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Marie Haller-Nevermann: Friedrich Schiller

16.12.2004

Schillers Leben und Werk

Als Einstimmung auf den zweihundertsten Geburtstag im Jahr 2005 erscheinen zahlreiche neue Biographien über Friedrich Schiller. Marie Haller-Nevermanns Biographie kann dabei, obzwar mit einem Hauch des alten Pathos versehen, zur allgemeinen Einführung dienen. Auch für den ersten literaturwissenschaftlichen Einstieg kann sie empfohlen werden.

 

Zunächst sei angemerkt, dass hier ein wirklich schöner Band vorliegt, der Text ist reich bebildert, die graphische Gestaltung ganz ausgezeichnet, womit der Leser auch schon visuell etwas geboten bekommt. Der Text selber ist sehr faktenreich und es wird eloquent erzählt. Dabei ziehen sich zwei rote Fäden durch das ganze Buch: Der eine klingt im Titel der Biographie bereits an: „Ich kann nicht Fürstendiener sein“, was Schiller als den Dichter der Freiheit ausweist, was natürlich nichts Neues ist, hier aber besonders biographisch begründet wird. Der andere rote Faden besteht in der schwachen Gesundheit des Dichters und, wenn man so will, der Tragik seines Lebens. Gut gelungen ist hier auch die Verknüpfung von Leben, Werk und Zeitgeschehen, wobei naturgemäß Schillers Dramen im Vordergund stehen.

Pathos durch die Hintertür

Wir haben es ja schon immer gedacht. Hinter all den vielen Werken, die Friedrich Schiller in seinem kurzen Leben schrieb, stand der unbändige Schaffenswille, die unglaubliche Diskrepanz zwischen dem Wirken der geistigen Genialität einerseits und der körperlichen Hinfälligkeit andererseits. Man stelle sich das einmal vor: Schiller, der gerade einmal 45 Jahre alt wurde, war die letzten fünfzehn Jahre schwer krank. Aber er schonte sich nicht, er schuf. Was eignet sich besser, um dieses Faktum zu heroisieren, hernach in das allgemeine Pathos einzubinden. Schiller der Nationaldichter, der Volksdichter, der heroisch schaffende deutsche Mensch. Mit Grausen denkt man an dieses vereinfachende, pathetische Schillerbild, das seine Materialisierung dann auch in unzähligen Schillerdenkmalen fand und so der breiten Masse ins Bewusstsein drang. Und so fordern wir von einer heutigen Biographie, fast schon selbstverständlich, die Überwindung dieses Bildes.

Marie Haller-Nevermann erfüllt diese Forderung allerdings nur zum Teil. Sie erfüllt sie immer da, wo sie faktenreich erzählt, wo sie Schiller im Kontext unterschiedlicher Bereiche, der Musik, der Medizin und Psychologie, der Philosophie usw. zeigt und so, das ist das eigentlich Innovative dieses Buches, eine Reihe neuer Facetten ins Spiel bringt. Doch sie erfüllt sie immer da nicht, wo sie auf ältere Rezeptionsliteratur zurückgreift und so immer noch das alte Schillerbild, gewissermaßen durch die Hintertür, wieder hereinlässt, was doch zuvor, sicherlich auch nach eigenem Anspruch, überwunden werden sollte. Lobend hervorzuheben ist dagegen die Rezeptionsgeschichte, die Haller-Nevermann am Ende des Buches bietet, was dem Leser eine Reflektion über eben jenes tradierte Schillerbild erlaubt und diesen Mangel etwas heilt. Aufgrund der zahlreichen Fakten und der gut ausgewählten Literaturhinweise eignet sich das Buch auch für einen ersten literaturwissenschaftlichen Zugang in Schillers Werkwelt, was es cum grano salis empfehlenswert macht.

Frank Kaufmann


Marie Haller-Nevermann: Friedrich Schiller. Ich kann nicht Fürstendiener sein.
Eine Biographie,
Berlin: Aufbau-Verlag 2004,
Gebunden, 304 Seiten mit 156 farbigen Abbildungen, 24,90 Euro.
ISBN 3-351-03018-5

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