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    TITEL kulturmagazin
    Donnerstag, 17. August 2017 | 03:46

     

    Peter Rühmkorf: Wenn ich mal richtig ICH sag...

    02.12.2004

    Er wird schon noch ICH sagen

    Dieses Buch ist wie eine Einladung zum Kaffeekränzchen im engen Freundeskreis. Man kann drin blättern, sich festlesen, Rühmkorfs zeichnerisches Talent bewundern, seine Einsichten bestätigen oder sich darüber aufregen. Hier hat einer sein privates Archiv geöffnet, der keine Scheu hat, sich selbst mit allen Fehlern, Irrungen und Wirrungen der Öffentlichkeit preiszugeben.

     

    Den Titel von Peter Rühmkorfs autobiografischem Lese-Bilderbuch kann man, wenn man mal richtig will, als Drohung auffassen. „Wenn ich mal richtig ICH sag...“. Daraus ergibt sich jedoch ebenso die Erkenntnis, dass er auch in diesem opulenten Band noch nicht richtig ICH gesagt hat, dass er diese Möglichkeit offen hält und für spätere Zeiten aufhebt.

    Und schon ist man auf den Scharlatan Rühmkorf hereingefallen, denn die erste Seite nach dem Vorsatzblatt setzt den begonnenen Satz fort: „... wie viele da wohl noch mitreden können?!“ Damit zieht Rühmkorf sich aber nicht aus der Affäre, sondern klärt auf, worum es ihm geht: „Einspruch? Nichtsda. ’N Ich hat irgendwie jeder, und das ist auch gar nicht so ungewaltig. Wenn es die Augen zuklappt, geht die Erde unter, sind die Sterne aus.“

    Das erste Foto zeigt Rühmkorf vor dem Waschgang. Eine Krankenschwester legt ihn in der Frauenklinik in Dortmund, wo er geboren wurde, in eine kleine Badewanne. Dieser nackte, schreiende Junge kam am „Schwarzer Börsenfreitag“, am 25. Oktober 1929, zur Welt. Möglicherweise ein Grund, warum er sich später – ziemlich erfolglos – als Autor zeitgenössischen Wirtschaftstheaters versuchte („Was heißt hier Volsinii?“). Rühmkorf hat in seiner Familienfotoschachtel gesucht und großherzig viele interessante, lustige und bewegende Fotografien zur Verfügung gestellt. Eines zeigt ihn am ersten Schultag im April 1936 – ein Gesicht mit Spannungsblick zwischen großen Ohren.

    „Die Jahre die ihr kennt“ veröffentlichte Peter Rühmkorf 1972, nachdem er 1959 seinen ersten Gedichtband „Irdisches Vergnügen in g“ und 1967 „Über das Volksvermögen“ unter die Leute gebracht hatte. Memoiren mit 43 Jahren vorlegen, geht das? Ja, das geht, antwortete Rühmkorf. „Rückblick zu halten, einmal tief durchzuatmen und das eigene Leben zu bilanzieren, ist keine Sache des Alters, sondern der Anlässe.“ Da war die 68er Zeit schon vier Jahre vorbei, doch aus dieser Zeit außerparlamentarischer Oppositionszugehörigkeit sollte natürlich auch Privates nicht fehlen. In seinem Ich-Buch geht er darauf ein. Und auf noch viel, viel mehr. Denn nicht nur die Fotografien, Zeichnungen und Skizzen sind spannend bis witzig. In Interviews, Buchauszügen und anderen Texten findet Peter Rühmkorf immer eine Wendung, einen Nebensatz, eine Anmerkung, die er, für das Ich-Buch, zum Hauptsatz macht.

    Dieses Buch ist wie eine Einladung zum Kaffeekränzchen im engen Freundeskreis. Man kann drin blättern, sich festlesen, Rühmkorfs zeichnerisches Talent bewundern, seine Einsichten bestätigen oder sich darüber aufregen. Hier hat einer sein privates Archiv geöffnet, der keine Scheu hat, sich selbst mit allen Fehlern, Irrungen und Wirrungen der Öffentlichkeit preiszugeben. Ein mutiges Unterfangen. Aber eines ist gewiss. So wie Rühmkorf auf dem Buchumschlag verschmitzt lächelt, so setzt sich sein Ausblick auf zukünftiges „Ich“-Sagen zwischen allen Buchseiten fort.

    Klaus Hübner


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    Peter Rühmkorf: Wenn ich mal richtig ICH sag...
    Steidl Verlag. Göttingen. 2004.
    156 Seiten. 17,90 Euro.
    ISBN: 3-86521-049-X.


    Textprobe:
    „Meine Damen und Herren, in einer Zeit, wo das Kopfschütteln außer Mode gekommen ist, die Meinungsunterschiede eingeebnet werden, die Splittergruppen parlamentarisch ausgeklauselt, die wenigen liberalen Querköpfe, die es letzten Ostern noch gab, außer Betrieb gesetzt, in solcher Zeit also, wo unsere Demokratie auf demokratischem Weg bis zur Haltlosigkeit entgrätet worden ist, gilt es, demokratische Äußerungsformen weiter zu entwickeln, die nicht primär an die große Bestätigungsapparatur angeschlossen sind.“

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