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    TITEL kulturmagazin
    Montag, 22. Mai 2017 | 19:31

     

    Philip Roth: Shop-Talk

    17.05.2004

     

    Wo kommt ihr her, wo wollt ihr hin?


    In seinem Buch Shop Talk sind Arbeiten eines „anderen“ Philip Roth, der doch immer bei seiner Sache ist, erstmals auf deutsch erschienen.

     

    Wer den amerikanischen Autor Philip Roth bisher nur als herausragenden Erzähler großer Romane kannte – zuletzt Der menschliche Makel und Das sterbende Tier – kann ihn nun auch als Gesprächspartner von Kollegen wie Primo Levi, Ivan Klima, Isaac B. Singer oder Milan Kundera und als Essayisten (über Saul Bellow) kennenlernen.

    Dem wünschenswerten Faktum, dass Philip Roth offenbar an seinem nächsten umfangreichen Roman arbeitet – denn Das sterbende Tier (2003) war mit seinen 168 Seiten doch nur eine längere Erzählung oder Novelle –, verdanken wir die deutsche Publikation einer Reihe von Gesprächen und Essays, die der amerikanische Autor zwischen 1980 und 2000 geführt, geschrieben und an verschiedenen Orten veröffentlicht hat. Ähnlich wie bei Martin Walser scheint Roth ein Schriftsteller zu sein, der sich nackt fühlt, wenn er nicht jährlich wenigstens mit einem Buch in der literarischen Öffentlichkeit präsent ist. Shop Talk ist also ein „Lückenbüßer“ – und in mehrerlei Hinsicht ein merkwürdiges, eigenwilliges und selbstbezogenes Buch, wie es bei einem so stark von seinen wiederkehrenden Obsession bestimmten Autor nicht anders zu erwarten ist.

    Erinnerungen, Schlagabtäusche, Huldigungen

    Shop Talk (der Titel meinst nichts anderes als Fachsimpeln) versammelt Gespräche mit respektierten Kollegen wie Primo Levi, Aharon Appelfeld, Isaac Bashevis Singer und Edna O´Brien oder langjährigen Freunden wie den tschechischen Autoren Ivan Klima und Milan Kundera, einen Briefwechsel & Schlagabtausch mit Mary McCarthy, eine schöne, sympathetische Erinnerung an den amerikanischen Maler Philip Gaston, eine weniger glückliche an den Schrifttstellerkollegen Bernard Malamud und zuletzt eine Buch für Buch durchbuchstabierte Huldigung an den bewunderten Saul Bellow.

    Nur die Gespräche mit Singer und O´Brien scheinen redigierte Tonbandabschriften zu sein; die anderen sind gewissermaßen „synthetische“ Gespräche, Zusammenfassungen von längeren Gedankenaustauschen, bei denen manche der Autoren ihre Antworten auf Tschechisch, Hebräisch oder Französisch gegeben haben, die ins Englische übersetzt wurden. Dadurch geht natürlich zugunsten eines summarisch Konzentrierten das Kolloquiale verloren, etwas Akademisches kommt in diese Interviews, und auch der Übersetzer Bernhard Robben scheint nicht immer eine glückliche Hand bei seiner Arbeit gehabt zu haben.

    Dennoch: das Buch, das wohl den amerikanischen Schutzumschlag & Titel übernommen hat, ist hochinteressant, weil es uns nicht nur den Leser & Kritiker Philip Roth zeigt, sondern auch Blick auf Autoren eröffnet, die Dank der Interessensoptik des amerikanischen Autors Verborgenes artikulieren.

    Roth, der häufig seinen Gesprächen, die er in Turin und Jerusalem, in New York oder London geführt hat, eine kurze Einleitung über die Gesprächs-Umstände und die Wohn- und Lebensverhältnisse der Besuchten vorausschickt, schätzt zwar erkennbar seine Kollegen (von denen er nur die auf Englisch erschienenen Werke kennt), ist aber auch kritisch genug, auch seine persönlichen Wertungen zur Sprache zu bringen, was die wenigsten Autoren mögen. So ist durch seine Reserve für Malamuds späte Bücher die Freundschaft zu Bruch gegangen; aber der Kritik, die seine amerikanische Kollegin an einigen Passagen seines Romans „Gegenleben“ geäußert hat, pariert er souverän, indem er ihr mangelnde philologische Genauigkeit nachweist. Der scharfzüngigen amerikanischen Kollegin hatte der Anti-Antisemitismus in „Gegenleben“ missfallen, die Kritik am christlichen Weihnachtsfest missbehagt und sie hatte das fetischistische „Getue um die Beschneidung“ kritisiert. Roth, der möglicherweise in diesem Roman persönliche Erfahrungen mit den Verwandten seiner damaligen nichtjüdischen Frau Claire Bloom verarbeitet hat, relativiert die Eindrücke Mary MacCarthys, indem er sie seinem Alter-Ego-Helden Zuckermann zuschreibt, der – wie sein Autor – gerade nicht in jedem „Goi“, wie unter Juden alle Nichtjuden genannt werden, Antisemitismus unterstellt.

    Jüdische Identitäten

    Aber MacCarthys Überlegung, wonach „jeder jüdische Autor, der nichtjüdische Charaktere in seinen Werken auftreten lassen will, ein schreckliches Problem“ habe, wenn er davon ausginge, „daß ausnahmslos alle Nichtjuden Antisemiten“ seien, kehrt doch in dem Gespräch mit dem aus einer assimilierten Czernowitzer Familie stammenten Appelfeld wieder, dessen Eltern Deutsch sprachen und „deutsche Kultur geradezu inbrünstig verehrten“. Er überlebte den Holocaust als lange Zeit verwilderter Junge, der sich versteckt hielt. Appelfeld ist 1946 nach Israel gekommen und schreibt heute hebräisch, eine bewusste Entscheidung (wie die Isaac. B. Singers für das Jiddische).

    Philip Roth fragt, ein Jahr nach dem Briefwechsel mit McCarthy, seinen israelischen Gesprächspartner über dessen Goi-Vorstellungen und formuliert das ihn offenbar quälende Problem, wenn er sagt, dass „es unmöglich ist, etwas über die jüdische Imagination auszusagen, wenn man sich nicht jenen Ort genauer anschaut, den der Goi in der allgemeinen jüdischen Mythologie einnimmt“. Appelfeld spricht davon, dass „diese komplizierte Sache (...) von Generationen jüdischer Angst geprägt“ sei, die sich in dem „unterentwickelten Typus“ des Goi als Stereotyp verdichtet habe: „In der jüdischen Phantasie war er oft das befreite Geschöpf, das ohne alte Glaubensgebote oder soziale Verpflichtungen existierte, jemand, der ein natürliches Leben auf eigenem Grund und Boden führte. Der Holocaust hat den Lauf der jüdischen Imagination natürlich etwas geändert, und Neid wandelte sich in Mißtrauen“. Appelfeld beschreibt, dass er selbst Jahre brauchte, „um mich dem Juden in mir zu nähern“, weil er von Kind auf durch sein Elternhaus, in dem Jiddisch zu sprechen streng verboten war, eingeimpft bekam, dass „ alles Jüdische mit einem Makel behaftet war“ und sein Blick von den Eltern auf „die Schönheit“, „Kultiviertheit“ und „Natürlichkeit“ der Nichtjuden „gelenkt“ worden war. Die jiddisch im Stedl sprechenden Juden wurden verachtet. Erst mit der Überwindung des „gegen einen selbst gerichteten Antisemitismus“, dem sogenannten „Selbsthass“, der als ein Schuldgefühl die Entwicklung der assimilierten Juden – ob bürgerlich oder sozialistisch-kommunistisch – schattenhaft begleitete, wird der Goi zum negativen Stereotyp, zum bedrohlichen, primitiven, begriffstutzigen „Feind“.

    Doppelexistenzen

    Dass Philip Roth, dessen ganzes Oeuvre um die fragile Identität und um die Frage nach der Jüdischkeit als Differenz sich dreht, verfolgt diese Dialektik von jüdischer Imagination (für die gerade er immer wieder reklamiert wird) und Überschreitung ins Nichtjüdische auch aus persönlichsten Motiven. Deshalb ist er daran interessiert, wie andere jüdische Autoren in anderen kulturellen Milieus und Gesellschaften mit ihrer Doppelexistenz inside-out zurande kommen – wie z.B. der Auschwitz-Überlebende, der stille Chemiker und Italiener Primo Levi oder der sich bewusst für das Jiddisch entschieden habende Issac Bashevis Singer – während ja sein älterer polnischer Zeitgenosse Bruno Schulz so selbstverständlich polnisch schrieb wie der Tscheche Franz Kafka deutsch.

    Kafka (und später Bruno Schultz) sind für Philip Roth die herausragenden europäischen literarischen Ereignisse einer „jüdischen Imagination“ – und immer wieder kommt er in fast allen Gesprächen auf sie zurück. Weil er in den siebziger Jahren oft in Kafkas Prag war (bis man ihm die Einreise verweigerte und er mit Kurieren seine literarische Konterbande dorthin einschmuggeln musste), hat er sich mit Ivan Klima befreundet, der nach einem Lehrauftrag in den USA 1970 zurückging ins russisch besetzte Prag und nun, als ihn Roth nach der samtenen Revolution und während der Präsidentschaft Havels 1990 wieder besucht, ihn ausführlich über sein Leben in der Diktatur, die Situation der opportunistischen Intelligenz unterrichten kann. Philip Roth kann ihn hinwiederum nur vor dem „Diktat der totalen Unterhaltung“ warnen, das mit dem kommerziellen Fernsehen kommen und die Literatur marginalisieren wird.

    Das Gespräch mit Milan Kundera, über dessen Abwesenheit in seinem Geburtsland Roth ausführlich mit Klima spricht, fand zehn Jahre früher statt und ist schon historisch geworden, weil der exilierte Romancier sich dem Tschechischen derart entfremdet hat, dass er heute nur noch französisch schreibt, was zum Zeit des Gesprächs mit Roth nicht absehbar war. Interessant an dem Kundera-Gespräch ist jedoch dessen Befürchtung, die tschechische Nation könnte durch die sowjetrussische Okkupation „stillschweigend aus Europa getilgt“ werden. Das Gegenteil ist glücklicherweise der Fall; nur hat der zusammen mit Hrabal größte tschechische Autor sich von seiner Heimat radikal losgesagt: seine Bücher erscheinen dort nicht einmal mehr!

    Was bringt aber die Irin Edna O´Brien als einzige befragte weibliche Autorin in diese Sammlung von (bis auf Kundera) jüdischen Schrifstellern verschiedenartigsten jüdischen Selbstverständnisses – denn diesen nachzuspüren scheint der rote Faden, der die Gespräche und Essays aus einem Vierteljahrhundert verknüpft? Die bei uns – anders als in der angelsächsischen und romanischen Welt – nicht sonderlich bekannte, 1932 geborene Autorin hat Philip Roths Interesse gewiss aus zwei, drei Gründen gefunden: sie hat sich radikal von ihrer bigotten, brutalen und rückständigen Familie und Kindheit in Irland getrennt und lebte im Londoner „Exil“; sie hat eine literarische Vitalität offenbart, die ihn an den „Freistil“-Kampf (Roth) Saul Bellows mit Amerika erinnerte; und sie hat sich als selbstbewußte Frau sowohl persönlich als auch schreibend eine Freiheit, Frechheit und Erotik im sexuellen Kampf der Geschlechter erlaubt, die bis dato nur Domäne der Männer (und dort speziell die Philip Roths) war. Endlich eine freie Frau und nicht bloß eine (feministisch) befreite, mag er sich gedacht haben – und eine Kollegin, die ihm auf gleicher Augenhöhe begegnet.

    Wolfram Schütte


    Philip Roth: Shop-Talk. Ein Schriftsteller, seine Kollegen und ihr Werk.. Aus dem Amerikanischen von Bernhard Robben. Hanser Verlag. München 2004, 205 Seiten, 17.90 ¤

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