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Tristram Hunt: Friedrich Engels

23.11.2012

Vom großen Lama aus der Regent`s Park Road

Tristram Hunt widmet dem Schatten von Karl Marx, der selbst ernannten »zweiten Violine« des Marxismus, dem Industriellenerben Friedrich Engels eine Biografie. Der Mann, der den Marxismus erfand, soll von etwaiger Schwarz-Weiß-Malerei und Missdeutung befreit und sein Leben und Wirken in ein rechtes Licht gerückt werden. VIOLA STOCKER unternahm eine Zeitreise zur Geburtsstunde einer der einflussreichsten Ideologien unserer Zeit.

 

Tristram Hunt widmet sich im ersten Teil intensiv der Analyse des familiären Hintergrunds. Am 28.11.1820 wird dem rheinländischen Kaufmann Friedrich Engels ein Stammhalter geboren. Engels junior darf in einer liebenden Familie aufwachsen. Im Heimatort Barmen herrschen gottesfürchtige Philister. Als der junge Gymnasiast Engels sich der aufblühenden Romantik zuwendet, muss er das Gymnasium vorzeitig verlassen, der Traum vom Jurastudium zerplatzt und stattdessen folgt eine Handelslehre im väterlichen Unternehmen.

 

Der Bürgerschreck aus Wuppertal

Zitate aus Briefen, Fotos und sogar Zeichnungen lockern den Schreibstil auf, den Hunt geistreich, jedoch wissenschaftlich korrekt hält. Während Engels' Ausbildung zum Kaufmann in Bremen, genießt jener die gesellschaftlichen Vorzüge seines Lebens und beginnt sich gleichzeitig vom Romantiker zum Liberalen zu wandeln. Unter einem Pseudonym veröffentlicht er in entsprechenden Zeitungen.

 

Als Engels bald darauf in Berlin weilt, um seinen Militärdienst abzuleisten und als Gasthörer Philosophievorlesungen besucht, entdeckt er die Dialektik als konstruktives System. In Berlin lernt er auch Karl Marx, »den schwarzen Kerl aus Trier« kennen. Später wird er für dessen Rheinische Zeitung als Journalist arbeiten. Um seinen Sohn nach dessen Rückkehr aus Berlin wieder auf gutbürgerliche Gedanken zu bringen, schickt Engels senior ihn nach Manchester zur Partnerfirma Ermen & Engels ohne zu ahnen, dass hier dessen Konversion vom Rebellen zum Kommunisten stattfinden würde.

 

Unruhige Zeiten für einen unruhigen Geist

In Paris engagiert Engels sich für den Aufbau einer sozialistischen Organisation und schreckt auch vor unlauteren Mitteln nicht zurück, um seine Interessen durchzusetzen. Dieser objektive Hinweis auf die unguten diktatorischen Anlagen im Marxismus könnte vor allem postmodernen Salonkommunisten schwer im Magen liegen, nachdem nach den stalinistischen Schrecken der Marxismus oft pauschal von jedweden negativen Effekten freigesprochen wurde.

 

1848 bricht eine Revolution in Paris aus, die sich auf Europa ausbreiten wird. Marx und Engels berichten darüber in der Neuen Rheinischen Zeitung und stehen als Kommunisten unter der Beobachtung der preußischen Sicherheitsbehörden. Kurzzeitig besetzt Engels sogar das Rathaus seiner Heimatstadt Barmen und schließt sich später der Rebellenarmee unter August von Willich an. Nach dem Scheitern der Revolution von 1848 verlassen Marx und Engels Deutschland und gehen wieder nach England.

 

Frondienst und Feierabendrevolution

Zwischen 1850 und 1870 arbeitet Engels abermals im elterlichen Unternehmen. Für die Unterstützung von Marx gibt Engels den Großteil seines Einkommens aus. Er wahrt die Fassade des gutbürgerlichen Fabrikanten, doch die Doppelbelastung wird ihn oft nahe dem Zusammenbruch bringen. Zudem versucht Engels vermehrt, die Kommunistische Partei zu kontrollieren und ideologische Abweichler vom marx'schen Kurs verstärkt mundtot zu machen.

 

Engels' journalistische Nebentätigkeiten, auch als Kriegsberichterstatter, zum Beispiel für die New York Daily Tribune, die Pall Mall Gazette oder die New American Cyclopaedia von Charles Dana, für die er mit Marx gemeinsam Artikel schreibt, geben ihm die positive Rückkoppelung, die er braucht. Außerdem arbeitet er Marx mit vielen empirischen Details für dessen Opus Magnum, das Kapital, zu und schreibt 1850 Der deutsche Bauernkrieg. Auch in einem anderen Ereignis erwies sich Engels als Retter in der Not: als Marx mit seiner Haushälterin Helene Demuth den unehelichen Henry Frederick Demuth zeugte, fungiert Engels inoffiziell als Vater, um ein Zerwürfnis in der Marx'schen Familie zu verhindern.

 

Ein Leben für die Dialektik

Tristram Hunt zeichnet ein sehr menschliches Bild von Engels. Seit 1862 beginnt dieser zu vereinsamen, es sterben die Schwestern Burns, 1881 folgt ihnen Jenny Marx, deren Tochter Jenny verstirbt 1883, im selben Jahr segnet auch Marx das Zeitliche. Engels konzentriert sich fortan auf Marx' Vermächtnis, er gibt seine Schriften heraus, schützt den Marxismus vor Verwässerung und hält in Europa alle politischen Fäden der Partei in der Hand. Am Abend des 5. August 1895 aber erliegt Engels einem Kehlkopfkrebs.

 

Wir nehmen die Person Engels vorwiegend durch die Rezeption seiner Schriften wahr. Seine Nüchternheit und Klarheit machen Engels' Werk zur idealen Grundlage für Lenin und Stalin, die von Anfang an eine dogmatische Auffassung von Marx' und Engels' Thesen hatten, die Engels derart eindimensional nie vertrat. Engels als pragmatischen Politiker seiner Zeit und als großzügigen Menschen darzustellen, ist das wesentliche Verdienst von Tristram Hunts umfangreicher und unterhaltsamer Biographie.

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