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Nancy Goldstone: Königin unter Königen

25.05.2012

Lämmer in der Obhut von Wölfen

Das europäische Mittelalter war nicht gut zu Frauen – zumindest wenn wir heutige Kriterien anlegen. In jedem Fall aber war es eine schlechte Zeit für die wenigen Frauen in Führungspositionen, die es überhaupt gab. Die US-amerikanische Schriftstellerin Nancy Goldstone präsentiert mit Königin unter Königen eine besonders unglückliche Vertreterin weiblicher Herrschaft im Mittelalter. Von PETER BLASTENBREI

 

Königin Johanna I. (Giovanna) von Neapel (1343-1381) ist gewiss eine der unbekanntesten europäischen Monarchinnen aller Zeiten. Es ist also an sich schon verdienstvoll, sie für ein größeres Publikum der Vergessenheit entrissen zu haben. Abenteuerlich genug für eine Biografie war ihr Leben allemal. In den ersten zehn Jahren ihrer Regierung erlebte sie die Ermordung ihres Ehemannes, eine öffentliche Mordanklage deswegen gegen sie selbst, einen mehrjährigen Bürgerkrieg, die Schwarze Pest von 1348/49, eine ungarische Invasion und schließlich ihre Flucht in die Provence vor ihren Feinden.

 

Die Königin hatte während ihrer gesamten Regierungszeit gegen schier übermächtige Widerstände zu kämpfen, die nur teilweise mit ihrem Geschlecht zusammenhingen. Johannas Großvater und Vorgänger König Robert war schon in einem umstrittenen Verfahren auf den Thron gekommen, und sein Testament zugunsten Johannas war alles andere als klar und einwandfrei abgefasst. Bei seinem Tod hinterließ er seiner Enkelin ein Reich, auf das mehrere Nebenlinien Ansprüche erhoben, das in einen Dauerkrieg um Sizilien verwickelt war und das sich im wirtschaftlichen Abschwung befand. Johanna selbst gelang es in vier Ehen nicht, für einen lebenden Nachfolger zu sorgen – das hätte auch die Herrschaft eines männlichen Fürsten in Gefahr gebracht.

 

Die unglückliche Königin

Was sie aber schließlich Thron und Leben kostete, nachdem sie in den 1360er und 1370er Jahren ihre Herrschaft durch lange Regierungspraxis konsolidiert hatte, war eine einzige, nicht voraussehbare Fehlentscheidung. Beim Ausbruch der Kirchenspaltung von 1378 (mit zwei Päpsten gleichzeitig) entschied sie sich für Clemens VII. Pech für sie, denn ihr ungarischer Vetter und Rivale, eifriger Parteigänger des in Italien (und Neapel) dominierenden Urban VI., hatte damit den Vorwand für eine neue Invasion in Süditalien und den entscheidenden Rückhalt bei seinem Papst, der zugleich Lehensherr Neapels war.

 

Aufmerksamen Leserinnen und Lesern wird nicht entgehen, dass in dem Kapitel Königliche Lehrzeit weniger von Johannas Vorbereitung auf ihre künftige Herrschaft die Rede ist als von adligen Vergnügungen ihrer Zeit. Doch bereits italienische Zeitgenossen kritisierten durchaus die Konzentration ihrer Erziehung auf Frömmigkeit, Sittsamkeit und Handarbeiten statt auf Politik und Diplomatie. Dass ein solches Kernproblem von Johannas Ausbildung hier fehlt, beleuchtet ein Dilemma der Autorin. Nancy Goldstone liest nach eigenem Bekunden nur Englisch. Sicher, sie hatte sprachkundige Helfer für Französisch, Lateinisch und Italienisch, denen sie im Nachwort dankt. So ein Verfahren bleibt dennoch immer ein Drahtseilakt, der hier mit dem Verzicht auf nicht ganz unwichtige Details erkauft wird.

 

Nancy Goldstone
Foto: Bloomsbury Nancy Goldstone
Foto: Bloomsbury

Chaotische Zeit

Das ist leider nicht das einzige Problem. Der italienischen politischen Geschichte des 14. Jahrhunderts fehlen die großen Themen. Der hochmittelalterliche Dauerkonflikt Kaiser-Papst hatte an Relevanz verloren, der Kampf um die Vormachtstellung Mailands, das beherrschende Thema des 15. Jahrhunderts, hatte noch nicht eingesetzt. Stattdessen war die Zeit erfüllt von zahllosen Kleinkonflikten und raschen, chaotisch anmutenden Bündniswechseln, die auch Spezialisten oft nur schwer in größere Zusammenhänge einordnen können.

 

Muss man sich, wie im Fall Neapels wegen der Zerstörung des Staatsarchivs, fast allein auf Chroniken verlassen, verschärft sich das Problem weiter. Goldstone tut ihr Bestes, kommt aber gegen ein derartiges Strukturdefizit nicht an. Ihr Buch bildet zu viele der genannten Kleinkonflikte einfach ab, was die Lektüre oft ermüdend macht. Der grundsätzliche Quellenmangel – ausgelöst übrigens durch die von einem Wehrmachtsoffizier angeordnete Brandstiftung am Staatsarchiv 1943 – macht es auch schwierig, Johannas Innenpolitik abseits von der Herrschaftssicherung auszumachen. Die Person Johannas verschwindet so irgendwo hinter Frömmigkeit, Politik und formelhaften Briefen, ein Problem, das sie mit anderen mittelalterlichen Herrscher teilt.

 

Der Verlag hat das Buch äußerlich aufgemacht wie einen der gegenwärtig so beliebten »historischen« Romane mit dem üblichen lieblichen Frauenbild auf dem Umschlag (ein Fantasieporträt Johannas von 1842!) und der notorischen weiblichen Protagonistin im Titel. Die harten, oft wenig erbaulichen Fakten in Johannas Leben werden aber wohl alle diejenigen enttäuschen, die diese Art von neoromantischer Unterhaltungsliteratur bevorzugen.

 

Autorin oder Übersetzer standen kurioserweise mit den lateinischen Ordnungszahlen vieler Monarchen auf Kriegsfuß (Papst Bonifaz VI. ist tatsächlich VIII., Johannes XX. ist XXII., Eduard II. von England ist III. usw.). Die dem US-Original beigegebenen Quellentexte wurden weggelassen – natürlich, möchte man fast sagen. Wird ein deutscher Verlag irgendwann einmal auf diese Art der Gängelei seiner Leser verzichten?

 

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