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Michaela Karl: Wir brechen die 10 Gebote und uns den Hals. Zelda und F. Scott Fitzgerald

23.03.2012

Gar gekocht in Veuve Cliquot

Wir brechen die 10 Gebote und uns den Hals könnte das wagemutige Lebensmotto von Zelda und F. Scott Fitzgerald gewesen sein. Michaela Karl präsentiert eine Doppelbiographie des glamourösen Skandalpaares. Von INGEBORG JAISER

 

Sie galten als berüchtigtes (Alp-)Traumpaar der Roaring Twenties, als glamouröser Inbegriff der Jazz Ära und als traurige Verkörperung der Lost Generation. Ihr exzentrischer Lebensstil war von Alkoholexzessen, Nervenzusammenbrüchen und Schaffenskrisen geprägt, von hedonistischem Zynismus und unstillbarem Lebenshunger. Manchen Zeitgenossen erschienen sie gar als gefühlte siamesische Zwillinge, so sehr ähnelten sie sich im Aussehen: Zelda und F. Scott Fitzgerald. Ihr Leben war der »Konkurrenzkampf zweier Künstler, die auf die schöpferische Kreativität und den Erfolg des anderen durchaus eifersüchtig waren. Sie waren einander Inspiration und Hemmnis zugleich …«.

 

Spektakuläres Glamourpaar

Viel ist über das spektakuläre Glamourpaar geschrieben worden, das zwischen kometenhaftem Aufstieg und abgrundtiefem Fall oszillierte. Doch selten dürfte eine Biographie so amüsant, so detailgenau und farbenreich ausgefallen sein wie Michaela Karls Wir brechen die 10 Gebote und uns den Hals. Die promovierte Politologin Karl pflegt von jeher ein Faible für extravagante, renitente, rebellische Figuren (wie zum Beispiel für Dorothy Parker in Noch ein Martini und ich lieg unterm Gastgeber). Ihre Fitzgerald-Doppelbiographie eröffnet sie mit den Worten: »Ich muss Ihnen ein Geständnis machen. Ich bin verliebt in zwei Verrückte, die in Abendgarderobe leere Champagnerflaschen die Fifth Avenue hinunterkullern ließen.« Ein kurzes Blitzlicht auf das verschwenderische Leben der hedonistischen Egomanen, eine gelungene Charakterisierung der frühen Popidole.

 

Die letzte Schöne des Südens

Als der überhebliche, sich chronisch selbst überschätzende Scott Fitzgerald nach einer wenig rühmlichen Jugendzeit (»beim Sport erweist er sich als ehrgeizig, aber talentfrei«) 1918 auf die wilde, verwöhnte, ungebändigte Südstaatenschönheit Zelda trifft, verliebt er sich sofort in die Seelenverwandte. Ihr ausufernder Lebenshunger wird sie zeitlebens verbinden – wenngleich unter verschiedenen Ausprägungen. Der gespielt smarte Slicker Scott will vor allem eines: gut aussehen und dazugehören. Das verruchte It-Girl Zelda prägt mit der phänomenalen Dreieinigkeit von Zigaretten, Alkohol und Bubikopf eine neue Generation von Frauen: frech, ungebremst, furchtlos. Acht Tage nach der Veröffentlichung von Scotts legendärem Diesseits vom Paradies beim angesehenen New Yorker Verlag Scribner heiratet das ungewöhnliche Paar.

 

Es folgen höchst umtriebige Jahre, ständig wechselnde Wohnungen, Villen und Hotelzimmer, sowie ein bunt changierender Freundeskreis – mal in den USA, mal in Europa, mit Vorliebe an der französischen Cote d’Azur, wo das chronisch klamme Paar sich aufgrund des günstigen Wechselkurses etwas Erholung von der angespannten Haushaltslage erhofft. Wo sie auch hinkommen, Trinken und Feiern ist ihre Hauptbeschäftigung. »Keiner wusste, wessen Party es war«, wird Zelda später darüber schreiben, »sie war schon seit Wochen im Gange. Wer meinte, er würde es nicht mehr durchstehen, ging nach Hause, schlief, und wenn er zurückkam, waren neue Leute da, die die Party am Leben hielten.«

 

»Wir haben uns jeder selbst ruiniert«

Wo immer die Fitzgeralds auftauchen, stehen sie im Mittelpunkt: Dorothy Parker führt sie in die berühmte Round Table Runde im New Yorker Algonquin Hotel ein, Gertrude Stein prägt bei ihrem Anblick den Begriff der Lost Generation – und Ernest Hemingway himmelt den Alkoholiker Scott anfänglich geradezu an (später wird er dessen überhebliche literarische Verbesserungsvorschläge allerdings mit »Leck mich am Arsch« abtun). Doch die dauerhaften Eskapaden, der krankhafte Überschwang, die Partys ohne Ende fordern ihren Tribut: 1930 wird Zelda in eine psychiatrische Klinik eingeliefert und wird nie wieder ganz gesunden. Der oft volltrunkene, häufig schreibgehemmte, meist finanziell blanke Scott muss wiederum erfahren, dass seine Bettelbriefe immer weniger ernst genommen werden.

 

Doch auch noch Abstieg und Fall dieses kapriziösen Duos lesen sich genauso spannend, unglaublich und glamourös wie das restliche Doppelporträt. Wir brechen die 10 Gebote und uns den Hals ist ganz großer Lesegenuss: geist- und kenntnisreich verfasst, mit schier unerschöpflicher Detailfülle und enormem Amüsement-Faktor.

 

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