Chaotische Zeit
Das ist leider nicht das einzige Problem. Der italienischen politischen Geschichte des 14. Jahrhunderts fehlen die großen Themen. Der hochmittelalterliche Dauerkonflikt Kaiser-Papst hatte an Relevanz verloren, der Kampf um die Vormachtstellung Mailands, das beherrschende Thema des 15. Jahrhunderts, hatte noch nicht eingesetzt. Stattdessen war die Zeit erfüllt von zahllosen Kleinkonflikten und raschen, chaotisch anmutenden Bündniswechseln, die auch Spezialisten oft nur schwer in größere Zusammenhänge einordnen können.
Muss man sich, wie im Fall Neapels wegen der Zerstörung des Staatsarchivs, fast allein auf Chroniken verlassen, verschärft sich das Problem weiter. Goldstone tut ihr Bestes, kommt aber gegen ein derartiges Strukturdefizit nicht an. Ihr Buch bildet zu viele der genannten Kleinkonflikte einfach ab, was die Lektüre oft ermüdend macht. Der grundsätzliche Quellenmangel – ausgelöst übrigens durch die von einem Wehrmachtsoffizier angeordnete Brandstiftung am Staatsarchiv 1943 – macht es auch schwierig, Johannas Innenpolitik abseits von der Herrschaftssicherung auszumachen. Die Person Johannas verschwindet so irgendwo hinter Frömmigkeit, Politik und formelhaften Briefen, ein Problem, das sie mit anderen mittelalterlichen Herrscher teilt.
Der Verlag hat das Buch äußerlich aufgemacht wie einen der gegenwärtig so beliebten »historischen« Romane mit dem üblichen lieblichen Frauenbild auf dem Umschlag (ein Fantasieporträt Johannas von 1842!) und der notorischen weiblichen Protagonistin im Titel. Die harten, oft wenig erbaulichen Fakten in Johannas Leben werden aber wohl alle diejenigen enttäuschen, die diese Art von neoromantischer Unterhaltungsliteratur bevorzugen.
Autorin oder Übersetzer standen kurioserweise mit den lateinischen Ordnungszahlen vieler Monarchen auf Kriegsfuß (Papst Bonifaz VI. ist tatsächlich VIII., Johannes XX. ist XXII., Eduard II. von England ist III. usw.). Die dem US-Original beigegebenen Quellentexte wurden weggelassen – natürlich, möchte man fast sagen. Wird ein deutscher Verlag irgendwann einmal auf diese Art der Gängelei seiner Leser verzichten?