommentare oder Interpretationen angeschlossen, so daß die „Protokolle“ seiner Träume oft mehr und manchmal auch ganz anderes sind, als deren schlichte nachträgliche Fixierung, nämlich eng bezügliche Selbstinterpretationen.

    Die genaue zeitliche und örtliche Lokalisierung deutet darauf hin, daß er willentlich die Träume an Wach-Erfahrungen des Tages oder den Zeitraum knüpfte, dem sie entstiegen sind – wie „surreal“ ihr ikonographisches und kombinatorisches Material auch sonst sein mag. Zumindest für ihn waren sie, wie für jeden, der über einen Traum ins Grübeln und ihm zumindest im Blick auf dessen Material „auf die Schliche“ kommen will, Fortsetzungsgeschichten aus dem wach gelebten, gedachten Leben, das in ihnen, vor allem in den geträumten Personen, vorhanden war. Insofern darf man annehmen, daß Adorno die Träume gewissermaßen als Begleitmusiken oder gar Kommentare des Unbewussten zu seinem Leben zumindest auch angesehen hat.

    Ärgerliche Editionspraxis

    Die Editoren behaupten, Adorno habe die Personennamen „meist durch Initialen“ oder durch „Umschreibungen wie „Mein Freund“ oder „Mein Arzt“ ersetzt“. Angesichts der Fülle von Namen, die immer noch in den Protokollen stehen geblieben sind, erscheint die wohl damit gemutmaßte Anonymisierung jedoch unzutreffend. Auch das Urteil der Herausgeber, es seien die Personennamen nur „in solchen Protokollen erhalten geblieben, deren Inhalt von ihm als unbedenklich angesehen wurde“, ist meineserachtens nicht zutreffend. Schließlich scheint sich ihre Bemerkung: „Einige Personennamen wurden in den Abschriften anonymisiert“, welche die Herausgeber im letzten Satz ihrer „Editorischen Nachbemerkung“ äußern, doch wohl auf ihre Eingriffe zu beziehen, ohne daß diese editorischen Anonymisierungen jedoch nachgewiesen oder von ihnen begründet worden wären.

    Das ist unerfreulich, um nicht zu sagen: ärgerlich. Sie wollen die Katzen aus dem Sack lassen, machen sie aber nachträglich grau – oder sogar unsichtbar selbst dort, wo TWA es nicht getan hatte. Ärgerlich ist das zum einen, weil damit die ursprünglich vorliegende Textgestalt verändert wurde, zum anderen, weil die Herausgeber offensichtlich Adornos intimen Umgang mit seinen „Traumprotokollen“ nicht begriffen haben. Denn die Personennamen sind wie die notierte Zeit, an dem der Traum geträumt wurde, meistens autobiografisch von substantieller Bedeutung, was Adorno wußte & seine Herausgeber wissen müßten, bzw. wissen, aber wahrscheinlich aus falsch verstandener Dezenz verschweigen. Hätte aber Adorno grundsätzlich sein aus dem gelebten Leben gegriffenes Traumpersonal durchgängig anonymisiert, wären die Protokolle zu großen Teilen hinfällig und ihre „Traumlogik“ vollends für eine fremde Lektüre unverständlich geworden, ohne doch fiktionale Eigenständigkeit dadurch zu gewinnen.

    Für einen Leser, der mit Adornos Leben und die ihn umgebenden oder bestimmenden Personen nicht vertraut ist – und das dürfte das Gros der Käufer dieses Bandes der „Bibliothek Suhrkamp“ sein –, sind ohnehin jetzt schon zahlreiche Träume (& was sie dem Protokollanten bedeuteten) gar nicht nachvollziehbar.
    Ich zeige es an zwei Beispielen unter vielen, stoße aber schon beim ersten auf eine folgenreiche editorische Schlamperei. In der „Bildmonographie“ wurde ein Traum in Oxford als vorausahnender „Nachruf“ auf den 9. Juni 1935, in den „Traumprotokollen“ jedoch erst als träumerische Reminiszenz auf den 9. Juni 1936 datiert: “Agathe erschien mir und sagte vollends traurig: Früher, mein Kind, habe ich Dir immer gesagt, wir werden uns nach dem Tode wiedersehn. Heute kann ich dir nur noch sagen: ich weiß es nicht“.

    Szene mit Agathe und ihrem lieben Kind

    Um das Bewegende & Anrührende dieses Traums in den „Protokollen“ zu verstehen (& zu verstehen, warum ihn „Teddie“ protokolliert hat), muß man wissen: 1.Daß Agathe die um drei Jahre jüngere Schwester von Adornos Mutter war, als Unverheiratete im Wiesengrund-Adornoschen Haushalt lebte und von „Teddie“ mehr geliebt wurde als die eigenen Eltern. 2. Daß Agathe, die ihn, wohl im Traum ebenso wie im Leben, „mein Kind“ nannte (als habe sie ihn adoptiert), fast genau ein Jahr vor dem Oxforder Traum, nämlich am 26. Juni 1935 in Frankfurt a. M. in Gegenwart Teddies gestorben war (und als einzige seiner Familie heute mit Gretel & Theodor W.Adorno im gemeinsamen Grab auf dem Frankfurter Hauptfriedhof begraben ist).

    Agathes „Erscheinung“ im Traum betont durch die Wortwahl, daß sie geisterhaft von jenseits des Lebens spricht und „ihrem Kind“ das zu ihren Lebzeiten immer versprochene Wiedersehen nach dem Tod, nun sie tot ist, bezweifelt. Zarter und lakonischer kann man die Sehnsucht des Überlebenden nach der geliebten Agathe und seine Angst, sie auf immer verloren zu haben, kaum vor Augen stellen – als in dieser „traumhaft“ selbst inszenierten Begegnung und Szene mit Agathe, „dem Menschen, dem ich am meisten für meine Entwicklung verdanke“, wie er Siegfried Kracauer nach Agathes Tod schrieb.
    Aber man muß, um die emotionale und existentielle „Betroffenheit“ des Traumprotokollanten und die vollkommene autobiografische Transparenz dieses Traums begreifen zu können, eben die entsprechenden Fakten kennen. In der Edition der „Traumprotokolle“ werden sie verschwiegen.
    Ein weiteres Beispiel, notiert in Frankfurt am 10. Oktober 1960: „Kracauer erschien mir: Mein Lieber, ob wir Bücher schreiben, ob sie gut oder schlecht sind, ist doch ganz gleichgültig. Gelesen werden sie ein Jahr. Dann kommen sie in die Bibliothek. Dann kommt der Rektor und verteilt sie an die Kinner“.

    Das intellektuelle Verhältnis Adornos zu seinem ersten Frankfurter Förderer & Bewunderer, den 14 Jahre älteren Siegfried Kracauer, hatte sich während der Emigration in jeder Hinsicht abgekühlt, und die beiden sind sich erst 1957, nach Jahrzehnten der Entfremdung, in Frankfurt wiederbegegnet, ohne daß Adornos kritisches Verhältnis zu dem späten „Krac“ danach geschwunden wäre.

    „Teddies“ träumerische „Ranküne“

    Der mitgeteilte Traum, dessen Aussagen dem für TWA geistig „zurückgebliebenen“ Kracauer in den Mund gelegt werden, wirft dem ehemaligen Freund resignative Gleichgültigkeit im Hinblick auf das vor, was für TWA das intellektuell Höchste bedeutete: die Exzellenz des philosophisch-literarisch Geleisteten & Gelungenen. Die besondere Pointe des Traums ist aber nicht nur, daß guten wie schlechten Büchern keine Dauer & Resonanz zugesprochen wird, sondern daß sie in der Schulbibliothek verschwinden und vom Rektor schließlich verteilt werden – und das ist die Krone von „Teddies“ träumerischer Schmähung – „an die Kinner“. Der Frankfurter Dialektausdruck für „Kinder“, der dem resignativen „Herunterzieher“ Kracauer im Traum offenbar abgehört wurde, artikuliert mimetisch dessen intellektuelle Provinzialität, die über die Zeit, in welcher der Schüler „Teddie“ die liebende Bewunderung des Älteren gefunden hatte, nie hinausgekommen sei. Das ist ein klassischer Fall für das, was TWA des öfteren mit geradezu delikat-süffigem Mund-Spitzen so gerne „Ranküne“ genannt hätte.

    Wenn man diesen hier angedeuteten biographischen Hintergrund nicht in Betracht ziehen kann, müßte man den Traum als eine auf Kracauer projizierte Selbstbezweifelung des eigenen Ruhms und der eigenen Resonanz ansehen, die TWA damals schon in der Bundesrepublik genoß (während Kracauer noch weitgehend vergessen war). Der Traum würde sich damit eine „neutrale“ Interpretation gewissermaßen „erschleichen“, weil das innerste Motiv von Adornos Kracauer-Traum verborgen bliebe, das aber aus allen uns bereits vorliegenden brieflichen Zeugnissen Adornos präsent ist.

    Von Agathe zu Gretel

    Der zuerst zitierte Traum von Agathe steht, gewissermaßen „thematisch“, in direkter Korrespondenz zu einem am 16. Juni 1960 geträumten anderen: „In der Nacht vor der Abfahrt (nach Wien) träumte ich: daß ich von der metaphysischen Hoffnung nicht ablassen mag, ist gar nicht, weil ich so sehr am Leben hinge, sondern weil ich mit G. erwachen möchte“.
    Dieses „Traumprotokoll“, das ja keine Bildlichkeit besitzt, sondern ein emotionales Resümee zieht und eine Interpretation seines untilgbaren metaphysischen Verlangens nach einem Leben nach dem Tode an der Seite Gretels gibt, läßt seine Ehefrau an die Stelle Marias treten, die „ihrem Kind“ von einem Wiedersehn nach dem Tode immer wieder erzählt hatte. Sollen oder dürfen wir daraus entnehmen, daß Adornos Metaphysik aufs Subjektivste an einen fortgesetzten weiblichen Begleitschutz im Leben wie im Tode gegründet & gebunden ist? Und daß G. (= Gretel) in seinem Leben als Erwachsener die schützende & animierende Vertrauten-Rolle Agathes in seiner Jugend übernommen hat?
    Möglich, daß Adorno die Kollationierung seiner ausgewählten Traumprotokolle zu solchen substantiellen Überblendungen und daraus möglicher Spekulationen vorgenommen hat, um durch die Wiederkehr bestimmter, bestimmender Motive, vorallem des sexuell-erotischen Begehrens und der (Todes)Angst, sich die evidente Kontinuität seines Traum-Lebens zu beschwören.

    Das trifft wohl vor allem auf die zahlreichen, geradezu verschwenderisch versammelten Bordellträume und andere erotische Wunschphantasien zu, deren zeit-& ortsbedingte Changements szenisch ebenso verblüffend wie teilweise komisch sind, z. B. in jenem Lust- & Angsttraum, als er sich bei einer „Ménage à trois“ mit „zwei entzückenden Frauen im Bett“ erwischt sieht und am Ende dem erzürnten Ehemann, mit dessen zwei geschiedenen Frauen er da überrascht wurde, „legalistisch (...) auseinanderzusetzen“ versucht, „daß das Ensemble, ohne den vollzogenen Coitus, gar nichts bedeute. Ohne viel Hoffnung wachte ich auf“ – bzw. wachte der Träumer zur Flucht ins Erwachen auf, weil er den eifersüchtigen Ex-Ehemann in dieser imaginierten Labiche-Komödie wohl kaum „überzeugen“ könnte.

    Traumschutt aus der „Welt von Gestern“

    Die Vielzahl der Bordellträume, in denen es wie in den Liebesträumen fast immer auch um Fragen der gesellschaftlichen Contenance geht, offenbart die Historizität von Adornos erotischer (Traum)Welt. Kaum ist vorstellbar, daß Bordelle in den Traumlandschaften eines Heutigen noch präsent sind, außer bei Zuhältern (aus professionellen Gründen). Das Bordell gehört zur „Welt von gestern“ (Stefan Zweig), die in Adornos „Traumprotokollen“ noch einmal aufleuchtet.
    Ebenso historisch durchwirkt, teilweise bis in kindliche Erlebniswelten (Seeräuberüberfall) zurückreichend, sind die Angstträume mit Massen-Hinrichtungen, Guillotinierungen (auch als „self-service“), Kreuzigungen, „wie ein Schwein in kochendes Wasser geworfen“ oder auf dem „Elektrischen Stuhl“ vollzogen. Nicht immer ist da der Träumende Opfer, das „ mit Grauen erwacht“; manchmal ist er auch nur Zeuge oder neugieriger Voyeur, z.B. als er beobachtet, wie Männer einen gerade durch einen Luftschiffabsturz tödlich Verletzten aus den Trümmern ziehen, nein: „wütend an ihm herum(zerrten)“, wobei, fügt der Protokollant diesem Traum vom 3. 9. 44 hinzu: „die Rettung nicht zu unterscheiden (war) von einer jener Racheaktionen des Maquis an den Deutschenfreundlichen, die in den Zeitungen standen“. Symptomatisch ist aber auch, was der Protokollant weiter ausführt (und man fragt sich unwillkürlich, ob seine Assoziation mit den Racheakten der französischen Résistance dem Folgenden eine „tiefere Bedeutung“ hinzufügt, nämlich sein moralisches Verhältnis dazu): „Der Sterbende kam zu Bewußtsein und schrie: „Wasser-Wasser“ und dann mehrmals „Ich verdurste“. Völlig ungerührt dachte ich: in dieser Situation würde kein Mensch „ich verdurste“ sagen. Er hat nur gesehen, daß das bei solchen, die an Brandwunden sterben so üblich sei, und darum wiederholt er es. Dann glaubte ich ihn ganz tot und schlief friedlich weiter“.

    Symptomatisch ist der Traumschluss deshalb, weil sich der Träumende hier (wie andernorts) durch eine rationalistische Begründung, aufgrund derer er den Schrei des Sterbenden als schauspielerische Mimesis „durchschaut“, als Augen- & Ohrenzeuge beruhigt. Es geschieht öfters in diesen Träumen, daß die Rationalität triumphiert – am Schlüssigsten mit der Pointe jenes Traums, in dem er überlegt, was man „dem (85jährigen) Hahn schenken (kann), etwas, wovon er etwas hat. – Antwort: einen Führer durch das Totenreich“. Hier hätte Adorno, wie er´s an mancher anderen Stelle tut, auch hinzufügen können: „Lachend aufgewacht“ – wie z.B. am Ende jenes wahrhaft humoristischen Traums, in dem ihm seine letzte Geliebte dazu überreden will, „eine Schwanz-Wasch-Maschine anzuschaffen (...) Nur wenn ich mir eine kaufe, werde sie mich stets mit dem Mund lieben. Ich war nicht sicher, ob sie nicht eine Vertreterin der Firma war, welche die Maschine herstellte“.

    Vom Pazifik nach Amorbach und Bamberg

    Je länger & öfter man in der Sammlung von „Traumprotokollen“ liest, desto unverständlicher erscheint einem der Gedanke, TWA hätte wirklich zu seinen Lebzeiten diese überwiegend nur ihm wirklich „klingenden“ Intimissima in toto publiziert. Noch nicht einmal der Gedanke, der zuletzt innerlich & äußerlich, privat & öffentlich desolate Adorno habe sich mit diesen exhibitionistischen Einblicken in seine Psyche als Schmerzensmann der Angst und als „Märtyrer des Glücks“ (so ein Traumresümee am Ende einer unglücklichen Liebe) der intellektuellen Öffentlichkeit präsentieren wollen, könnte einem die Intention verständlich machen.

    Denn abgesehen von einigen anrührenden Träumen, welche Frankfurt, Amorbach oder Bamberg als tiefe ikonografische Spuren in seiner Psyche bezeugen, mit denen sich der Emigrant in Kalifornien träumerisch & sehnsüchtig auf den Weg in die Heimat & Kindheit begibt, wären die meisten der anderen nur „authentisch“ im Gegenlicht seiner Biographie zum Leuchten zu bringen. Da die Edition des „Theodor W.Adorno Archivs“ diesen Weg kategorisch ausschließt, bleibt zu vermuten, daß potentielle Leser eher mit feixendem Grinsen, kopfschüttelndem Befremden oder verärgertem Unverständnis über viele kryptische Notate in diesen postum auf den Markt geworfenen Bizarrerien aus dem Schlafzimmer „Teddies“ reagieren werden. Allenfalls Anekdotensammler werden aber in seinem Traumschutt fündig werden. Ein Hölderlinsches „Andenken“ ist diese Edition der „Traumprotokolle“ gewiß nicht.

    Wolfram Schütte


    Theodor W. Adorno: Traumprotokolle.
    Herausgegeben von Christoph Gödde und Henri Lonitz. Nachwort Jan Philipp Reemtsma.
    Suhrkamp Verlag, Frankfurt a.M. 2005.
    Gebunden. 120 Seiten, 11.80 ¤



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