Eine Million Sesterzen – dieses Vermögen musste ein freier Mann mindestens aufbringen, um Senator werden zu können. Für einen Ritter waren es 400.000 Sesterzen. Sagenhafte Summen, die die Spitze des römischen Reichs von den, wie Robert Knapp sie beschreibt, »gewöhnlichen« Menschen trennte. »Die Römer selbst beschrieben diesen scharfen Bruch zwischen Elite und Nicht-Elite im sozioökonomischen Bereich: Die Schwerreichen nannten sie honestiores (die Ehrenwerteren), den Rest der Freien humiliores (die Geringeren).« Dieser Rest umfasste 99,5 Prozent der Bevölkerung. Auch bei Hinzurechnung der lokalen Eliten der Provinzstädte ergeben Schätzungen, dass sich wohl mindestens 80 Prozent des Gesamtvermögens in den Händen der Elite befanden. Die Gesellschaft des römischen Kaiserreichs war streng hierarchisch organisiert. Die Verteidigung der Ehre jedes Einzelnen war von enormer Wichtigkeit, besonders, da eindeutige Merkmale einer Zuordnung zu einer gesellschaftlichen Gruppe fehlten. Selbst Sklaven waren in der Öffentlichkeit nicht unmittelbar zu erkennen.
Über die größte Gruppe – die Freien, Sklaven, Frauen und die Gesetzlosen – wissen wir oftmals nur durch die Elite. Eine Neubewertung der Literatur der Eliten tue Not, glaubt Knapp. Dazu erschließt er Quellen direkt aus der Bevölkerung wie Grabinschriften, Briefe, Tagebücher und private Dokumente. So erhalten die Unsichtbaren des römischen Kaiserreichs, von den Kaisern Augustus bis Konstantin, mit diesem Buch eine Stimme. Die Elite des Kaiserreichs mokierte sich über diejenigen, die für ihren Lebensunterhalt arbeiten mussten. Konträr dazu steht das Selbstbildnis der Kaufleute, Händler und Handwerker: Grabinschriften belegen den Stolz auf ihren Beruf, bei Freien ebenso wie bei Sklaven. Knapp zeigt, dass die leicht aus den Quellen der Elite herauszulesende Botschaft von der Geringschätzung der Arbeit revidiert werden muss. Die Inhalte der Geschichtsschreibung der großen Männer – Kriege, Katastrophen und militärische Manöver – plagten die »gewöhnlichen« Menschen laut Knapp nicht. Ihnen ging es vielmehr um ihr schlichtes Überleben: »Dass die Angst vor Arbeitslosigkeit so oft auftaucht, weist darauf hin, dass in der römischen Normalbevölkerung viele Männer ohne Arbeit oder nur unzureichend oder in Teilzeit beschäftigt waren.«