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Salman Rushdie: Joseph Anton

02.11.2012

Bewegendes Zeugnis

Zehn Jahre währte die Fatwa, das Todesurteil, welches der iranische Ayatollah Khomeini über Salman Rushdie verhängt hatte. Zehn Jahre lebte der indisch-britische Schriftsteller aus Angst, Opfer eines Attentats zu werden, im Verborgenen, ohne einen festen Lebensmittelpunkt, auf Schritt und Tritt bewacht von vier schwer bewaffneten Polizeileuten. Zehn Jahre, die er zu einer Autobiografie verarbeitet hat. In Joseph Anton berichtet der große Erzähler Salman Rushdie über seine Zeit im Exil. Von MARC STROTMANN

 

Vergangenheit wiederholt sich, so mag es zumindest Salman Rushdie in diesem September vorgekommen sein. Ein Aufschrei ging durch die arabische Welt, ein unwürdiger Schmähfilm über den Propheten Mohammed, ohne jeglichen künstlerischen Wert, der vielmehr lächerliche Züge annimmt, trieb wütende Muslime in Kairo, Sanaa, Islamabad und zahlreichen weiteren Städten auf die Straße. Brennende Flaggen, wütende Proteste, Gewalt – der Zorn vieler Islamisten entlud sich auf beängstigende Weise. Die westliche Welt war schockiert, US-Außenministerin Hilary Clinton verurteilte den provozierenden Film, betonte gleichzeitig das Recht auf Meinungs- und Pressefreiheit. Eine Diskussion begann, auch hierzulande wurde debattiert: Gehört ein Werk, welches eine Religion kritisiert und provoziert, verboten? Gefährdet ein solches Verbot das Recht auf freie Meinungsäußerung? Darf eine Meinungsäußerung so weit gehen, dass sie die Gefühle einer anderen Kultur verletzt? Oder wäre damit eine Grenze erreicht, die nicht überschritten werden darf?

 

Salman Rushdie hätte keinen besseren Zeitpunkt für die Veröffentlichung seiner Autobiografie Joseph Anton finden können. Vor mehr als 20 Jahren waren es Die satanischen Verse, die die Wut der Muslime auf sich zogen. Es glich einer Initialzündung eines gewaltsamen, fundamentalistischen Islams, der gegen den blasphemischen Westen in den Kampf zieht. Rushdie diente als Symbolfigur der gottlosen Staaten. Joseph Anton schildert die Ereignisse und erzählt vom langen Weg, den Salman Rushdie gegangen ist, um seine Freiheit wieder zu erlangen und vom Kampf, der heute noch immer nicht gewonnen scheint, der Kampf um das Recht auf freie Meinungsäußerung.

 

Salman Rushdie wird Joseph Anton

Einige Überlieferungen aus dem Leben Mohammeds erzählen folgende Begebenheit: Als der Prophet ein weiteres Mal vom Berg Hira hinabsteigt und den Erzengel Gabriel rezitiert, huldigte er den Göttinnen al-Lat, al-Uzza und al-Manat. Diesen drei Göttinnen zu Ehren wurden im vorislamischen Mekka Opfergaben gebracht, die für die Entwicklung der Stadt eine prägnante Rolle spielten. Laut historischen Zeugnissen war es ein Anliegen Mohammeds, seinen Einfluss zu vergrößern, als Schachzug diente jene Sure 53, die den obersten Herren Mekkas gefiel. Nur kurze Zeit später kam der Prophet erneut den Berg herunter und gab Kund, der Teufel habe ihn getäuscht, er sei in als Erzengel erschienen und habe ihm die satanischen Verse der Sure 53 eingeflüstert.

 

1988 veröffentlicht Salman Rushdie seinen dritten großen Roman Die satanischen Versen, in dessen Verlauf zwei indische Moslems nach einer Flugzeugexplosion dem irrtümlichen Glauben verfallen, sie seien Tod und wiedergeboren. Am Rande werden auch Ausschnitte des Lebens Mohammeds, wenn auch unter einem fiktiven Namen, wiedergegeben. Die vom Teufel auferlegten satanischen Verse dienen als Symbol für die menschliche Seite des Propheten, der sich schlussendlich zu seiner Überzeugung bekennt. Rushdie sieht darin eine Respektsbekundung für den Propheten, viele Muslime Blasphemie.

 

Das Echo, welches Den satanischen Versen nachhallt, ist ein Wutschrei der islamischen Welt, der Rushdie entsetzt. Er wird zum Teufel deklariert, als Ungläubiger, der den Islam verspottet, als Provokateur beschimpft, der nur Aufmerksamkeit erregen will. Der Zorn kumuliert am 14. Februar 1989 in der vom iranischen Ayatollah Khomeini ausgesprochenen Fatwa. Er gibt die Ermordung Rushdies für ein beträchtliches Kopfgeld in Auftrag. Khomeini ist zu diesem Zeitpunkt bereits schwer krank und politisch geschwächt. Die Fatwa ist mehr ein Instrument politischer Mobilisierung als verletzter religiöser Gefühle.

 

Was folgt, sind Jahre des Versteckens. Rushdie wird als von einer anderen Nation bedrohter britischer Staatsbürger durch eine Spezialeinheit geschützt, zur Tarnung heißt er fortan Joseph Anton. Er verliert das kostbare Gut, frei über sein Leben entscheiden zu können, jede Handlung muss mit den Sicherheitsleuten abgesprochen werden. Ein Leben ohne persönlichen Fluchtpunkt, wie ein Nomade zieht Rushdie mit seinem Gefolge aus Polizeileuten umher, kommt immer wieder bei Freunden unter. Die Affäre Rushdie gerät über die Jahre zum Politikum, gar zum Mittelpunkt diplomatischer Verhandlungen. Der Autor selbst möchte sein Buch und dessen Inhalt nicht zurückziehen und bringt im Kampf für die künstlerische Freiheit das Opfer, die eigene Autonomie einzubüßen.

 

Was gesagt werden muss

Viel wurde in den deutschen Feuilletons im Vorfeld von Joseph Anton geschrieben. Selten ging es um das Buch selbst, immer stand die Person Rushdie im Vordergrund, der einen wahren Interviewmarathon hinlegte. Es hatte sich einiges angestaut in ihm, der sich in seiner Autobiografie sein Innenleben von der Seele schreibt, das Geschehene verarbeitet. So verkommt Joseph Anton zum Teil zu einer Danksagung für seine Freunde, die ihm während der Fatwa Heim und Herz schenkten, gleichzeitig zu einer Abrechnung seiner Kritiker, die ihm Arroganz und Intoleranz vorwarfen. So hat das Buch einige Längen, über die auch der schwarze Humor Rushdies nicht hinwegtäuschen kann.

 

Rushdie wollte sich nie für sein Buch entschuldigen, eine Religion müsse auch Kritik vertragen. Er ist ein begnadeter Erzähler, seine Sprache ist voll von Fantasie, sie ist lebendig und einfallsreich. Dessen ist sich Rushdie durchaus bewusst, der die Rolle des charismatischen Intellektuellen perfekt zu inszenieren versteht und an so mancher Stelle kommt Zweifel auf, ob es ihm wirklich immer um das Recht auf Meinungsfreiheit ging, das er leidenschaftlich zu verteidigen gedachte – und nicht viel mehr seine gekränkte Eitelkeit. Joseph Anton erzählt die Geschehnisse aus der dritten Person, doch Rushdie gelingt es nicht, das eigene Handeln kritisch zu reflektieren. Die versuchte Distanz ist vielmehr ein Deckmantel, der versucht die Selbstverliebtheit des Schriftstellers zu verschleiern.

 

Trotz dieser Schwächen ist Joseph Anton absolut lesenswert. Rushdies Sprachgewalt kommt gerade dann zum Tragen, wenn der Autor über die Verzweiflung seiner Isolation schreibt, über die zermürbende Gefangenschaft in seinem goldenen Käfig und die Ungewissheit darüber, ob er sich je wieder frei bewegen könne. Gleichzeitig ist ihm ein bewegendes, zeitgeschichtliches Zeugnis gelungen, welches eine hohe Aktualität besitzt, da der Konflikt zwischen der islamischen und westlichen Welt noch immer tobt, heftiger denn je.

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