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Reinhard Pabst: Thomas Mann in Venedig

10.01.2005

Vergangenheitsbeschwörung mit Postkarten

Erst musste Thomas Mann die einzigartige Lagunenstadt kennen und lieben lernen, bevor er seinen Gustav Aschenbach dort seinen „Tod in Venedig“ erleben und ereilen ließ. Der literarische Spurensucher Reinhard Pabst rekonstruiert mit Postkarten das historische Ambiente.

 

Nach seinem begeistert aufgenommenen Insel-Taschenbuch Th. W. Adorno: Kindheit in Amorbach, Bilder und Erinnerungen legt nun der literarische Spurenleser und -sucher Reinhard Pabst ein weiteres Ergebnis seiner jahrelangen Recherchen vor: Thomas Mann in Venedig. Das Insel-Taschenbuch blättert wieder (wie Adornos Kindheit in Amorbach) mit einer Vielzahl von zeitgenössischen Fotografien, meist Ansichtspostkarten, aber auch Landkarten, Prospekten, Werbeanzeigen, Kofferaufklebern und mit Faksimiles des verschwundenen handschriftlichen Manuskripts das historische Umfeld von Thomas Manns bekanntester Novelle auf: dem Tod in Venedig. Diesmal freilich ohne die literarische Vorlage. Sie wird als bekannt vorausgesetzt.

Viscontis Tod in Venedig

Ein „platonischer“ Bildersaal ist das gewissermaßen; denn aus den realen Urbildern dieser Illustrationen ist das literarische Kunstwerk hervorgegangen, das „eine respektvoll erschütterte Welt“ 1912 aus den Händen des nachmaligen Literaturnobelpreisträgers „empfing“ – und nicht nur von Franz Kafka sogleich als eines der Meisterwerke des Lübecker Autors erkannt wurde. Weltbekannt dürfte es allerdings erst wirklich durch die glänzende Verfilmung von Luchino Visconti 1971 geworden sein, der Dirk Bogarde jenen todkranken Komponisten Gustav Aschenbach spielen ließ, in dessen Figur der Montagekünstler Thomas Mann sowohl Gustav Mahler als auch das höchst eigene Erleben verschmolz, was Visconti dazu bewogen hatte, seinem Melodrama sowohl das Adagietto aus Mahlers V. Symphonie zu unterlegen, als auch seinen Aschenbach mit einem Mannschen Schnauzer zu versehen.

Zudem lässt Visconti, der als kleiner Junge mit seiner adligen Familie selbst im Hotel des Bains auf dem Lido di Venezia war – wo die Familie Mann und der fiktive Held der Novelle Urlaub machten und der Film gedreht wurde –, Aschenbach auf der Überfahrt zum Lido ein Reclambändchen von Goethes Faust in den Händen halten. Nicht nur kann das Pabst mit einem Standfoto aus Viscontis Film belegen; er verweist auch noch darauf, dass erst jüngst wieder ein Germanist das Viscontische Detail dadurch gerechtfertigt hat, dass man die Mannsche Novelle auch als Adaption des Faust lesen kann. Es ist sehr schön zu sehen, wie hier der deutsche Spurenleser dem italienischen auf die Finger schaut – und uns damit gerade durch solche Winzigkeiten Respekt für seine Arbeit abverlangt.

Biographisches Unterfutter

Wie Pabst also sein Thema bis weit in die unmittelbare Gegenwart verfolgt (auch dabei z. B. Venedig als Schwulenparadies des 19. Jahrhunderts streift), so ist er erst recht bei seiner Sache, wenn es darum geht, das autobiographische Unterfutter des vielfach codierten Erzählstücks uns vor Augen zu legen: Es reicht von den ersten Reisen der jungen Brüder Mann (1896) in Thomas‘ „zweite Vaterstadt“, über jenen literarisch folgenreichsten Aufenthalt für Thomas Mann 1911 (nun mit Frau und Kindern) bis zu späteren und dem letzten Besuch 1934. Die beispiellose Stadt in der Lagune steht mit Gebäuden, Plätzen, Kanälen, Gondeln und ihren Bewohnern vor unseren Augen, wenn auch kleinformatig, so doch intensiv.

Literarische Verarbeitung unterdrückter Triebe

Bei der Zitatkonstruktion seines optischen Kaleidoskops Thomas Mann in Venedig konnte sich Pabst auch auf Katia Manns Bekundung berufen, dass die Novelle eine ins Literarische verschobene Erfahrung des bisexuellen Autors behandele und die Erzählung von der unerfüllten Liebe des lebensmüden Musikers zu dem schönen polnischen Knaben Tadzio im schwülen Hochsommer-Venedig, dessen Behörden Anzeichen einer Cholera-Epidemie verschwiegen, die von deutsch-österreichischen Zeitungen gemeldet wurde, sich genauso wie literarisch beschrieben zugetragen habe.

So versammelt Pabst nicht nur alle in der Novelle erwähnten und bedeutungsvollen Orte Venedigs, des Lidos, seiner Badestrände und -zelte und vor allem natürlich das hochherrschaftliche „Hotel des Bains“ zu einer Bildergalerie, sondern stellt in deren Zentrum auch noch eine Fotografie des dunkelhaarigen Urbilds von „Tadzio“, in das sich Thomas Mann wie sein zeitweiliges alter ego Gustav Aschenbach „verguckt“ haben.

Der sanfte Tod, den Thomas Mann seinem einsamen Helden zugedacht hatte, war wohl als Selbstdistanzierung gemeint, wenngleich der Autor schon 1915 einem Psychoanalytiker „einen starken gleichgeschlechtlichen Anteil seiner Sexualität verraten“ habe und „hier sehr schön zu sehen“ sei, „wie dem Dichter sein Werk unbewusst dazu dient, unterdrückte Regungen, wenigstens in der Phantasie, zu befriedigen“.

Erstaunlich, wie früh man doch schon ausgesprochen hat, was uns heute über Thomas Mann (vor allem nach seiner Tagebücher-Publikation) längst geläufig ist. Ich kann mich noch erinnern, dass wir als jugendliche Leser des Tod in Venedig in den späten fünfziger Jahren die befremdliche Liebesgeschichte eher verschämt betuschelten und bewisperten, als das irritierende (schwule) Faktum zu benennen. Es war noch die Zeit des § 175 des Strafgesetzbuches, der Homosexualität, wie zu Thomas Manns und Aschenbachs Zeiten, unter Strafe stellte.

Wolfram Schütte


Reinhard Pabst: Thomas Mann in Venedig.
Eine Spurensuche. Mit zeitgenössischen Fotografien.
Insel Verlag 2004.
Kartoniert. 255 Seiten. 10 Euro.

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