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Landolf Scherzer: Madame Zhou und der Fahrradfriseur

22.06.2012

»Mit der Zeit wirst du alles begreifen«

Landolf Scherzer ist immer unterwegs. In den 90er Jahren hatte es ihm die alte deutsch-deutsche Grenze angetan. Dann ging er zu Fuß durch Europas Osten. Und nun hat er gar das ferne China erkundet – mit verblüffenden Erkenntnissen für sich und seine Leser in Madame Zhou und der Fahrradfriseur. Auf den Spuren des chinesischen Wunders. Von DIETMAR JACOBSEN

 

Vor vier Jahren, im Juni 2008, hat der Berliner Autor Tilman Rammstedt beim Ingeborg-Bachmann-Preis mit seinem Roman Der Kaiser von China kräftig abgeräumt. Allein was sein Held, Keith Stapperpfennig, gemeinsam mit dem Großvater im Reich der Mitte erlebte und in zehn Briefen nach Deutschland meldete, war durch die Bank erfunden. In Wahrheit hatte es der Alte nicht weiter als bis in den Westerwald geschafft. Sein Enkel schrieb die verrückt-poetischen Reiseabenteuer des Duos gleich von zuhause aus.

 

Dem Thüringer Schiftsteller-Reporter Landolf Scherzer (Jahrgang 1941) wollen wir solches nicht unterstellen. Auch wenn er aus China berichtet, dass die Menschen dort gerne rückwärts laufen und es Fahrradfahrern verboten ist, ihr Licht zu benutzen – sie könnten ja die Automobilisten blenden. Nein, Scherzer war tatsächlich da, wo die kommunistische Realität 20 Jahre nach ihrem Scheitern auf dem europäischen Kontinent immer noch behauptet wird, auch wenn Idee und Lebenswirklichkeit gewaltig auseinanderklaffen. Und er hat genau hingesehen und zugehört. 

 

Mit einfachen Fragen durch ein kompliziertes Land

»Madame Zhou und der Fahrradfriseur« ist das Resultat der mit allen Sinnen erfahrenen Reise in ein Land, über dessen Menschen und deren Sitten und Gebräuche man sich auch nach einem mehrwöchigen Aufenthalt noch wundern kann. Das Mosaik der empfangenen Eindrücke bringt Scherzer seinen Lesern nahe, indem er ihnen mit der Zeitform des Präsens das Gefühl vermittelt, bei jedem seiner Schritte durch die fremde Welt unmittelbar dabeizusein. Und so schaut man dem Reisenden über die Schulter, wenn er seine ersten Erfahrungen macht mit der Mentalität eines Volkes, in der (philosophisch grundierte) Geduld, höfliche Distanziertheit und ein die Gegensätze abwägendes Denken die bestimmenden Faktoren darstellen. Man staunt mit ihm gemeinsam über das von einem Millionen-Wanderarbeiter-Heer aus dem Boden gestampfte Wirtschaftswunder, das nur Wachstum zu kennen scheint, symbolisiert durch die täglich in die Höhe schießenden Glas- und Stahlpaläste, denen ganze Wohnviertel zu weichen haben. Und man begegnet mit ihm zusammen einfachen Menschen und deren Geschichten, verhaftet einer jahrtausendealten Tradition, die mit dem Tempo der Moderne nur allzu oft in Konflikt gerät.

 

»Mit der Zeit wirst du alles begreifen«, ist die stereotype Reaktion von Freunden und Fremden auf Scherzers Staunen – aber natürlich sind ein paar Wochen viel zu wenig Zeit, um das Andersartige der chinesischen Welt vollkommen zu durchdringen, auch wenn Scherzer sich keineswegs nur an den Orten aufhält, wo China den Touristen seine exotische Schokoladenseite zeigt.

 

In 19 Kapitel hat der Autor seinen Reisebericht unterteilt. Achtzehn von ihnen sind so genannte »Spickzettel« nachgestellt. Sie dokumentieren, mit welchen Gefühlen Schüler der Deutschen Schule in Peking ihrem gegenwärtigen Leben und der Zukunft gegenüberstehen, was sie für das Land, dem jeder einzelne von ihnen große Sympathien entgegenbringt, erhoffen und in welchen Punkten sich ihrer Meinung nach China und Deutschland heute unterscheiden. Scherzer hat die jungen Menschen bei einer Lesung in ihrer Schule kennengelernt und sie um Auskünfte gebeten. Im Spektrum ihrer Antworten nimmt etwas Gestalt an, was mit dem Begriff »Globalisierung« wahrscheinlich nur unzureichend beschrieben ist. 

 

Landolf Scherzer
Foto: privat Landolf Scherzer
Foto: privat

»Man lernt eine fremde Stadt ... nur durch ihre Menschen kennen.«

Überhaupt die Fragen. Sie sind Landolf Scherzers Mittel, alles ihm Fremde und Ungewohnte – und davon gibt es mehr als genug auf dieser Reise – nah an sich heranzuholen, es für sich selbst und seine Leser zu entdecken. Oft hat er es dabei gar nicht so leicht mit seiner Neugier, stößt auf Verschlossenheit, Unverständnis, gelegentlich auch Scham. Doch letzten Endes gibt man ihm auf sein hartnäckiges Insistieren irgendwann doch noch die Antworten, auf die er brennt.

 

Dabei erweist es sich, dass der Stolz auf ein Land, das sich offensichtlich auf der Überholspur befindet, obwohl es noch lange nicht jede und jeder Einzelne auch am eigenen Schicksal spüren kann, die meisten der Befragten eint. Natürlich gibt es Probleme, bekommt der Fragesteller zu hören, natürlich existieren auch Ungerechtigkeiten, Beschneidungen der Freiheit, die die westlichen Medien dann nur allzu schnell aufgreifen. Aber wo ein Milliardenvolk auf dem Weg in die Zukunft ist, kann nicht alles so reibungslos demokratisch funktionieren wie in der im Vergleich ach so kleinen Bundesrepublik.

 

Vom DDR-Militärattaché zum Pekinger Wurstproduzenten

Von besonderem Interesse sind übrigens die Erlebnisse des Reisenden mit all jenen Deutschen, die in der chinesischen Diaspora ein neues Glück oder doch wenigstens etwas gefunden haben, das nach einer Zeit der Orientierungslosigkeit wieder Sinn verheißt. Scherzers Gastgeber, der sächsische Unternehmensberater Klaus Schmuck, einst im DDR-Außenhandelsministerium beschäftigt, sowie Steffen Schindler, der letzte Militärattaché der DDR in China, der sich nach der Wende ein ganz neues Leben als Wurstmacher in Peking aufgebaut hat, sind dabei jene zwei Personen, deren Leben die spektakulärsten Salti geschlagen haben.

 

Und was hat es mit Madame Zhou und dem sein Geschäft auf dem Fahrrad immer mit sich führenden Friseur auf sich, die der Autor in den Titel seines Buches gehoben hat? Sie zählen zu jenen Menschen, denen Scherzers besondere Aufmerksamkeit gilt, wohin immer er auch kommt. Machtlos im Großen, tun sie an ihrem Platz im Leben doch weit mehr, als nur die eigene Existenz zu sichern, und geben damit anderen Kraft. Um die Rechte der Wanderarbeiter kümmert sich zum Beispiel die vom Dorf kommende Hua Zhou. Bei einem Unfall hat sie die rechte Hand verloren. Jetzt schreibt sie mit der linken und besucht juristische Seminare, um jene zu beraten, die mit ihrer Hände Arbeit das chinesische Wunder aus der Erde stampfen. Zusammen mit einem Journalisten arbeitet sie an einem Buch über jenes Millionenheer, dem nicht nur ein angemessener Lohn, sondern auch soziale Betreuung und Bildung vorenthalten werden. Und sie weiß, dass es inzwischen viele Möglichkeiten gibt, die Öffentlichkeit zu erreichen mit den Berichten von Männern, Frauen und Kindern, deren gegenwärtiges Leben sich noch gewaltig unterscheidet von den Visionen, die das offizielle China propagiert. 

 

 

Lesung

Ranis: Literatur- und Kunstburg Ranis

24. Juni ab 14.30 Uhr

weitere Lese-Termine auf der Verlagsseite

 

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