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Marcelle Sauvageot: Fast ganz die Deine

21.04.2005


Laissez moi – eine Passion

Marcelle Sauvageot hat in ihrem dreiunddreißig Jahre kurzen Leben nur ein einziges Buch geschrieben. Der 1930 entstandene dünne Band der 1900 geborenen Pariser Lehrerin ist jetzt auf Deutsch erschienen.

 

Siebzig Seiten, die so leicht wiegen und doch so schwer. Denn die Briefe, die sie enthalten, tragen das Gewicht ihres Lebens und Sterbens. Sie schreibt sie im Sanatorium, drei Jahre, bevor sie in Davos der Tuberkulose erliegt. Im Rückblick auf eine betrogene Liebe. Aus dem gerade verlassenen Paris hat er ihr brieflich seine Hochzeit mitgeteilt. Ihre Antwort, die sie nie abschicken wird, ist das Zeugnis einer Passion im doppelten Wortsinn: Bekenntnis einer Leidenschaft und Leidensgeschichte in einem. Die im Tod gespiegelte Liebe verweist in beide Richtungen: Das Begehren wird auf der Suche nach Sinn transzendiert und das Sterben durch den endgültigen Verlust irdischen Verlangens umso schmerzvoller aufgeladen.

Lebensbeichte und Geständnis

Was ist das für eine absolute, erstaunlich unkörperlich geschilderte Liebe, die in einer überirdischen Unbedingtheit gefordert und von Beginn an so mangelhaft erwidert wird! Was ist das für ein Gegenüber, das, so wenig liebenswert beschrieben, in Form eines langen Gebets angerufen wird wie ein Gott? Ein Du, in dem sich in der konsequent nach innen gerichteten Perspektive das Ich spiegelt. Was ist das für eine Sprache! Einerseits höchst abstrakt und von radikaler bildlicher Nüchternheit – scharfsinnige analytische Reflexionen von schonungsloser Ehrlichkeit und gedanklicher Strenge. Andererseits hoch sinnlich und voller Affekt. In einer vom Rhythmus des Gefühls getriebenen wehmütigen Sprachmelodie mit weitgespannten kunstvollen Satzperioden.
Der Kritiker Charles du Bos, der die Autorin in den letzten Tagen vor ihrem Tod besucht, um ihr Manuskript mitzunehmen, gibt dem Leser in seinem Vorwort den Schlüssel an die Hand. Es sind "Confessiones", Lebensbeichte und Geständnis ganz in der Nachfolge des berühmten Augustinus-Textes. Die Briefe sind dialogische Selbstreflexion und rücksichtslose Analyse der eigenen Bewusstseinsprozesse einerseits. Und monologisches Zwiegespräch mit einem Gott, dessen Abwesenheit sich in der betrogenen irdischen Liebe spiegelt, andererseits. Wie bei Augustinus verschmelzen Lebensbericht, philosophische Abhandlung, tiefenpsychologische Seelenarbeit, theologische Wahrheitssuche, Hymnus und Gebet in einer einzigartigen Form. Eine Elegie "De Trinitate". Über die triadische Struktur des Gott- und Selbstverhältnisses. Über die unaufhebbare Spannung zwischen der natürlichen, biologisch-seelischen Beschaffenheit des Menschen und dem Anspruch einer als objektiv erlebten überindividuellen Wirklichkeit. Der Begriff der Dreifaltigkeit oszilliert dabei zwischen theologischer, erkenntnistheoretischer und wahrnehmungspsychologischer Bedeutungsebene. Ich will "die Erkenntnis des abdankenden Bewusstseins so weit wie möglich treiben", fordert die Ich-Erzählerin rücksichtslos von sich selbst.

Abschied und Hoffnung auf Erlösung

In Form des subjektorientierten Philosophierens spürt Sauvageot den Bedingungen von Sprache, Wahrnehmung, Bewusstsein und Zeit nach. Zum Schluss wird sie auf sich selbst zurückgeworfen. Diese Erkenntnis der Relativität und Subjektivität vollzieht die Autorin in phänomenaler Adaption durch ihre Sprache nach. Sie bildet den psychologischen Begriff der Zeit, die sich nur als jeweils in der Gegenwart vollziehendes inneres Erlebnis darstellt, in einer unglaublichen dynamisierten individuellen Zeitgrammatik ab. Mit einem atemberaubenden, die Sinne verwirrenden Changieren und abenteuerlichen Verknüpfungen von Gegenwarts-, Vergangenheits- Zukunfts- und Möglichkeitsformen.
Aus der damit einhergehenden Ahnung verhängt sie über ihren Text ein fast durchgängiges Bilderverbot. Um im Gegenzug die karge Bildlichkeit mit wenigen, dafür aber umso stärkeren visionär überscharfen Imaginationen zu kontrastieren. Eine surreale Traumszene erinnert in ihrer charakteristischen Mischung von sinnlicher Üppigkeit und Symbolgehalt an die Gemälde Frida Kahlos. Sauvageot beschreibt in bestechender Einfachheit und schmerzhafter Klarheit einen Ausritt auf Korsika, ihr Pferd am Zügel, zwischen zwei Erdbeerbäumen, vor der Brust rosa Pfingstrosen, im Duft der wilden Macchia-Pflanzen. Sie bleibt allein mit ihrem Begehren und ihrer Sehnsucht nach Leben, denn: "Es war niemand da, der lieben konnte, was ich liebte."
Allein, wie in dem ebenso starken Gegenbild am Ende des Buches: im Sanatorium bei geöffnetem Fenster in der gedämpften Stille der todesschwangeren, nur von der Hymne der Hustenden getragenen Schneenacht. Trunken von der Endgültigkeit des nahen Abschieds und der verzweifelten Hoffnung auf Erlösung. Einem Wunsch nach Rettung, mit der Sauvageot ihr Gebet im Glücksmoment eines rauschenden Balls in einem leichten schwingenden Tanz ausklingen lässt. Eine vorweggenommene Auferstehung, in der das verzweifelte "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" in ein trotzig besänftigendes "Laissez moi", "Lass mich" mündet – "Laissez moi", der Titel, den die Autorin für die Erstausgabe gewählt hatte.

Michaela Schmitz


Marcelle Sauvageot: Fast ganz die Deine.
Aus dem Französischen von Claudia Kalscheuer. Mit einem Nachwort von Ulrike Draesner. Nagel & Kimche 2005.
Gebunden. 109 S. 12,90 ¤.
ISBN 3-312-00354-7

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