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    TITEL kulturmagazin
    Sonntag, 25. Juni 2017 | 12:37

     

    Peter Kurzeck: Ein Kirschkern im März

    05.07.2004

     

    1984

    Mit
    Ein Kirschkern im März ist der dritte Band der auf (vermutlich) sieben Bücher angelegten poetischen Autobiografie Peter Kurzecks erschienen.


     

    Wieder streift der Ich-Erzähler durch Frankfurt. Wieder bringt er sein Kind zum Kinderladen und wieder holt er es dort ab. Wieder muss er spät abends noch mal anrufen, um dem Kind eine gute Nacht zu wünschen, bevor er sich hinter den Schreibtisch klemmt, in dem kleinen Zimmer, in dem er zu Gast ist. Und er schreibt und er liest nach, was er geschrieben hat über das Schreiben, über das Streifen durch Frankfurts Straßen und die Hin- und Hergänge mit dem Kind – im März 1984.
    Noch immer ein Geheimtipp

    Peter Kurzeck ist einer der ganz Großen der bundesdeutschen Literatur und dennoch ein Geheimtipp geblieben – worin sich immer auch die Freude der Wissenden mischt, dass für sie Letzteres nicht gilt und sie somit wenigstens zeitweise selbst Teil des Geheimnisvollen, des nicht Selbstverständlichen und damit Banalen bleiben. Peter Kurzeck also – der 1943 geborene Böhme, der als Kind nach Hessen Geflüchtete, der als junger Mann nach Frankfurt Gezogene; nach Südfrankreich später auch. Acht Romane in 25 Jahren; Alfred-Döblin-Preis, Stadtschreiber von Bergen und Preis der Literaturhäuser, unter anderem. Und eben keiner, den man kennt aus dem alltäglichen Allerlei für oder gegen die Rechtschreibreform, mit oder gegen Martin Walser oder das Kopftuch im Speziellen wie Allgemeinen.

    Suche nach der verlorenen Zeit

    Seit 1997 sitzt er an seinem großen und am Ende geschlossenen Werk über das Jahr 1984 – eine Suche nach einer verlorenen Zeit, damit sie nicht verloren geht, aber auch nicht sentimental einbetoniert wird. Das Jahr der Trennung von seiner langjährigen Lebensgefährtin (mit der vieles anfing und selbstverständlich war), das Jahr einer so tiefen Krise, das man erst Jahre später wissen kann, ob es denn möglicherweise eine produktive gewesen sein kann – was sich immer leicht sagen lässt, wenn man nicht selbst die Hauptrolle dabei spielte.
    Als Gast ist der Ich-Erzähler, der Kurzeck ist, bei befreundeten Eltern untergekommen, deren Kind ebenfalls in den Kinderladen geht, in den auch Kurzecks Kind geht – Carina. Ein kleines Zimmer unterm Dach, wo die Trennung bewältigt werden will und dazu vorher der Schmerz ausgehalten werden muss, indem man weiterlebt und sich dem Tag stellt. Immer wieder streift der Erzähler durch die Straßen – vorzugsweise nachts. Kann nicht schlafen, erwacht viel zu früh und trinkt über den Tag einen Espresso nach dem anderen. Das andere Trinken hat er zuvor aufgegeben. Er weiß noch genau den Tag und was er zuletzt trank und wo.
    Erzähl! – sagt das Kind immer wieder zwischendurch. Und der Erzähler erzählt. Aus seiner Kindheit und erzählt weiter, wie er über diese Kindheit erzählt hat und was es zum Erzählen zu sagen gibt. Logisch und konsequent und assoziativ dazu ergeben sich die Sätze, wie sie sich aneinander reihen. Ein Monolog erhebt sich, der sich selbst immer wieder unterbricht und eben deshalb erzählt, wie das so geht, das sich selbst das Leben erzählen, wenn man ein Dichter ist und deshalb von und mit den Wörtern lebt.

    Wunsch nach einem wunschlosen Ort

    Es sind – man ahnt es – nicht die so genannten großen Ereignisse, über die zu schreiben ist. Eine Lesung in einem Buchladen, abendliche Treffen mit einer Freundin. Morgende im Kinderladen, Einkäufe auf dem Nachhauseweg. Blicke aus dem Fenster, Telefonate, Erinnerungen. Später das Weggehen und das nicht Weggehenwollen aus der Wohnung, in der er einst einen Platz hatte, den er jetzt nicht mehr hat und wo das Kind nicht einschlafen mag. Kann er nicht noch bleiben? Und immer wieder liegt das Manuskript da, ruft und schreit nach dem Dichter, der nur kurz einen Blick auf das Manuskript werfen will und der sich hinsetzt und nach Stunden auftaucht, weiterschreibt.
    Peter Kurzeck schreibt von sich. Aber er schreibt von sich als einem modernen Menschen. In all seiner Zerrissenheit, seiner Verstörtheit und seinem gleichzeitigen und eben nicht paradoxen Wunsch nach einem wunschlosen Ort, wo alles ist, wie es ist und so bleibt. Und eben auch mit der Fähigkeit ausgestattet, eben diese Zerrissenheit in all ihren Facetten und nicht zuletzt den vergeblichen Kampf gegen die Zeit immer wieder zu spiegeln und so zu bewältigen, ohne dass es am Ende eine Auf- oder Erlösung gibt.

    Kurzeck schreibt zugleich von der Zeit. Wie sie ist und wie sie 1984 war. Mit Kinderladen, Wildlederjacke, Buchladenkollektiv, den Freunden, die es nach Portugal zieht; Aussteiger. Wie es ist, mit nicht einmal 500 DM über die Runden kommen zu müssen, und wie es ist, muss man jede Ausgabe dreimal überdenken, so wie man gebannt schaut, ob die Schuhe, die zerschlissenen, noch halten, die nächsten Wochen. Was Kurzeck gänzlich fehlt, ist der ironische Hass auf jene Jahre. Jenes scheinbar nonchalante Spötteln auf das, was jene Jahre ausmachte und sie prägte, wie man es aus der jüngeren deutschen Literatur so in- und auswendig kennt – bei ihm hat es keinen Platz. Vielmehr konzentriert er sich ganz auf die Aufgaben des Beobachtens, des Wiedergebens und des Beobachtens beim Wiedergeben: Chronist der Zeit, der sich eines Kommentars zu enthalten hat und eben deswegen vor Naivität gefeit bleibt.

    Am Ende öffnet sich der Horizont. Am Ende zieht der Erzähler in eine andere Wohnung. Eine größere Wohnung, wo er mehr ist, als nur Gast, als der er sich gefühlt hat. Und Pläne reifen, der März ist vorbei; jener seltsame Monat, der so zwischen den Jahreszeiten hängt. So ist der Kampf gegen den Winter gewonnen und man ist dennoch vorbereitet auf die Enttäuschungen, die erst der Frühling und dann der Sommer mit sich bringen kann. Der nächste, der vierte, Band kann kommen. Wir warten geduldig darauf.

    Textauszug:

    „Als Gast. Alle Abende mit meinem Leben unter dem Oberlichtfenster oder im leeren schweigenden Nebenzimmer. Am Anfang des Abends. Immer der gleiche Moment. Noch eben hell. März, eine Amsel singt. Du bist müde und spürst, wie die Zeit an dir zieht. Wer bin ich? Und warum hier? Bevor du dich jedesmal wieder auf den Weg machst, deinem Kind gute Nacht sagen. Carina ist viereinhalb. Ende November die Trennung. Vorher fristgerecht meine Arbeit verloren, eine unersetzliche Halbtagsstelle in einem Antiquariat. Kein Geld, keine Wohnung, kein Einkommen. Schriftsteller. Letzten Sommer mit meinem dritten Buch angefangen.“



    Frank Keil-Behrens


    Peter Kurzeck: Ein Kirschkern im März.
    Stroemfeld Verlag 2004.
    Gebunden. 282 Seiten. 19,80 Euro.
    ISBN 3-87877-935-6.


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