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    TITEL kulturmagazin
    Sonntag, 30. April 2017 | 18:37

     

    Peter Rühmkorf: TABU II

    10.01.2005

     
    Fideler Katzenjammer

    In Tabu II, dem Tagebuch der Jahre 1971-1972, manövriert Peter Rühmkorf durch die Schreibkrise, protokolliert und reflektiert Alltag und Politik, reimt Gedichte und misstraut Menschen mit Festanstellung.

     

    Im Bücherherbst des vergangenen Jahres trieben sich Katzen gerne in Tagebüchern herum. Geradezu epidemisch ist ihr Vorkommen im Tagebuch aus dem Jahr 1954 von Alice Schmidt, der Gattin des späteren Bargfelder Großschriftstellers Arno Schmidt. Nur ein einzelnes Exemplar hingegen, der Kater Micio, taucht in Peter Rühmkorfs Tabu II auf, den Tagebüchern der Jahre 1971 und 1972, erschienen im September 2004. Dafür ist ihm auch der allerletzte Eintrag im Diarium vorbehalten. Dort verzeichnet Rühmkorf bestürzt dessen ramponiertes Äußeres; das Tier verliert sein Katzenhaar in flockig-flauschigen Büscheln, und viel wunde Haut wird sichtbar: "Beinah bloßliegender Muskel wie bei einem enthäuteten Karnickelbraten. Mein kleiner niedlicher Patzikatz." Krisenhafte Zustände allerorts zu Beginn der 70er Jahre, in Politik und Gesellschaft sowieso: Die Linke demontiert sich selbst; die einen basteln Bomben, die anderen applaudieren verhalten, und die dritten schauen betreten. Und auch der Tagebuchschreiber bleibt nicht verschont; er lässt Federn wie der kränkelnde Kater seinen Pelz -: zu wenig Erfolg bei Publikum und Kritik, jedenfalls für seinen Geschmack. Es mangelt an Inspiration und vor allem an Geld.

    Legere Verhältnisse

    Wenn man sie findet, durchschreitet man derartige Jammertäler gerne mit Verbündeten, und die sucht man notfalls auch jenseits des Altbewährten. Rühmkorf jedenfalls beginnt im April 1971 damit, ein Tagebuch zu schreiben, eine Praxis, die er bis in die unmittelbare Gegenwart nicht mehr aufgeben wird. 1995 veröffentlichte er Tabu I, seine Aufzeichnungen aus den Jahren 1989 bis 1991, ein belebendes Gebräu scharfsinniger Anmerkungen und scharfsichtiger Befunde zur deutsch-deutschen Zeitgeschichte, die sich anschickt eine gesamtdeutsche zu werden, angereichert mit allerlei stimulierenden Ingredienzien: viel ist von Hanf die Rede, mehr noch vom breiten Sortiment der Schlaf- und Beruhigungsmittel, dazwischen mal mehr mal weniger Erleichterung verschaffende Besuche bei Zahnärzten und Urologen, Einladungen zu Stehempfängen und Spieleabenden, und in kleiner Dosierung Proben des Rühmkorfschen Schaffens zum Anfixen: hier ein Gedicht, da ein Essay.

    In bewährter Tagebuchmanier kommt dieses Dokument deutscher Zeit- und Alltagsgeschichte daher, verpflichtet der Diskontinuität und der Momenthaftigkeit der Erfahrungen und Gedanken, wie sie sich im Augenblick der Niederschrift einstellen. Der Tagebuchschreiber bemüht sich sichtlich um das, was er auch anderen abverlangt, nämlich "daß der Verfasser ein gewisses legeres Verhältnis zu sich selbst unterhält und sich mit dem eigenen Ego nicht unentwegt in essayistischer Prosa bekakelt."

    Glosende Buschfeuer

    Für das Tabu II von 1971 heißt die Vorgabe: "Ein Tagebuch so herzgewinnend offen führen, daß die Leute die Wahrheit am Ende für eine liebenswürdige Erscheinung halten." Aber anders als in den Aufzeichnungen der Jahre 1989-91 hat Rühmkorf am Beginn seiner Alltagschronik sichtlich Mühe, seinem eigenen Credo zu folgen. Es mag daran liegen, dass sich hier einer anschickt, ein neues Medium für sich zu gewinnen und Ton und Gestus noch finden muss, und vielleicht auch daran, dass einer unsicher ist, wie und wohin es überhaupt weitergehen soll mit dem Schreiben -: aber Tabu II fehlt das Tempo, die Souveränität im Umgang mit den eigenen Eitelkeiten und Empfindlichkeiten und gerade jene "herzgewinnende" Offenheit, die Rühmkorf für sich reklamiert und die seine Dokumentation der Wendejahre 1989-91 über weite Strecken auszeichnet.

    Natürlich erfährt man auch aus den älteren Aufzeichnungen allerlei Bedenkenswertes aus dem Schriftstelleralltag: Streifzüge durch St. Pauli werden ebenso verzeichnet wie die Reisen nach Ost-Berlin, wo die Theater-Karriere endlich in Gang kommen soll, oder eine Einladung zum Bundespräsidenten, der Rühmkorf in "Cordhose und Pulloverkombination" nachkommt. Spürbar bleibt allerdings auch die Reserve, aus der das Tagebuch geschrieben ist, und die Rühmkorf abschnittsweise zur Langatmigkeit und epischen Breite verleitet, so dass zum Beispiel die "Buschbrände", die neben dem "heimischen Herdfeuer" lodern sollen, nur kaum wahrnehmbare und sich schnell wieder verziehende Rauchschwaden produzieren. Die amouröse Hauptverstrickung jener Zeit, die dem bekennenden Ehe- und Lebemann allerlei Lust und Leid bereitet, gerät Rühmkorf jedenfalls zu einer Art unfreiwilligen Parodie auf eine andere pittoreske Mesalliance aus der Kindsbrautliteratur-Abteilung, auf die unglückselig-unerfüllte Liebesgeschichte von Daniel Pagenstecher und Franziska Jacobi in Arno Schmidts 1970 erschienenem Monumentalwerk Zettel's Traum. Niedlich und betulich, wie in Schmidts abstrus verstiegenen Passagen, begegnen sich im Tabu II der gelehrte Dichter und die verschwärmte Schülerin Aleke, aber was diese Liaison an Abgründigkeit und Absurdität bereit hält, verwässert Rühmkorf im literarischen Schonwaschgang, dem er sich und alle Beteiligten unterzieht.

    Wenngleich Rühmkorf im Tagebuch mehrmals bedauert, "kein Romanschreiber oder Novellenautor" zu sein, dokumentiert dieses Tagebuch das hartnäckige Ringen um diese epischen Formen, die "harten Gattungen". Die Pittoreske rund um des Dichters Tändelei mit der jungen Frau ist ein Zeugnis für dieses Bemühen; das andere ist die Geschichte des Freundes Erich, sammelwütiger Erotomane und voller hedonistischer Lebensfreude, darin Rühmkorf nicht ganz unähnlich. Mit der Aufzeichnung der bewegten und abenteuerlichen Lebensgeschichte des Freundes und alter Ego holt Rühmkorf epischen Atem und nimmt Anlauf zu einer Vigoleisiade im Stil Albert V. Thelens, aber das Gesicht des Freundes als das zweite Gesicht des Autors will sich nicht recht einstellen. Als bloßer Entwurf geraten ihm die Aufzeichnungen der vom Freund erzählten Erinnerungen zu ausführlich, als Romanfragmente bleiben sie zu sehr Skizze, der epische Hauch verpufft. Was mit den in den Text eingeschobenen Gedichten und Gedichtentwürfen gelingt - die Demonstration von Rühmkorfs virtuosen Sprach- und Verskompositionen -, misslingt mit der Erich-Geschichte ebenso, wie mit den seitenlangen Zitaten aus den 1971 und 1972 entstehenden dramatischen Texten Lombard gibt den Letzten, Was heißt hier Volsinii? und Die Handwerker kommen, mit denen Rühmkorf, gegen Handke, Bernhard und Strauß anschreibend, sich glücklos im dramatischen Fach versucht: Sie verfehlen ihre Funktion als Werkstattbericht, finden keinen rechten Platz im Tagebuch.

    Schnäppchen aus der Grabbelkiste

    Das Diarium ist noch viel zu wenig "Blitzableiter" in einer Zeit, in der der konkret-Autor und vormalige Lyrik-Schlächter für das Hamburg-Heft der Zeitschrift MERIAN einen Artikel über seinen Wohnort Oevelgönne schreibt, um sich "wenigstens als Heimatautor" zu retten. Es ist nicht das Ziel seines "Schreiberehrgeizes", sondern hat zunächst nur die Funktion einer "biographischen Grabbelkiste", die sich zukünftig vielleicht noch ausbeuten lässt, oder zur eigentlichen Buchführung, zur erfolgversprechenden Lyrik und Essayistik zurückführen soll. Zu den Schnäppchen, die diese "Grabbelkiste" birgt, gehören Rühmkorfs Portraitsplitter der literarischen Konkurrenz: Jünger, Enzensberger, Walser, Frisch, Handke, Bernhard - jeder Kommentar zu Werk und/oder Rolle im Betrieb ein Wirkungstreffer; und gesammelt ergäben sie mühelos einen weiteren Band der Sorte "Dichter beschimpfen Dichter".

    Überzeugen kann das Tagebuch auch dort, wo die Dokumentation des krisenhaften Politalltags mit RAF-Terror, Terroristenjagd und Medienhysterie die eigene Betroffenheit mitverzeichnet. "Habe viele Schlachten, aber nie meine Identität verloren. Wußte vermutlich auch nie so recht, was das eigentlich ist", notiert Rühmkorf mit augenscheinlicher Koketterie in seinem autobiographischen Erinnerungsbuch Die Jahre die Ihr kennt von 1972.

    Die Tagebuchaufzeichnungen als dessen Fortschreibung bezeugen ebenso wie Rühmkorfs dezidierte Stellungnahmen andernorts gerade das exakte Wissen um die eigene Position, die er kompromisslos gegen alle Anfechtungen verteidigt und gegen die Vereinnahmungsversuche einer Szene aufrecht hält, der er selbst wenigstens zum Teil auch angehört und die versucht, „an mir herumzudrücken u. mich umzumodeln. Ich denke nicht daran, mich so oder so zu fügen […]." Wo die glasklare Absage an die "militante Betschwestern-Gemeinde" RAF und ihren "Leit-Hammel" Andreas Baader mit seinem "autoritären Zuhälterwesen" das Ende lang bewährter Freundschaften nach sich zieht, nimmt Rühmkorf dies ebenso in Kauf, wie er sich konsequent dem "Verwurschtungsgewerbe" entzieht, das einsetzt nach der Verhaftung Ulrike Meinhofs, der langjährigen Kollegin aus gemeinsamen publizistischen Zeiten bei der Zeitschrift konkret: "Ich? Kloß im Kugelschreiber. Keine Gruppenportraits mehr. Keine Einzelpsychogramme. Was von mir gesagt werden konnte, hab ich gesagt."

    Eingezogene Krallen

    Ganz schnörkellos ist das dahergesagt, und in seiner Knappheit eigentlich untypisch für den verspielten Sprachartisten Rühmkorf, der auf die Virtuosität seiner Verssprache auch dann nicht verzichten mag, wenn gerade keine gute Zeit für Lyrik ist. Was aber in dieser Gattung die Qualität und die Innovation des Ausdrucks verbürgt und jene Distanz zum Gedicht herstellt, die jenseits des sinnlichen und sinnenhaften Erlebens auch die Reflexion und polemische Auseinandersetzung mit politischem und privatem Alltag in der Poesie erzwingt, läuft in der Tagebuchprosa gelegentlich ins Leere. Die möglichst flächendeckend betriebene aphoristische Zuspitzung aller Ansichten, Einsichten und Beobachtungen hält den Leser auf Abstand zur Gegenwärtigkeit des Autorlebens, seiner Wahrnehmungen und Gestimmtheiten; die Perspektive auf das Geschehen verliert im Wirbel des "bunten Vokabelkonfetti" und der "supralinguistischen Luftschlangen" ihren zwingenden Charakter. In Tabu II zögert Rühmkorf, die gefährlichen Krallen, die er an seinem Kater bewundert und über die er ja auch selber verfügt, wirklich zu nützen. "Fortsetzung folgt", verspricht er uns allerdings ganz am Ende. Gerne; aber auch mit ein paar Kratzspuren mehr, bitte.

    Doris Plöschberger


    Peter Rühmkorf: TABU II. Tagebücher 1971-1972.
    Reinbek b. H.: Rowohlt 2004,
    Gebunden. 399 S. 22,90 Euro.
    ISBN: 3-498-05772-3.

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