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    Samstag, 22. Juli 2017 | 22:54

    Robert Knapp: Römer im Schatten der Geschichte

    29.06.2012

    Den Unsichtbaren eine Stimme

    Der Althistoriker Robert Knapp räumt gründlich mit gängigen Vorurteilen über das Römische Reich auf. Römer im Schatten der Geschichte. Gladiatoren, Prostituierte, Soldaten: Männer und Frauen im Römischen Reich beleuchtet das Alltagsleben in Rom – fernab von Glanz, Pomp und Dekadenz der römischen Oberschicht. Von JULIA MÜLLER

     

    Eine Million Sesterzen – dieses Vermögen musste ein freier Mann mindestens aufbringen, um Senator werden zu können. Für einen Ritter waren es 400.000 Sesterzen. Sagenhafte Summen, die die Spitze des römischen Reichs von den, wie Robert Knapp sie beschreibt, »gewöhnlichen« Menschen trennte. »Die Römer selbst beschrieben diesen scharfen Bruch zwischen Elite und Nicht-Elite im sozioökonomischen Bereich: Die Schwerreichen nannten sie honestiores (die Ehrenwerteren), den Rest der Freien humiliores (die Geringeren).« Dieser Rest umfasste 99,5 Prozent der Bevölkerung. Auch bei Hinzurechnung der lokalen Eliten der Provinzstädte ergeben Schätzungen, dass sich wohl mindestens 80 Prozent des Gesamtvermögens in den Händen der Elite befanden. Die Gesellschaft des römischen Kaiserreichs war streng hierarchisch organisiert. Die Verteidigung der Ehre jedes Einzelnen war von enormer Wichtigkeit, besonders, da eindeutige Merkmale einer Zuordnung zu einer gesellschaftlichen Gruppe fehlten. Selbst Sklaven waren in der Öffentlichkeit nicht unmittelbar zu erkennen.

     

    Über die größte Gruppe – die Freien, Sklaven, Frauen und die Gesetzlosen – wissen wir oftmals nur durch die Elite. Eine Neubewertung der Literatur der Eliten tue Not, glaubt Knapp. Dazu erschließt er Quellen direkt aus der Bevölkerung wie Grabinschriften, Briefe, Tagebücher und private Dokumente. So erhalten die Unsichtbaren des römischen Kaiserreichs, von den Kaisern Augustus bis Konstantin, mit diesem Buch eine Stimme. Die Elite des Kaiserreichs mokierte sich über diejenigen, die für ihren Lebensunterhalt arbeiten mussten. Konträr dazu steht das Selbstbildnis der Kaufleute, Händler und Handwerker: Grabinschriften belegen den Stolz auf ihren Beruf, bei Freien ebenso wie bei Sklaven. Knapp zeigt, dass die leicht aus den Quellen der Elite herauszulesende Botschaft von der Geringschätzung der Arbeit revidiert werden muss. Die Inhalte der Geschichtsschreibung der großen Männer – Kriege, Katastrophen und militärische Manöver – plagten die »gewöhnlichen« Menschen laut Knapp nicht. Ihnen ging es vielmehr um ihr schlichtes Überleben: »Dass die Angst vor Arbeitslosigkeit so oft auftaucht, weist darauf hin, dass in der römischen Normalbevölkerung viele Männer ohne Arbeit oder nur unzureichend oder in Teilzeit beschäftigt waren.«

     

    Robert Knapp
Foto: Profile Books Robert Knapp
    Foto: Profile Books

    Parallelgesellschaft außerhalb des Rechtssystems

    In den einzelnen Kapiteln verdeutlicht Knapp die streng hierarchische Struktur der römischen Gesellschaft. Der Autor betont, dass es den einzelnen Gruppen nicht darum ging, die Gesellschaftsstruktur an sich zu ändern: Die Herrschaft der Elite wurde nicht infrage gestellt. Einzige Ausnahme bildet die Gruppe der Gesetzlosen von Banditen und Piraten. Auch Soldaten plünderten und raubten, allerdings taten sie dies im Rahmen des Gesetzes, toleriert und sogar angespornt von der römischen Elite. Allerdings ging die römische Obrigkeit lediglich mit ad-hoc-Maßnahmen gegen die Gesetzlosen vor. Knapp: »Es ist einer der interessantesten Aspekte der Beziehung zwischen den Gesetzlosen und der Obrigkeit, dass nie auch nur versucht wurde, der Gesetzlosigkeit an sich ein Ende zu machen.« Knapp beschreibt eindringlich die egalitäre Gesinnung der Gesetzlosen, schließlich waren diese aus den festen gesellschaftlichen Strukturen ausgebrochen. Daher sieht der Autor in dieser Gruppe die einzig echte Alternative an gesellschaftlichem Leben in der römischen Kaiserzeit.

     

    Knapps Ansatz ist erfrischend und räumt mit Vorurteilen über das angeblich so komfortable Leben in Rom auf: Die römischen Badeanstalten sind berühmt und werden als Glanzleistung der römischen Zivilisation gelobt. Knapp beschreibt sie aufgrund katastrophaler hygienischer Zustände als einen Ort zur Übertragung von Krankheiten. Abbildungen illustrieren die Welt der Protagonisten dieses Buchs und lassen den Alltag der Männer und Frauen lebendig werden. Dass seine relativ freie Interpretation der Quellen bei Historikern Kopfschütteln auslösen mag, räumt Knapp freimütig ein. Belohnt werden wir allerdings mit einer gut lesbaren Studie über römisches Alltagsleben, der es nicht an Anmerkungen zu den Quellen und Literaturhinweisen im Anhang mangelt.

     

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