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    TITEL kulturmagazin
    Sonntag, 25. Juni 2017 | 14:19

     

    Walter Kempowski: Culpa. Notizen zum

    28.02.2005


    Sisyphos am Ziel

    Mit Abgesang ’45 hat Walter Kempowski seine nunmehr zehnbändige Zitatmontage Das Echolot zum Abschluss gebracht. In seinem Tagebuch Culpa dokumentiert er dessen wechselvolle Entstehungsgeschichte, das Ringen um die rechte Form und die inneren und äußeren Widerstände, die es zu überwinden galt.

     

    Seine Deutsche Chronik, jene sechs Romane und drei Befragungsbände umfassende autobiographische Familiengeschichte, die auch eine Geschichte des deutschen Bürgertums in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist, wollte Walter Kempowski eigentlich Sisyphos nennen – nach jenem Verdammten der griechischen Mythologie, dem die Götter für sein verwerfliches Tun eine immerwährende Strafe auferlegten: einen riesigen Felsblock muss er auf einen steilen Gipfel wälzen, doch kaum ist er damit oben angelangt, entgleitet ihm der Stein und rollt den Abhang wieder hinunter. Die Tortur beginnt aufs Neue.
    Der Verlag hat diesen Titel seinerzeit nicht gewollt, und Kempowski hat sich nach Abschluss der Chronik eine Arbeit auferlegt, mit der er dem Tun des griechischen Helden noch viel näher kommt, als mit allem davor von ihm Geleisteten: Er machte es sich zur Aufgabe, den Ungehörten und Vergessenen jener zivilisatorischen Apokalypse, die den Namen Zweiter Weltkrieg trägt, den Soldaten und Zivilisten, den Opfern und Tätern, den Toten und Überlebenden ein Forum zu errichten; eine Bühne, die ihnen allein vorbehalten ist, auf der die ehemals Stummen gleichberechtigt neben jenen stehen, die immer schon gehört wurden, den Prominenten aus Politik und Kultur. Das Echolot. Ein kollektives Tagebuch hat Kempowski diese in der Geschichte der deutschsprachigen Literatur einzigartige Zitatmontage aus den schriftlichen Zeugnissen hunderter Zeitgenossen genannt. Alle dürfen sie ihre Stimme erheben, nur der Autor selbst bleibt stumm, und dennoch ist er als der Arrangeur dieses monumentalen Panakustikons so präsent wie in keinem anderen seiner zahlreichen Bücher. Auf mehrere tausend Seiten ist Das Echolot mittlerweile angewachsen, gerade eben ist sein zehnter und letzter Band Abgesang ’45 erschienen.

    Entstehung des Unbegreiflichen

    "Die Dimensionen sind nicht zu begreifen. Ich hab’s gar nicht so gemerkt", sagt Kempowski selbst von diesem Werk, und dies zu einem Zeitpunkt – Anfang 1993 –, als die erste Lieferung noch gar nicht publiziert, der endgültig Umfang noch lange nicht zu ermessen war. Allerdings hat er die Entstehung des Unbegreiflichen akribisch begleitet, in über mehr als eineinhalb Jahrzehnte reichenden Tagebuchaufzeichnungen, die jetzt gesammelt unter dem Titel Culpa. Notizen zum Echolot erschienen sind.
    Als Tagebuchautor ist Kempowski längst kein Unbekannter. Mit Sirius, dem Diarium des Jahres 1983, und Alkor, jenem von 1989, steht er in bester, 1660 bei Samuel Pepys und seinen faszinierenden Aufzeichnungen beginnender Diaristentradition. In den beiden Diarien zeigt sich Kempowski als ebenso leidenschaftlicher wie schonungsloser Chronist des Schriftstelleralltags, besonders in seinen skurrilen und abgründigen Ausprägungen. Schonungslosigkeit und Leidenschaft sind auch jene Eindrücke, die die Tagebuchaufzeichnungen in Culpa evozieren. "Biographien, das ist meine große Leidenschaft. Wenn ich alt bin, werde ich mich nur noch mit dem Archiv beschäftigen", nimmt er sich zu Beginn des Jahres 1987 vor, aber so lange kann er dann doch nicht warten. Seit 1976 schon sucht Kempowski nach unpublizierten Tagebüchern, Briefen, autobiographischen Notizen und Fotos der Zeugen von Kriegs- und Nachkriegszeit, und als Mitte 1988 auf Basis seiner Sammlung ein "geplantes Tagebuchvorhaben" Gestalt anzunehmen beginnt und mit "Echolot" seinen Namen bekommt, umfasst dieses Archiv, im eigenen Haus in Nartum eingerichtet, bereits an die 2.000 (auto-)biographische Dokumente, 150.000 Fotos und hat schon weit über 300.000 DM an Investitionen verschlungen. Die Notizen in Culpa veranschaulichen, wie sehr Kempowski von allem Anfang an größte Zweifel an der Realisierbarkeit seines Unternehmens quälen, wie vehement er es aber doch vorantreibt – eine Ambivalenz, wie sie, weniger drastisch aber doch deutlich, auch gegenüber anderen Teilen seines Werkes in den Tagebüchern Sirius und Alkor zum Ausdruck kommt.

    Unheimlicher Umfang

    Ein "gigantisches Monstrum" nennt er im Tagebuch bald schon seinen vielstimmigen Chor, "ein Faß ohne Boden", doch der "Lustgewinn durch Sammeln" ist beträchtlich und das Echolot "macht gute Fortschritte", "es blüht und gedeiht." Und dennoch: Je weiter die Arbeit voranschreitet, desto größer werden die Ängste, für den immer breiter werdenden Redestrom aus der Vergangenheit keine adäquate Form zu finden, dem Unternehmen letztlich doch nicht gewachsen zu sein: "unheimlich der Umfang, angstmachend." Was andere aber lähmt – das Gefühl der permanenten Überforderung, die Versagensangst –, scheint Kempowski immer nur beflügelt, seinen Schaffensfuror nur noch stärker angestachelt zu haben. Tag und Nacht beschäftigen ihn Auswahl und Arrangement der zahllosen Texte, er steigert sich geradezu in eine "Arbeitspanik". Und als wäre er mit dem Echolot alleine nicht ausgelastet, redigiert er gleichsam im Vorübergehen sein Tagebuch aus dem Jahr 1983, um es unter dem Titel Sirius als eine Quasi-Autobiographie zu veröffentlichen, und schreibt darüber hinaus den Roman Mark und Bein. Kurz vor Weihnachten 1991 ist es dann zuviel: "War bei Walter im Krankenhaus. Er ist schwach und trotzdem: Seine Sorge gilt einzig dem "Echolot". […] Ein Schlaganfall! Ob er deshalb in letzter Zeit so wütete? – – In den Schreibtisch getreten vor Wut, überhaupt dieses Hochgehen wie ein Vulkan bei der kleinsten Kleinigkeit in den letzten Monaten. Das Zusammensein mit ihm fast immer ein unberechenbarer Höllentrip…"
    Die zweite Stimme in diesem Tagebuch meldet sich hier zu Wort, Kempowskis langjährige Mitarbeiterin Simone Neteler, ohne deren Einsatz das Echolot, wie Kempowski in einer Vorbemerkung zur ersten Lieferung festhält, nie zustande gekommen wäre. Sie ist, neben Kempowskis Frau Hildegard, berufenste und unmittelbarste Zeugin von Kempowskis Schonungslosigkeit im Umgang mit sich selbst, aber auch mit anderen, denn sie trägt die Konsequenzen des phasenweise aus dem Ruder laufenden Unternehmens mit: die Potenzierung der ohnehin ausufernden Arbeit durch Kempowskis permanente Umarbeitungen des Textes, seine Gereiztheit, die sich häufenden Wutausbrüche: "Mein Frustpegel stieg heute am Tag bedrohlich. Walter rast – und ich rase mit. Wenn ich ihn nicht mögen würde, wäre das alles gar nicht möglich." Auch dies ein Aspekt der Schonungslosigkeit – und der Aufrichtigkeit, denn die Aufzeichnungen Simone Netelers, von Kempowski in Culpa mit der eigenen Stimme in einen Dialog gesetzt, sind für ihn zum Teil wenig schmeichelhaft: Für die Anliegen der Toten und Vergessenen schien Kempowski lange Zeit eher ein Ohr zu haben als für die der Lebendigen, die ihm zur Seite standen. Umso bemerkenswerter, dass sich der Dichter dieser relativierenden Perspektive auf sich und seinen berserkerhaften Schaffensdrang freimütig aussetzt. Dabei erweist er sich nicht nur im großen Arrangement der vielen hundert Stimmen als Meister der Montage, sondern auch im kleinen Duett. "Was die wohl immer einträgt?", fragt er sich in den eigenen Aufzeichnungen, als er von der Existenz des Tagebuchs seiner Mitarbeiterin erfährt: "Wahrscheinlich Lügengeschichten."

    Zerrüttete Nerven

    Einer dritten Stimme verschafft Kempowski schließlich Gehör, der seines langjährigen Lektors Karl Heinz Bittel. Ihm ist das Tagebuch "in Dankbarkeit" gewidmet, ihm ist auch das Nachwort vorbehalten. Darin erzählt Bittel die Entstehungsgeschichte des Echolot aus seiner Sicht, und die divergiert von der Kempowskis, wie die Einschätzungen und Kommentare der Zeugen im Echolot zu Krieg, Tod und Nazibarbarei. Wo der Autor sein Werk vom Verlag vernachlässigt sieht und sich selbst im Stich gelassen fühlt ("Mir platzte der Kragen, weil im Verlag mit dem 'Echolot' noch nicht das geringste geschehen."), kämpft der Lektor um die Realisierung eines Vorhabens, das in seinen Dimensionen bis zuletzt kaum zu überblicken und deshalb auch kaum zu kalkulieren ist. Um die Publikation schließlich doch noch möglich zu machen, wird in dem zum Bertelsmann-Konzern gehörenden Albrecht Knaus Verlag gar ein "Arbeitsstab" Echolot gegründet. Dennoch scheinen die Probleme etwa beim Einholen der zahllosen Abdruckrechte unüberwindbar. Bis zuletzt müssen Texte ausgetauscht, neu eingefügt oder ganz gestrichen werden, bis kurz vor Druck hat Kempowski keine ihn zufrieden stellende Lösung für die Frage der "Bebilderung" gefunden, reicht er Seiten mit Fotos im letzten Moment nach. Am Ende liegen die Nerven aller Beteiligten blank: "Wenn ich Bittel anrufe, so erwarte ich immer irgendwie unbewußt, daß er dort kreischend und weinend zusammenbricht: 'Nun ist es genug!'"
    Am Ende ist es tatsächlich genug, aber alles wird gut: In den wichtigsten Feuilletons erscheinen im Herbst 1993 geradezu euphorische Besprechungen. Die damals immerhin 328 DM teure, in dunkelrotes Leinen gebundene, vierbändige Ausgabe wird auch zum Verkaufserfolg, im Verlag fließen Freudentränen. Und selbst der Autor gönnt sich eine kurze Pause (er arbeitet längst schon an einer Fortsetzung des Echolot) und einen Moment der Genugtuung: "Wir saßen im Pavillon bei Tee und begutachteten das Werk, dessen Gestaltung 100prozentig ist. […] – Herz, was begehrst du mehr?"

    Abgetragene Schuld

    Culpa nennt Kempowski die eigenen Notizen zu den Stimmen des Kollektivs – nicht zuletzt deshalb, weil es ihm so schien, "als müsse ich mit dem 'Echolot' Schuld abtragen." Mit dessen Abschluss wird diese Buße wohl geleistet sein. Denn anders als der antike Sisyphos hat Kempowski seinen gewaltigen Felsen ganz auf den Gipfel gewälzt, und dort wird er auch bleiben. Das Bild des ewigen Wollens und doch nicht Vollbringens, das der tragische griechische Held personifiziert, weist, auf Kempowskis Schaffen hin gewendet, ins Leere. Culpa aber dokumentiert den Weg hinauf. Er hätte fordernder nicht sein können. Dass Walter Kempowski ihn trotzdem gegangen ist, kann nicht genug bewundert werden.

    Doris Plöschberger


    Walter Kempowski: Culpa. Notizen zum "Echolot". Mit Seitenhieben von Simone Neteler und einem Nachwort von Karl Heinz Bittel.
    Albrecht Knaus. 2005.
    Gebunden. 384 S. 19,90 ¤.
    ISBN: 3-8135-0254-6

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