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Helmut Rahn - Mein Hobby: Tore schießen

28.05.2004

 
Der zeitlose Kern des Spiels

Wer dem Fußball nahe steht und keine Wunderdinge und vor allem keine Erkenntnisse über den Fußball hinaus erwartet, der kann durchaus gut unterhalten werden mit diesem unspektakulären Bericht eines besonderen Fußballerlebens aus einer anderen Zeit.

 

Zwei Umstände sind es, welche die Neuauflage des Originals aus dem Jahre 1959 begründen: Der Tod von Helmut Rahn im vergangenen Jahr sowie das 50jährige Jubiläum des Wunders von Bern mit dem legendären Rahn-Tor aus dem Jahr 1954.

Die Frage muss dennoch erlaubt sein: Was darf man sich von der wiederaufgelegten Selbstdarstellung eines Fußballers erwarten, der sein letztes Spiel im Oktober 1964 machte? Betagtere Fußballfans, die Rahns aktive Zeit damals noch miterlebt haben, mögen durch die Lektüre nostalgische Erinnerungen heraufbeschwören, historisch interessierte Leser erhoffen sich vielleicht so etwas wie zeitgeschichtliche Impressionen, für junge Kicker mag es reizvoll sein, die Gedanken eines Volkshelden aus einer anderen Zeit nachvollziehen zu können.

Das Buch trug bei seiner Erstveröffentlichung sicherlich ein wenig dazu bei eine Menge von den Stammtisch-Legenden um den Menschen Helmut Rahn zurechtzurücken, die umso mehr Blüten trieben, da Rahn sich selbst nach Ende seiner aktiven Laufbahn völlig aus der Öffentlichkeit zurückzog. Rahn galt bekanntermaßen von jeher als einer mit Ecken und Kanten: einer, der sich schwer damit tat sich im Mannschaftsgefüge unterzuordnen. Selbstdisziplin gehörte sicher nicht zu Rahns herausragenden Eigenschaften, er scherte sich nicht um irgendwelche Verhaltensregeln und Maßstäbe, die andere an ihn anlegten, er feierte die Feste wie sie fielen und nicht wie der Trainingsplan es erlaubte.
Aber er war wohl keiner, der aus Haltlosigkeit oder Depression dem Alkohol über Gebühr zugesprochen hätte, sondern einfach offen und empfänglich für Verlockungen des Dolce Vita und für ausgiebig gepflegte Geselligkeit im vertrauten Kreis. Alle die mit ihm zu tun gehabt hatten, zitierten immer wieder seine sprichwörtliche Lebenslust, seine Bodenhaftung und seine enge, nie verlorene Beziehung zu seinen Wurzeln.

Dennoch schaffte Helmut Rahn es, durch seinen flatterhaften Lebenswandel am Ende sogar seinen großen Ziehvater und Förderer Sepp Herberger derart zu verärgern, dass dieser sich endgültig von ihm abwandte und es bis zu Herbergers Tod zu keiner Versöhnung kam.

Rahn war wohl ganz einfach ein überdurchschnittlich guter Rechtsaußen mit ausgeprägter Individualität, einem draufgängerischen Temperament und einem Schuss Genialität – Tugenden, die einen überdurchschnittlichen, kreativen Spieler ausmachen. Er hat reichlich Tore geschossen, und vor allem eines, das in die Geschichte einging wie kaum ein anderes; ohne dieses Tor hätte der Mythos um seine Person nicht im Entferntesten solche Ausmaße angenommen, ohne dieses Tor wäre auch dieses Buch mit größter Wahrscheinlichkeit nie geschrieben worden.

Rahns Beschreibungen aus seinem Fußballerleben gewinnen ihren Charme durch ihre geradezu rührende und naive Einfachheit, ihre Direktheit, ihre Selbstbezogenheit und ihre praktisch ausschließliche Beschäftigung mit Fußball. Jeder Fußball spielende Junge findet sich darin wieder, wenn er Rahns Gedanken über Glücksgefühle beim Torerfolg oder Sorgen und Neid beim Kampf um einen Platz in der ersten Elf liest.

Interessant ist auch ein anderes Phänomen, das durch die parallele Lektüre einer anderen Selbstdarstellung eines heute noch aktiven Fußballhelden - des ihm phonetisch verwandten Oliver Kahn - besonders stark zutage tritt: So wesensverschieden diese beiden Persönlichkeiten zweifellos sind – in allererster Linie nicht weil der eine Tore schießen und der andere Tore verhindern muss(te), sondern primär aufgrund ihrer diametral unterschiedlichen Haltung zum Ehrgeiz – und so sehr sich das ganze Drumherum um den Fußball in den letzten 50 Jahren wahrlich geändert hat: wenn die beiden aber über das ureigentliche Spiel selbst schreiben, über Reaktionen in bestimmten Situationen auf dem Platz, über Ängste und Motivation vor dem Spiel, über das zermürbende Grübeln über eigene Fehler danach, über ihr Verhältnis zu Mitspielern, zu Gegenspielern, zum Ball, zum Trainer... dann sind sie sich doch sehr sehr nahe, sozusagen vereint bei der Essenz, dem zeitlosen Kern des Spiels.

Wer also dem Fußball nahe steht und von diesem Buch keine Wunderdinge und vor allem keine Erkenntnisse über den Fußball hinaus erwartet, der kann durchaus gut unterhalten werden mit diesem unspektakulären Bericht eines besonderen Fußballerlebens aus einer anderen Zeit.

Anselm Brakhage


Helmut Rahn: Mein Hobby: Tore schießen
Deutsche Verlagsanstalt 2004
Mit einem Nachwort von Klaus Brinkbäumer
Gebunden. 239 Seiten. 15,90 Euro.
ISBN 3-421-05836-9

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