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    TITEL kulturmagazin
    Donnerstag, 17. August 2017 | 03:48

     

    Herman Melvilles virtueller "Lebens"-Roman

    07.02.2005

    „Ich kenne keinen unabhängigeren Menschen“

    Deutsche Leser verdanken es dem eben von dem Kasselaner Amerikanisten Daniel Göske zusammengestellten Band „Ein Leben“, daß sie nun tiefe Einblicke in das seltsame & traurige Leben Herman Melvilles gewinnen können.

    Von Wolfram Schütte

     

    Einen „Nachruf zu Lebzeiten“(Musil) bekam der 1819 in New York geborene Herman Melville nicht bloß einmal, sondern mehrfach von einflußreichen Teilen der zeitgenössischen amerikanischen Kritik, die bei seinen großen Romanen auf „unverzeihlichen Irrsinn“ erkannte oder schlichtweg befand: „Je eher dieser Autor in die Anstalt kommt, desto besser“. Die Nachricht von seinem Tode 1891 in New York „empfing“ keine „respektvoll erschütterte Welt“ (Th. Mann); denn der 72jährige „Zollinspektor im Außendienst“ in Brooklyn war seiner literarischen Mitwelt längst nicht mehr bekannt oder geläufig, seit er sich mit seinen monumentalen Romanen „Mardi“, „Moby Dick“ & „Pierre“ (1849/52) um Kopf & Kragen bei seinen Landsleuten geschrieben hatte. Die bornierten amerikanischen Kritiker wollten ihm nicht verzeihen, daß er seinen beiden autobiographischen Südsee-Abenteuern „Typee“ & „Omoo“ (1846/47), mit denen der literarische Debütant großen Anklang gefunden hatte, der ihn an die einträgliche Existenz des freien Schriftstellers hatten glauben lassen, keine ähnlichen, „lesbaren“ Sequels mehr folgen ließ. Statt dessen hatte er, wie er ebenso selbstbewußt wie mit bitterer Ironie seinem Schwiegervater schrieb, dem „ernstlichen Verlangen nachgegeben, solche Bücher zu schreiben, die man gemeinhin als >gescheitert< bezeichnet“, nämlich enzyklopädische Romane, Abenteuerreisen der Phantasie & der metaphysischen Spekulation. Auch die von Melville verachtete „Brotarbeit“ des realistisch-einfachen „Redburn“ und des mehr geachteten „White-Jacket“ (ebenfalls autobiografische Reminiszensen seiner jugendlichen Seefahrer-Jahre 1841/46, die er innerhalb von 4 Monaten 1849 niederschrieb), konnten seine verlorene Reputation nicht wieder herstellen, und auch seine zuerst anonym, dann 1856 als „Piazza-Tales“ gesammelten Erzählungen wurden (wie sein historischer Roman „Israel Potter“, 1855) nicht sonderlich beachtet. Noch weniger sein letzter Roman, „The Confidence-Man“, der 1857 erschien. Herman Melvilles poetisches Spätwerk, Nachzügler seiner „unpatriotischen“ Gedichte über den Bürgerkrieg, das zweibändige Epos „Clarel“ (1876), mußte er auf eigene Kosten drucken und mangels Resonanz wieder zu großen Teilen einstampfen lassen! Seine letzte Arbeit, die enigmatische Novelle „Billy Budd“, erschien postum erst 1924.Herman Melvilles literarische Karriere, nach der sechsjährigen eruptisch-explosiven Kreativitätsphase (1846/52), also zwischen dem 27. und 33. Lebensjahr (!), gleicht einer langen Agonie, in der er sich immer wieder gegen den Mißerfolg und die persönlichen Schmähungen aufbäumte & neue Wege zum Publikum suchte – vom Roman über Erzählungen zu Gedichten und dem lyrisch gebundenen Epos –, aber nur zu immer neuen Anlässen für sein öffentliches Scheitern fand. (Als adäquates musikalisches Abbild dieses Aufbäumens und Niederschlagens, das im Verlöschen erstirbt, könnte einem ohne weiteres Beethovens „Coriolan“-Ouvertüre einfallen).

    Der einzige Freund & Kollege: Hawthorne

    „Kein Ort, wo ein Einsamer sich einsamer fühlen wird, als in Rom. (Oder Jerusalem)“, notierte sich Melville auf seiner zweiten & letzten Reise in die Alte Welt 1857 in Rom. Hatte er seine Heimat vergessen? Vor allem seit der einzige ihm geistig nahe und adäquate Mensch in den USA, dem er in freundschaftlicher Verbundenheit je sein Herz nicht nur im Gespräch ausgeschüttet, sondern auch in glühenden Briefen geöffnet hatte, als amerikanischer Konsul nach Liverpool gegangen war: Nathanael Hawthorne, der 15 Jahre ältere, berühmtere Kollege, vom dem er sich einmal, als „Moby Dick“ erschien und öffentlich verhagelt & verhöhnt wurde, zuinnerst verstanden fühlte. Zwar ist der Brief, den Hawthorne als Dank für den ihm zugeeigneten „Moby Dick“ an den stolzen Autor schrieb, verloren gegangen; aber Melvilles Replik offenbart, wie glücklich er war, daß er in dem Bewunderten einen besaß, auf dessen künstlerische Sympathie er zählen konnte – wenngleich der berühmte Neu-England-Autor für den jüngeren Kollegen öffentlich nicht in die Bresche sprang. Dabei hatte Melville die Farm „Arrowhead“ in Massachusetts erworben, um seiner literarischen Vaterfigur Hawthorne auch räumlich (auf 6 Meilen) nahe zu sein, nachdem er ihn in seinem einzigen literarischen Essay anonym gefeiert hatte. Nicht weil Hawthorne in dem ihm später bekannt gewordenen Autor dieser Hommage einen hymnischen Verehrer sah, nahm er dessen offenkundige Zudringlichkeit hin, ihm auch geografisch nahe zu sein. Hawthorne und seine Frau sahen in dem jugendlichen Hitzkopf, der sie oft besuchte und mit dessen Familie sie einen regen gesellschaftlichen Verkehr hatten, einen „in jeder Hinsicht taktvollen und vornehmen Menschen“, der das freundschaftliche Gespräch buchstäblich über „Gott & die Welt“ aus innerer Dringlich- & Notwendigkeit suchte. Dank der nur als Abschriften überlieferten vulkanisch-eruptiven Briefe an Hawthorne erhalten wir ein einziges Mal in allen seinen Briefen einen tiefen, offenbarenden Einblick in das Magma von Melvilles Seelenleben & Kunstbewußtsein. Wie sehr er durch die Trennung von diesem einzigen Vertrauten seiner quälenden Glaubensnöte in seiner geistigen Einsamkeit & literarischen Erfolglosigkeit gelitten haben muß, läßt ein Resümee ahnen, das Hawthorne nach ihrem letzten Treffen 1856 in Liverpool in seinem privaten „Notebook“ notierte. Seine Witwe hat es noch zu Melvilles Lebzeiten (1870), allerdings nur auszugsweise, publiziert. So blieb der literarischen Welt verborgen, daß der berühmteste amerikanische Erzähler seiner Zeit „keinen unabhängigeren Menschen kannte“ als Herman Melville, der aber „weder zu glauben vermag, noch sich in seinem Unglauben behaglich einrichten (kann); und er ist zu aufrichtig und couragiert, um nicht das eine oder das andere immer wieder zu versuchen. Wäre er ein frommer Mensch, er wäre wirklich und wahrhaftig einer der frömmsten und ehrfürchtigsten; er besitzt ein edles und hochsinniges Wesen“ – schreibt Hawthorne zuletzt, und diese Prophetie hat die Witwe dann doch zum Druck freigegeben: – „und (er) hat die Unsterblichkeit mehr verdient als die meisten von uns“.

    Wie Gulliver unter den Liliputanern

    Nur hat Hermann Melville den Vorschein solcher Unsterblichkeit als öffentlich anerkannter Autor nicht mehr erlebt, wenngleich den aus der literarischen Welt Amerikas Gefallenen noch im letzten Jahrzehnt seine Lebens nachforschende Verehrer- & Kennerbriefe aus Großbritannien erreichten, wo die Kritik von jeher mehr mit dem ungewöhnlichen, für amerikanische Verhältnisse „exzentrischen“ und literarisch-geistesgeschichtlich anspielungsreichen Genie dieses Gullivers unter den Liliputanern seiner Zeitgenossenschaft anfangen konnte. Jedoch scheinen Melville solche ermutigenden britische Rezensionen seiner Bücher nie vor Augen gekommen zu sein: in den US-Zeitungen wurden nur britische Negativstimmen zitiert. Es war dann vor allem der Schotte James Thomson (1834/82), einer der radikalsten Religions-, Literatur- und Sozialkritiker seiner Zeit und Autor der „City of Dreadful Night“, des wohl düstersten, nie ins Deutsche übersetzten Buchs der englischen Literatur, der den Epiker Melville gleichrangig neben den Lyriker Walt Whitman stellte. 1874 hatte Thomson in einem Essay Melville „wegen seiner Sympathie für das einfache Leben und niedere Tätigkeiten, seiner brüderlichen Gefühle für alle Arbeiter“ ebenso gerühmt, wie wegen „seines Gefühls für die Schönheit und Erhabenheit und die Kraft seines Gedankens“. Das ist eine sowohl erstaunlich umfassende als auch tiefblickende Wahrnehmung der sozial-emotionalen und intellektuell-artistischen Qualitäten des einsamen Amerikaners. Es waren dann Freunde und Bewunderer Thomsons, die nach dessen Tod Melvilles Bücher antiquarisch „exhumierten“ und den Kontakt zu ihm suchten & fanden & und den zeitlebens Lesehungrigen nicht nur mit der „City of Dreaghtful Night“, sondern auch mit anderen Büchern versorgten. Es könnte sein, daß der „Kaspar Hauser“ der amerikanischen Literatur in solchen unverhofften Zuwendungen von unbekannten englischen Lesern so etwas wie kleine Tröstungen erblickte. Erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde Melvilles Größe auch von amerikanischen Autoren & Kritikern „entdeckt“.

    Virtueller Lebensroman aus Briefen & Tagebüchern

    Deutsche Leser verdanken es dem eben von dem Kasselaner Amerikanisten Daniel Göske zusammengestellten Band „Ein Leben“, daß sie nun tiefe Einblicke in das seltsame & traurige Leben Herman Melvilles gewinnen können. Göske ist der Herausgeber der „Ausgewählten Werke“ bei C. Hanser. Nach den Neuübersetzungen von „Moby Dick“ (2001) und „Pierre“ (2002) hat der junge Melville-Aficionado Göske nun zusammen mit dem Übersetzer Werner Schmitz nicht einen weiteren Roman präsentiert, sondern – sagen wir es ruhig so: – den „Lebensroman“ Herman Melvilles in Selbstzeugnissen komponiert. Die Briefe & Tagebücher werden als Preziosen einer Perlenkette präsentiert, deren roter Faden verbindende, summierende Texte des Herausgebers sind, die kleiner gedruckt, also von den Primärtexten abgesetzt, auch zeitgenössische Sekundärquellen (wie Kritiken, Bemerkungen, Erinnerungen etc. von Zeitgenossen) als Begleitmusik heranziehen. Wie bei den früher erschienenen Romanen ist auch dieses virtuelle Selbstbildnis Melvilles hervorragend annotiert & kommentiert, mit einer Zeittafel und einem persönlichen Nachwort Göskes versehen worden, so daß man nicht nur auf dem jüngsten Stand der Melville-Forschung ist, sondern keine philologischen Fragen offen bleiben – außer der einen editorischen: warum nämlich nicht die Hawthorne-Hommage, die ja auch als Selbstverständigung Melvilles von Göske verstanden wird, hier die Briefe & Tagebücher ergänzt. Der offensichtliche Vorsatz, nur das Private zu präsentieren, hätte für dieses eine Mal durchbrochen werden sollen. Schade.Die gut dreihundert erhaltenen Briefe, vom ersten des neunjährigen Schülers an seine Tante Lucy, bis zum letzten des Einundsiebzigjährigen, in dem er sarkastisch einem Kolumnisten dankt, der in das Lob auf eine humoristische Dialektdichterin eine Klage über die Vergänglichkeit des Ruhms am Beispiel Melvilles einflocht, spannen einen seltsamen Rahmen. „Du hast mich gebeten, Dir einen Brief zu schreiben aber ich dachte daß ich nicht gut genug schreiben kann, jetzt aber,“ beginnt der kleine Herman seine erste Epistel; und die letzte schrieb der vergessene Epiker Melville als Replik auf eine zwiespältige literarische Erwähnung, die einem allerletzten Nachruf zu Lebzeiten glich. So symbolisch also das Schreiben in Melvilles erhaltenen Briefschaften das A & O seines Lebens zu sein schien, so wenig hat er sich als Briefschreiber (mit der einzigen Ausnahme Hawthorne) literarisch zu seinem Werk, seinen Intentionen oder zu zeitgenössischen politischen oder sozialen Problemen geäußert: er ist darin das absolute Gegenteil zu seinem Zeitgenossen Flaubert. In den Briefen Melvilles, die gleichwohl eine ganze Skala von Ausdrucksformen zwischen geschäftlichen, kolloquialen, förmlichen, verspielt-humoristischen, berichtenden und charmanten Tonfällen besitzen, wird man also kaum Fußnoten zu seiner schriftstellerischen Innenwelt finden. Immer bleibt er verschlossen oder diskret, wie man es nimmt. Aber das Porträt eines liebenswürdigen, stets sehr höflichen, oft ironischen, manchmal sehr herzlichen & immer untadeligen Charakters stellt sich einem Nachleser aus seinen Briefen ein. Es entspricht im Grunde dem, was Zeitgenossen von ihm überliefert haben: verschlossen, zurückhaltend & bescheiden, aber auch offen, leidenschaftlich, großmütig und gesellig. Die Geselligkeit, das Gespräch, die Diskussion – hat Göske wohl zurecht vermutet – ging Melville über alles, weil er ungeheuer wißbegierig war, wie alle genialen Autodidakten, denen aufgrund ihrer Lebensumstände eine kontinuierlich erworbene Bildung in ihren jungen Jahren verwehrt war und die sie sich erst nach und nach sowohl erlesen wie zusammengestoppelt haben, was sie eigen & eigenwillig, exzentrisch und für ihre gebildete Mitwelt auch gelegentlich verschroben macht. (Man denkt dabei an Jean Paul – und empfindet es als Wink des brüderlichen Schicksals, daß ein amerikanischer gebildeter General einmal Melville den gerade übersetzten „Titan“ geschenkt hat.)

    Unterm Bannfluch des $

    Als zweiter Sohn unter sieben Geschwistern, mußte Herman Melville, nach dem Bankrott und dem Tod des geistig umnachteten Vaters, schon als Dreizehnjähriger die Schule abbrechen und zum Lebensunterhalt der großen Familie beitragen. Fortan stand er sein „ganzes Leben unter dem Bannfluch des Dollars“, aber auch im (schützenden & belastenden) Bannkreis des Familienclans, seiner Geschwister und Verwandten, seiner Familie und seiner Schwiegereltern. Wahrscheinlich war es sogar eher für die Literaturgeschichte ein nachhaltiger Glücksfall, als für die davon Betroffenen, daß der mit seinen Südsee-Erlebnisbüchern plötzlich berühmt gewordene Schrifstellerdebütant 1847 die Tochter des obersten Richters von Massachusetts geheiratet hatte. Denn ohne die wiederholte großzügige finanzielle Unterstützung, Hilfe und mehrmalige Rettung seines Schwiegervaters wäre der Schriftsteller Herman Melville, der nie seine Großfamilie mit seinen Büchern ernähren konnte, schon mit 37 Jahren von seinem „Moby Dick“ (wie Kapitän Ahab) in die Tiefe des Bankrotts gerissen worden, einer Wiederholung des väterlichen. Es gehört zu den Erstaunlichkeiten, die uns „Ein Leben“ vor Augen stellt, mit welcher Ausdauer nicht nur Melvilles Ehefrau Lizzie und seine drei Schwestern in seiner unmittelbaren Nähe sein literarisches Abenteurertum erlaubt & erduldet haben; sondern: wie fraglos neben dem Schwiegervater auch vermögenden o­nkel & Tanten aus seiner Familie den nackten Lebensunterhalt des wirtschaftlich Erfolglosen, öffentlich Verspotteten und Mißachteten stützten und sicherten und ihm sogar nicht nur zu seiner „Grand Tour“ in die Alte Welt, sondern auch noch zur Selbstpublikation von „Clarel“ die notwendigen finanziellen Mittel schenkten. Wir wissen nicht einmal, ob sie je wußten oder auch nur ahnten, mit wem man es, weltliterarisch gesehen, da in der Familie zu tun hatte. Wohl kaum. Der böse Aphorismus von Karl Kraus: „Das Wort Familienbande hat einen Beigeschmack von Wahrheit“ traf im Falle Melvilles, der sich ja auch noch um seine Brüder & Schwestern kümmern mußte, offenbar einmal nicht zu. Es lag gewiß nicht zuletzt daran, daß Herman Melville, der Schreiber, in seinem persönlichen Umgang eher seinem sanftmütig-unnachgiebigen Bartleby als seinem tollwütig-besessenen Ahab glich, worauf vielleicht seine Bemerkung hindeutet, im „Maulesel einer der liebenswertesten Zeitgenossen auf Erden“ zu sehen. Die Briefe geben jedoch keinen Einblick, wie es in der Seele des öffentlich und privat Gedemütigten aussah, der von Glück sagen konnte (er tat´s zurecht nicht), daß er schließlich mit 47 Jahren zum ersten Mal ein regelmäßiges, wenn auch höchst bescheidenes Einkommen als Zollinspektor nachhause bringen konnte – und danach immer wieder bangen mußte, den Posten zu verlieren, aber ihn auch dann nicht aufgab, als gegen sein Lebensende hin seine Frau eine große Erbschaft gemacht hatte. Auch wehrte er sich gegen Gönnerhaftigkeit: als ihm einmal grundlos eine Tante 150 $ schickte, gab er sie ungehalten zurück. Da blitzt etwas von seinem Stolz auf, den er sich im Hinblick auf seine zu versorgende Familie jahrzehntelang nicht leisten konnte.

    Verschwiegener Briefschreiber

    Daniel Göske weist mehrfach darauf hin, daß die von ihm gesammelten und miteinander verbundenen Lebenszeugnisse weder „ein umfassendes, auch chronologisches Gesamtbild ergeben“, noch von dem Herausgeber „eine abschließende Gesamtdeutung beabsichtigt“ sei, weil sich, aufgrund der „Stummheit“ von Melvilles Briefen und trotz der „bislang umfassendsten Sammlung“ von „authentischen“ Materialen, die Göske hier vorlegt, Melvilles Leben „über weite Strecken und in vielen Einzelheiten der biografischen Ausforschung widersetzt“. Das ist zutreffend im Hinblick auf Melvilles familiäres Verhalten, die Intimität seines Gefühlshaushalts. So wissen wir von ihm brieflich nichts über seine emotionale Beziehung zu seiner Frau Lizzie (alle seine Briefe an sie sind vernichtet) oder wie er mit dem häuslichen Selbstmord seines einen Sohnes und dem Verwahrlosen seines anderen, der in Kalifornien starb, umgegangen ist. Man weiß nur, daß sich Lizzie sogar zeitweilig entschlossen hatte, ihren arbeitswütigen Mann zu verlassen, den sie wohl dem Wahnsinn nahe glaubte – sei´s weil sie an die Vererbung des väterlichen Schicksals glaubte, sei´s weil die Kritik ihn für geistesgestört erklärte. Aber sie hielt doch an seiner Seite aus, obwohl ihr von einem Pfarrer zur Trennung geraten wurde. Aus einer späten Bemerkung Lizzies kann man auch rückschließen, wie sehr er darunter gelitten hat, nichts sein Eigentum nennen zu können und jahrzehntelang von den Zuwendungen anderer abhängig gewesen zu sein. Von ihm selbst aber wissen wir darüber nichts.Jedoch außer in den erwähnten Briefen an Hawthorne hat Melville sein Herz nirgendwo weiter geöffnet, an keiner Stelle ungeschützter von sich, seinem Denken, Empfinden, Glauben & Zweifeln gesprochen, als in dem Tagebuch, das er während der Reise führte, die ihn vom Oktober 1856 bis zum 5.Mai 1857 über Großbritannien nach Konstantinopel, Kairo, Palästina, Rom, Deutschland und Belgien führte. Auf den Tag genau sieben Jahre zuvor war er auf der Höhe seines literarischen Ruhms nach Großbritannien als Autor gereist, der nach britischen Verlegern suchte. Da die USA dem Internationalen Copyright-Abkommen noch nicht beigetreten waren, mußte er dafür sorgen, daß seine Bücher zuerst in London erschienen (& dann erst in den USA), um auf den britischen Buchmarkt an ihnen zu verdienen. Jetzt aber – gerade hat er seinen letzten Roman beendet – reist der körperlich und seelisch zerrüttete 37jährige (!) Nichterfolgsschriftsteller nicht mehr als Handlungsreisender in literarischen Sachen über den Atlantik, sondern als metaphysisch Heimatloser, der hofft, seine religiösen Zweifel womöglich mit der Anschauung des Orients und vor allem des Heiligen Lands heilen zu können. Wieder war es sein Schwiegervater, der ihm diese Grand Tour im Abendland zur Glaubenserholung finanziert hatte.

    Pilgerreise ins Heilige Land

    Melville trat seine Pilgerreise von Liverpool aus nur mit einer Reisetasche an – „als ginge man nackt“, bemerkte verwundert Hawthorne – und weil es ihm „ein ziemlich einsames Geschäft“ wurde, „ohne einen Gefährten in der Welt herumreisen zu müssen“, wurde ihm notgedrungen sein Tagebuch zum einzigen Gesprächspartner. Da der gesellige Debattierer die Gedanken- & Erfahrungsbedrängnisse, seine Ängste und Zweifel, Depressionen & Einsichten nicht im Gespräch mit anderen umwälzen, diskutieren oder gar abbauen konnte, vertraute er sie in Form von kurzen Notaten, Sentenzen, Geistesblitzen, Reflexionen seinem Tagebuch an – und schuf so unter der Hand eines solitär Reisenden ein hoch konzentriertes Mosaik von farbigen, sinnlichen Wahrnehmungen und Reaktionen, aus denen wir Nachleser nun nicht nur ex negativo oder indirekt (wie in seinen Briefen oder seinen literarischen Werken), sondern öfters unmittelbar, „authentisch“ ihn beim individuellen Aufnehmen der Welt und deren Widerhall in seiner Person über die Schulter blicken & seinem Selbstgespräch zusehen können. Ohne diesen Höhepunkt von „Ein Leben“ zu überschätzen, darf man behaupten, daß dieses Tagebuch die literarische Qualität einer verdichteten Lebens- & Welterfahrung besitzt, welche in nuce, nämlich in Splittern & Fragmenten, in Momentaufnahmen & Aphorismen uns das weite Feld geistiger & emotionaler Be- & Empfindlichkeiten des späten Herman Melville vor Augen stellt. Diese Sammlung von sensuellen Rohstoffen, gewissermaßen im heißen Fluß ihrer Erlebnisfülle aufs Papier geworfen, ist uns Heutigen wegen ihrer offenen Fragmentabilität auch deshalb näher, weil „moderner“ – als Melvilles späteres poetisch erzwungenes „Clarel“-Poem, das er daraus zu verdichte(r)n versuchte.Die Pilgerreise zu den Quellen des christlichen Glaubens ließ Melville verzweifelter & ernüchterter zurück. Er hatte dort in einer kahlen, kargen, armseligen & abstoßenden Landschaft einen Religionszirkus vorgefunden, der aus fanatisch & unsinnig missionierenden amerikanischen Puritanern, apathischen Arabern & zynisch-gelangweilten osmanischen Beamten bestand; und „in der Leere der leblosen Altertümer Jerusalems“ war er „auf eingewanderte Juden“ gestoßen, die „wie Fliegen ihre Bleibe in einem Schädel gefunden hatten“. Keine Erweckung oder Erleuchtung für den Zweifler, dem „die ganze Sache halb Trauerspiel, halb Farce – wie der Rest der Welt“ dünkte. „Ritt über schimmelige Ebene zum Toten Meer“, schreibt er z.B. entsetzt über das Heilige Land: „Schaum auf Strand & Kieseln, wie Geifer eines tollen Hundes – stechend bitter vom Wasser – den ganzen Tag bitteren Geschmack im Mund“ – und er setzt dann die physische Erfahrung assoziativ fort, bis sie alles umgreift, die Welt und sein eigenes Leben: „Bitterkeit des Lebens – dachte an alles Bittere – Bitter ist´s, arm zu sein & bitter verhöhnt zu werden, & und, Oh! Bitter sind die Wasser des Todes, dachte ich“. Und die griechische Insel Patmos, wo der Evangelist Johannes seine glühenden Visionen gehabt haben sollte, „wirkt besonders öde“. Dort wurde Melville „wiederum vom großen Fluch des modernen Reisenden heimgesucht – der Skepsis. Als mein Blick auf diesen dürren Höhen ruhte, wurde mein Geist dieser Ödnis teilhaftig. Wünschte Niebuhr & Strauss“, die rationalistischen Bibelkritiker, „von Herzen zur Hölle. Zum Teufel mit ihrem Scharfsinn & ihrer Gründlichkeit. Sie haben uns unserer Blüte beraubt“. Wie weit er sich vom Glauben der Väter bereits entfernt hat, offenbart wenig später eine Notiz beim Anblick römischer Skulpturen im Kapitolinischen Museum: „Der sterbende Gladiator. Beweist, daß es wahres Menschentum auch inmitten der Barbarei der römischen Zeit gab, so wie auch jetzt inmitten der christlichen Barbarei“ (Kursiv W.S.).

    Im Scheitern liegt die Prüfung der Größe

    Herman Melville, der schon im Hawthorne-Essay & während der Arbeit an “Moby Dick“ vom „gesunden Irrsinn der lebendigen Wahrheit“ sprach und postulierte: „Wer nie irgendwo scheiterte, das kann nicht wirklich groß sein. Im Scheitern liegt die eigentliche Prüfung wahrer Größe“, ist wohl erst recht nach seinen letzten Orient- & Europa-Erfahrungen jenem Abgrund (des „Nihilismus“) so nahe gekommen, der – nach einem Wort Nietzsches – aus einem herausblickt, wenn man lange genug in ihn hineingeschaut hat. Anders als der Röckener Pfarrerssohn besaß der Einsame aus New York jedoch nicht die Kühnheit, den Abgrund zu überspringen und zur Zarathustra-Freiheit vom christlich-calvinistischen Glauben zu finden; aber auch nicht die absurdistische Religiosität Dostojewskis, der an der russischen Orthodoxie und den heiligen Narren festhielt, nachdem er das skandalöse Geheimnis von den „Dämonen“ hatte aussprechen lassen: „Gott ist tot. Also ist alles erlaubt“. Melville, aus calvinistischer Familie stammend, litt unerlöst und untröstlich unter seinem Unglauben; „Sphinx“ und „Leviathan“ wurden für ihn zu Metaphern einer undurchschaubaren Schöpfung, deren Erkenntnis durch Vieldeutigkeit (Ambiguity) dem menschlichen Geist verbaut ist. Den früh schon von ihm geschätzten Sprüchen Salomonis, wonach alles eitel ist auf der Welt, entspricht dann auch Pompeji, das war einmal „wie jede andere Stadt. Die gleiche alte Menschheit. Alles gleich, ob man noch lebendig ist oder schon tot. Pompeji eine tröstliche Botschaft. Mag Pompeji lieber als Paris“, notiert er resigniert. Einen paradiesischen Ort findet er in Venedig, als er „über die grasgrüne Lagune zum armenischen Konvent“ fährt, wo noch heute armenische Mönche zusammen mit einer wertvollen Bibliothek allein auf ihrer Insel leben: „Beneidenswerte Abgeschiedenheit von der Welt; (der Konvent) schlummert in der stillen Lagune, der Lido als Wellenbrecher vorm wilden Ozean des Lebens“.

    Das Korallenriff auf dem Land

    Ebenso sehr liebt der amerikamüde Melville die Wiesen, Rinder & Schafe rund um Oxford, die ihn an seinen gescheiterten Arrowhead-Traum erinnert, Farmer und zugleich Schriftsteller sein zu können – (wie es in unserer Literatur, durchaus vielfach mit Melville vergleichbar, Hans Henny Jahnn zeitweise auf der Insel Bornholm versuchte). „Pastorales Landleben & Gelehrtendasein in glücklicher Verschmelzung“ erblickt er in Mittelengland und fährt dann fort, indem sich ihm seine Südsee-Erfahrung symbolisch materialisiert: „Altes Korallenriff, von grünen Wellen überspült & mit einzelnen herausragenden Riffteilen – das ist Oxford“. Was für ein Bild für die „Freundliche Eintracht von Kunst & Natur. Harmonie... Aus diesem Schlupfwinkel sah der alte Burton, gelassen lächelnd, den Menschen zu“! Im Anblick Oxfords und in der Erinnerung an Robert Burton, dem Autor der „Anatomie der Melancholie“, einem von Melvilles Lieblingsbüchern, packt ihn aber auch die Wut auf die „unreine Hand des Unternehmertums“ in seiner Heimat: „Ich kenne nichts, was durch sanften & schönen Tadel den aufgeblasenen, pennälerhaften Stolz Amerikas als junges & erfolgreiches Land besser zu bändigen wüßte“ – als das der „Schönheit & Stille gewidmete“ Ensemble Oxfords, seiner Gärten und Ländereien. Eine Passage aus dem Versepos „Clarel“ reflektiert Melvilles tiefe Distanz zu seiner Heimat, wenn sie auch einem verbitterten Halbindianer in den Mund gelegt ist: „Den Angelsachsen mangel es an Güte, / Die Liebe andrer Völker zu gewinnen. / Bei den Entrechteten sind sie verhaßt, / Indianern, Indern – Ost und West. / Piraten sind`s, der Erdball ihre Beute, / Grau und verlogen, Mammons Leute, / im Namen Christi, treu dem Geld / (Bewehrt ist ihre eherne Stirn) – / So schänden sie den letzten Hain der Erde“. In seinem Nachwort, das denn doch eher ein pragmatisches, um nicht zu sagen medienbewußt-handwerkliches Verständnis vom Schriftsteller bei dem deutschen Melville-Editor Daniel Göske offenbart, als das emphatisch individualistische, um nicht zu sagen genialisch-romantische Selbstbewußtsein, das Melville von sich selbst hatte, stellt Göske eine Reihe von Mutmaßungen & Spekulationen an & äußert rhetorische Fragen, die ihm „Ein Leben“ und die in ihm gesammelten Dokumente nicht zu beantworten scheinen.

    Spekulationen des Herausgebers

    Einiges für sich hat Göskes Spekulation, daß Mevilles literarische Entwicklung wohl anders verlaufen wäre, wenn der junge Autor zum einen nicht auf einen englischen Verleger getroffen wäre, der eine grundsätzliche Reserve gegen den Roman hatte und mehrfach von seinem amerikanischen Autor Beweise für die Authentizität seiner beiden Erlebnisberichte aus der Südsee einforderte (was Melville amüsierte und auch verärgerte); und wenn der amerikanische Schriftsteller zum anderen stärkere, kontinuierlichere, persönliche und intellektuelle Kontakte zur britischen Literaturszene und der verständnisvolleren Kritik gehabt hätte, so spekuliert Göskes weiter, würde sein literarisches Oeuvre wohl auch anders aussehen. Das kann sein, ist jedoch müßig, wenn es nicht pejorativ gemeint ist, à la: dann wäre Melville ein „besserer“, sprich „erfolgreicherer“, weil „verständlicherer“ Schriftsteller geworden. Es spricht aber einerseits mehr dafür, daß er nur das konnte, was er vor & für sich selbst mußte. Und andererseits: verdankt sich nicht das Spezifische des Melvilleschen Romans gerade dieser sowohl isolierten lebensgeschichtlichen Situation in der „amerikanischen Barbarei“ als auch der emphatischen Selbst-Entdeckung & Aneignung der europäischen Kultur-, Literatur- & Geistesgeschichte, mit der Melville sein Oeuvre literarisch ausgefütterte und auflud? Kommt nicht eben das, was wir an ihm heute so schätzen und wodurch er uns als ein solitärer Antizipator des modernen Romans des 20. Jahrhunderts erscheint, sowohl durch seinen Rückgriff auf literarische Bezüge zur europäischen Literatur des 18. und 17. Jahrhunderts, also zu Sterne, Fielding, Burton oder Shakespeare zustande? Und sind seine kaleidoskopischen Romane & enigmatischen Erzählungen dadurch viel offensichtlicher derart mit der europäischen literarischen Tradition verbunden, daß sie gerade da, wo sie im realistischen Verständnis als zeitgenössische Romane zu „scheitern“ scheinen, von heute aus gesehen „Glück haben“ und eben deshalb uns als solitäre Vorgriffe auf die literarische Moderne des 20. Jahrhunderts plausibel werden: nämlich auf den offenen, montierten, chamälionhaften, assoziationsbreiten, essayistisch-philosophischen, enzyklopädischen Roman von Joyce, Broch, Döblin, Gide, Musil, Th.Mann u.a.? Ist Herman Melville nicht viel eher, zumindest in seiner Zeit, ein „europäischer“, britischer Schriftsteller gewesen als ein „amerikanischer“ wie Hawthorne oder J.F.Cooper – und würde das nicht das kategoriale Unverständnis der amerikanischen Kritik für diesen befremdlich „fremdelnden“ Schriftsteller erklären? Waren es vielleicht seine „unamerikanischen Umtriebe“, die den Propagandisten einer „amerikanischen Nationalliteratur“ gegen den puritanischen Strich gingen?

    Gedankentaucher & vollendeter Dichter

    Problematisch wird Göskes Blick auf den Autor Herman Melville aber erst recht, wenn er Melvilles „Aversion gegen die Selbstvermarktung“ eine „Starrköpfigkeit“ nennt, weil der Autor nach „Typee“, „Omoo“ oder „Redburn“ kein „professioneller Literat“, sondern „beharrlich Dichter“ sein wollte. Will Göske oder kann er nicht begreifen, daß jemand, der sich 1849 dem Anspruch eines wahrhaftig Nietzsche würdigen Satzes wie „Ich liebe alle, die „tief hinabtauchen“ stellt, diese Metapher auch noch unterstreicht & sich unter die „ganze Schar von >Gedankentauchern<“ einreiht, „die seit Anbeginn der Welt immer wieder hinabtauchen & mit blutunterlaufenen Augen wieder emporkamen“ –: daß der Schöpfer des „Moby Dick“ ed al., wie tollkühn, anmaßend, ja sogar „blasphemisch“ auch immer, sich per se jenseits von professionellem Literaten- oder Dichtertum lokalisiert? Wie weit fällt Göske vollends hinter die Erkenntnisse der modernen Romantheorie & -praxis zurück, wenn er Melville unverständig „dichterische Defizite“ zuspricht, weil dieser sich einen „Gedankentaucher“ genannt und damit einbekannt habe, daß er „kein vollendeter Dichter“ sei? In diesem Sinne sind dann auch die erwähnten Joyce bis Th. Mann bloße „Gedankentaucher“ & keine „vollendeten Dichter“.Es ist bestürzend, wie Göskes nachträgliche Parteinahme für Melvilles „einheimisches Publikum“, auf dessen Wünsche der Starrsinnige sich nicht „konzentriert“ und sich deshalb um die Möglichkeit einer „erfolgreichen Karriere“ gebracht habe, sein doch angeblich zurückhaltendes Melville-Bild ideologisch einengt und in einer Vorwurfsrhetorik gipfeln läßt: „Warum bot er seinen Landsleuten nicht etwas davon, wonach es sie verlangte? Wieso brüskierte er mit >Pierre< willentlich und wissentlich Familie, Freunde und Verleger – und forderte die hämischen Verrisse der heimatlichen Kritiker geradezu heraus? Warum verweigerte er sich all den gutgemeinten Kompromißangeboten von publizistischen Freunden (...), von bekannten Lektoren (...) oder wohlwollenden Verlegern (...)? Weshalb führte er nicht seine durchaus vielversprechende Karriere als Lieferant von Zeitschriftenbeiträgen weiter, sondern verstand sich beharrlich als Autor von Büchern, die man als gescheitert bezeichnete? Das sind Fragen, die Melvilles Briefe allenthalben aufwerfen. Auch seine (...) Tagebücher (...) beantworten sie nicht.“ (Göske)

    Widerrede gegen den Herausgeber

    „Mein Gott“, möchte man nach dieser Nachwort-Passage dem 45jährigen Amerikanisten zurufen: „haben Sie denn noch nie etwas davon gehört, daß es Autoren gibt, und besonders unter ihren vollendeten Dichtern, die nach der lutherischen Devise handeln: Hier schreibe Ich, ich kann nicht anders!? Haben Sie diesen Anspruch an sich nicht in Melvilles Bekenntnis-Briefen & in seinen Tagebüchern vernommen & in seinen Büchern verwirklicht gesehen? Und ist Ihnen, als Editor von Melvilles Leben & Werk, nicht einen Augenblick lang die vollkommene Unangemessenheit Ihrer kopfschüttelnd-ignoranten Fragen zu seiner literarischen Entwicklung aufgefallen? Sind Sie so unsensibel, daß Sie gar nicht bemerkt haben, was Sie da alles an fürsorglichen Belagerungen des Common sense versammelt haben, um einem Autor, der kraft seiner Kreativität „in die Tiefe taucht“, noch nachträglich vorzuwerfen, daß er nicht, wie Melville an der zitierten Briefstelle schreibt, wie „jedes kleine Fischlein an der Oberfläche“ geschwommen ist?Im Grunde, sehr verehrter Herausgeber Ihrer großartigen, mit uneingeschränkter Dankbarkeit zu begrüßenden Melville-Edition & auch Ihrer so verdienstvollen Kompilation „Ein Leben“ –: im Grunde bekräftigen Sie aber in Ihrem Nachwort dort das Verdikt von Melvilles hämischsten zeitgenössischen Kritikern, wo Sie sich über die Eigenart seiner literarischen Entwicklung erstaunlich einfältige Gedanken machen. Warf man Melville zu seinen Lebzeiten >unverzeihlichen Irrsinn< vor, so rufen Sie ihm heute >unverständlichen Starrsinn< nach, mit dem er sich willentlich & wissentlich um eine mögliche literarische Karriere (z.B. als Lieferant von Zeitschriftenbeiträgen!) gebracht und einheimische Leser, Familie, Freunde, Lektoren und Verleger brüskiert habe, die ja alle nur sein Bestes gewollt hätten.Ja, aber eben das hat er ihnen nicht gegeben & nicht geben wollen“. Sondern uns (seiner Nachwelt) die Romane, Erzählungen & Gedichte eines der unabhängigsten & zugleich unverstandensten Schriftsteller seiner Zeit.

    Wolfram Schütte

    P.S. Last but not least (wenn auch hier nur als Fußnote) muß darauf hingewiesen werden, daß wir Daniel Göskes Neuedition „Ausgewählter Werke“ bei C. Hanser gewiß der jahrzehntelangen Vorwühlarbeit des von Norbert Wehr verantworteten „Schreibhefts“ verdanken, einer einzigartigen deutschen Literaturzeitschrift, die fast immer ein Findebuch neuester Literatur aus vielen Welten ist und eine Fundgrube für historische Entdeckungen. Wehrs „Schreibheft“ hatte in seinen Ausgaben Nr.37 und 57, die beide vergriffen sind, immer wieder auf Melvilles bei uns weithin unbekannte Größe mit historischen Essays, Hommagen und mit auszugsweisen Neuübersetzungen hingewiesen & damit die Trommel für den Autor gerührt, bis sie bei Hanser vernommen wurde. Jetzt sind in der jüngsten Ausgabe des „Schreibhefts“ (Nr. 63) Auszüge aus einer in Arbeit befindlichen Erstübersetzung von Melvilles Epos „Clarel“ erschienen. Sie stammen von Rainer G. Schmidt, der den Mut & Enthusiasmus besaß, im Alleingang 1998 Melvilles ersten Groß-Roman „Mardi“ zu übersetzen. Norbert Wehr wiederum hat im Verlag Zweitausendeins vergangenes Jahr Friedhelm Rathjens umstrittene, von C.Hanser zwar bestellte, aber dann abgelehnte Neu-Übersetzung des „Moby Dick“ herausgegeben.

    Wolfram Schütte


    Herman Melville: „Ein Leben“. Briefe und Tagebücher.
    Deutsch von Werner Schmitz und Daniel Göske.
    Carl Hanser Verlag, München Wien.
    Gebunden. 858 Seiten, Abb. 42.80 ¤

    TITEL ist umgezogen!

    Liebe Leserinnen, liebe Leser!


    Das neue TITEL kulturmagazin ist ...

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    und das weiße Kaninchen

    In diesem Land stimmt etwas nicht. Der Feminismus nämlich. Schwach steht er da, der Wind pfeift durch die Löcher seines theoretischen Unterbaus. Ähnlich steht es mit den Frauen. ...

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