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    TITEL kulturmagazin
    Samstag, 24. Juni 2017 | 07:10

     

    Sigrid Damm: Das Leben des Friedrich Schiller

    29.09.2004

     
    Homestory eines Klassikers

    Marktpünktlich zu des Dichters 200. Todestag ließ die Weimar-Expertin Sigrid Damm sich von Schiller locken und legt dessen modisch-populär erzählte Lebensgeschichte vor.


     

    Ein lautes „Ich!“

    Es ist bezeichnend, dass man kürzlich Goethes Geburt feierte, die sich zum 250. Mal jährte, jetzt aber Schillers Dahinscheiden, das nun bald 200 Jahre zurückliegt. Seit je stand der Ärmste im Schatten des zehn Jahre Älteren; selbst das Weimarer Denkmal der beiden, Sigrid Damm weist darauf hin, stellt Goethe den Lorbeerkranz haltend dar, während Schiller ganz abgeklärt zwar, aber doch nur danach greift.

    Sigrid Damm, die mit den Weimarer höheren Kreisen der Goethezeit bestens vertraut ist, versucht eine zweifach persönliche Annäherung an Friedrich Schiller. Zum einen konzentriert sie sich, trotz ihrer ohne Frage ausgezeichneten Kenntnis der Texte, ganz auf die biographischen Umstände deren Entstehung, was für eine Biographie auch recht und billig ist.

    Zum anderen aber lässt sie den Leser wissen, wie ihre jeweiligen Befindlichkeiten gegenüber Schiller (und anderen Personen seines Umfelds) sind. Das ist nur mäßig interessant, mitunter ziemlich befremdlich, jedenfalls durchgehend überflüssig, denn nirgends wirkt ein lautes „Ich“ aufdringlicher als in einer Biographie. Der Untertitel („Wanderung“) bezieht sich jedenfalls mehr auf die Biographin denn auf Schiller.

    Gängige Kniffe

    Die gängigen Modekniffe des Erzählens, wie sie spätestens seit Pulp Fiction in angelsächsischer und jetzt auch hiesiger Schreibe nicht fehlen dürfen, sind auch hier brav eingearbeitet: Sigrid Damm löst den strikt chronologischen Duktus (von der Wiege bis zur Bahre) weitgehend auf und erzählt Schillers Leben, bei der Uraufführung der Räuber beginnend, in eher thematischen Zusammenhängen, schaltet Vor-, Rund- und Rückblicke dazwischen, deutet voraus, wiederholt manches, und das alles mit viel Geschick und zur steten Kurzweile des Lesers.

    So geschickt wie mit dieser zeitgemäßen Erzähltechnik verfährt sie auch mit den Originalzitaten, die im Druckbild ohne Anführungsstriche kursiv gesetzt sind und gut lesbar mit dem Text einher kommen. Besonders reizvoll daran ist die originale Orthographie, die alle gegenwärtigen rechtschreiberischen Korinthenkacker beschämen sollte: Unsere Dichterfürsten schreiben gerne nehmlich statt nämlich, und auch sonst grad so, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist, jedenfalls ganz undudenhaft. Diese größtmögliche Textnähe macht den eigentlichen Charme dieser Biographie aus, auch wenn es mehr als bedauerlich ist, dass die vielen schönen Zitate ausnahmslos unbelegt bleiben. Das ist dem populären Charakter des Buchs geschuldet und durchaus verständlich, aber doch sehr schade.

    Im Schatten des Alphatiers

    Die Biographin versucht, den Muff und Weihrauch um Schiller zu lüften und den Menschen vom Vorwurf des Hofpoeten zu rehabilitieren, der er tatsächlich nicht war. Zum Vorschein kommt ein ehrgeiziger wie hypochondrischer Mensch, der schlecht mit Geld umgehen kann und sich jede Zeile, jeden Vers unter heftigsten Anstrengungen abringen muss.

    Sein Leben verlief fast in Allem diametral zu dem des Dichter-Freundes Goethe. Die Kindheit war geprägt von kleinbürgerlicher Strenge und absolutistischer Autorität; der literarische Weg steinig, Finanzen und Gesundheit meist in desolatem Zustand, deshalb waren Reisen kaum möglich. Auch zu Lebzeiten, wie 200 Jahre nach seinem Tod, stand er ständig im Schatten Goethes, der das Alphatier bei Hofe und in der Literatenszene war und Schiller über Jahre abblitzen ließ, bis schließlich, spät aber herzlich, die Freundschaft sich entspann. Das Verhältnis zu Goethe spielt die zentrale Rolle in dieser Biographie, und das durchaus zu Recht.

    Andererseits glückte Schiller auch viel: Er erlangte die gleiche Augenhöhe zu Goethe, er wurde, trotz seiner jugendlichen Desertion, in den Adelsstand erhoben und war der bestbezahlte Autor seiner Zeit. Ihm gelang eine Liebesheirat und eine durchweg beglückende Ehe, er war begeisterter Vater von vier gesunden Kindern (ebenso viele verlor Goethe) und starb, gerade 46-jährig, auf dem Höhepunkt seines Ruhms.

    Sigrid Damm zeigt uns einen durchaus sympathischen Menschen, bei dem es kräftig menschelt. Von der intellektuellen Biographie erfahren wir aber wenig. Jeder Schnupfen während der Entstehung der Werke ist genauestens dokumentiert, die Werke allerdings bleiben seltsam fremd, so als gehörten sie gar nicht zu Schiller. Sie müssen uns wohl fremd bleiben – schon die Romantiker fielen schier von ihren Stühlen vor Lachen, so Damm, wenn sie Das Lied von der Glocke lasen, und sie taten wohl recht daran.

    Verkorkste Satzstummel

    Was wirklich stört, ist der Sprachstil, auf den die Autorin sich eingelassen hat. In konsequenter Fortsetzung ihres emphatischen Sich-betreffen-lassen-wollens von Schiller versucht sie in suggestiv herausgepresster Syntax den Leser mitzureißen. Statt aber mitreißend zu wirken wird sie enervierend reißerisch und quält uns ganze Seiten lang mit Satzstummeln in dieser Art: „Dann der Entschluß. Ich gehe hinein. Die Räume zu ebener Erde. Das erste Stockwerk. Das zweite.“ Und so noch vier Druckzeilen – und mehrere Hundert Druckseiten im Stil von High Noon.

    Diese mehr gewollte als gekonnte Erlebnis-Prosa ist kein Ausrutscher, sie nervt von der ersten bis zur letzten Seite, und nicht selten muss man, um Luft zu holen, das Buch beiseite legen. Vermutlich will die Autorin hier einen gewissen reißerischen Boulevard-Stil applizieren, der funktionieren mag, wenn er ein Dutzend vielbildriger Hochglanzseiten nicht überschreitet, aber über fast 500 Seiten gedehnt erzeugt er ein regelrecht körperliches Unwohlbefinden.

    Wie schade, dass Sigrid Damm ihr Talent und ihr Wissen reißerisch verkaufen will. Da sie das aber schon tut, hätte sie konsequent auch reichlich Bilder aufnehmen sollen. Die fehlen aber, von einem Frontispiz abgesehen, komplett.

    Bernd Draser


    Sigrid Damm: Das Leben des Friedrich Schiller. Eine Wanderung.
    Insel Verlag, August 2004.
    Gebunden, 489 Seiten, ¤ 24,90.

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