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    TITEL kulturmagazin
    Samstag, 27. Mai 2017 | 19:26

    Judith Hornok: Moderne arabische Frauen

    17.02.2012

    Neue Welten entdecken

    Schon der Titel reizt, und nicht nur die Neugier, widersprechen die Begriffe in ihrer Kombination doch allem, was wir in den letzten Jahren über Frauen in der arabischen Welt gelernt zu haben glauben. Die österreichische Journalistin und Cross-Culture-Coach Judith Hornok erschüttert mit ihrem großzügigst aufgemachten Bildband Moderne arabische Frauen. Die neue Generation der Vereinigten arabischen Emirate gründlich herkömmliche Überzeugungen. Von MAGALI HEISSLER 

     

    Gerade 40 Jahre besteht die Föderation der sieben Emirate am arabischen Golf. Die Generation, die nach der Gründung der VAE geboren und aufgewachsen ist, hat eine ganz andere Welt kennengelernt, als ihre Eltern und Großeltern. Stadtlandschaften statt Beduinenleben, ein soziales Versorgungssystem, das selbst Länder Mitteleuropas träumen läßt, weitgehende Steuerfreiheit, hoher Bildungsstand. Fast unbeachtet blieb bisher, dass die Frauen in den Emiraten davon in hohem Maß profitierten. Islamisch und von lokalen Traditionen geprägt, sind sie zugleich Vertreterinnen einer Auffassung von Moderne, die Herkömmliches zupackend, neugierig und erfolgreich mit wirtschaftlichen und technischen Errungenschaften des Westens zu verschmelzen weiß. Hornok, die sich seit 2004 schwerpunktmäßig mit den arabischen Ländern beschäftigt, hat Interviews mit 20 dieser Frauen geführt und sie in einem Bildband präsentiert.

     

    Keine vornehme Blässe

    Die Interviews, zweisprachig, einmal deutsch, einmal englisch wiedergegeben, werden von einem Foto der jeweiligen Interviewpartnerin eingeleitet. Schon hier wird es spannend. Achtzehn der Frauen haben sich fotografieren lassen, nur eine überhaupt nicht, die Seite ist leer. Eine zweite, die Künstlerin und Kunstmanagerin Lateefa bint Maktoum, zeigt eine eigene Arbeit, ein Foto, das sie mit dem Rücken zur Betrachterin sitzend zeigt. Sechzehn der Frauen tragen die traditionelle schwarze Kopfbedeckung, allerdings in ganz unterschiedlichen Varianten. Schon beim Betrachten der Fotos also erkennt man ihre Vorstellung vom Grad ihrer individuellen Art, Religion, Tradition und Moderne zu verbinden und zu interpretieren. Nivellierend wirkt überraschenderweise eher die gleichförmige Art des westlichen Makeups, das sie tragen, nicht etwa die schwarzen Tücher. Hinsehen ist hier gefordert, noch ehe man sich den spannenden Texten widmet.

     

    Die vorgestellten Berufe überraschen zunächst wenig. Viel Kunst und Kultur, eine Ärztin (Aysha Darwish Al Khamiri), natürlich. Eine Schriftstellerin (Sara Al Jarwan), eine Rennfahrerin (Nahla Al Rostamani) als Exotin, das kann man erwarten. Zu ihnen gesellen sich sieben Geschäftsfrauen, keine Ladenbesitzerinnen, sondern leitende Managerinnen von Unternehmen, die Millionen umsetzen und vier Politikerinnen. Liest man genauer, zeigt sich schnell, dass jede der vorgestellten Frauen sich als politisch wichtig begreift und auch die meisten Künstlerinnen zugleich Managerinnen und Unternehmerinnen sind. Die Interviews vibrieren vor geballter Energie, vornehme Blässe sucht man hier vergeblich. Die Einblicke in die individuellen Lebensläufe zeigen Ideenreichtum, Fantasie, Durchsetzungsvermögen höchster Güte bei den Befragten.

     

    Mutige Eltern - emanzipierte Töchter

    Hornok fragt sehr geschickt, ihr Anliegen, die interkulturelle Verständigung ist der zweite Schwerpunkt in den Interviews. Ihre Interviewpartnerinnen sprechen mit überzeugendem Selbstverständnis darauf an, müssen sie doch selbst unterschiedliche Traditionen der eigenen Länder und importierte kulturelle Muster tagtäglich verbinden. Das Bekenntnis zur Vielheit in der Einheit erklingt unisono. Dass sie immer wieder Grenzen überschritten und Tabus gebrochen haben und das auch weiterhin tun werden, darin sind sich alle einig. Rebellinnen sind sie allemal, mit gesellschaftlicher Unterstützung. Das Aufbruchssignal ging vom Gründer der Föderation aus, Zayid Al Nahyan und dessen dritter Frau, Sheikha Fatima bint Mubarak. Einige der Interviewten gehören dieser oder einer der anderen Herrscherfamilien an. Sie sind Vätertöchter, die eine oder andere leitet inzwischen auch das väterliche Unternehmen, aber auch Muttertöchter. Die ältere Generation erwies sich als mutig und eher stützend, als verhindernd beim Einstieg ihrer Töchter ins Berufsleben. Über die Kämpfe und die Kraft, die es trotzdem noch gekostet hat, wird lieber geschwiegen. Der Erfolg hat ihnen recht gegeben, das ist es, was zählt. Das Gesamtbild, das sich ergibt, ist verlockend überzeugend.

     

    Frauenrechte revisited?

    Die einzelnen Interviews bei aller Lockerheit so dicht zugepackt mit neuen und überraschenden Informationen, dass sich Fragen nur langsam aus dem harmonischen Gesamtbild ergeben. Eine Frage wäre z.B. die, wie exemplarisch die Lebensläufe sind. Über den familiären und sozialen Hintergrund der Frauen erfährt man nur wenig. Eine andere Frage wäre, wie tauglich dieses Modell der scheinbar nahtlosen Verbindung von emanzipiertem Frauenleben und strengen Forderungen einer religiösen Überzeugung für Gesellschaften sind, die zahlenmäßig deutlich größer sind als die der VAE. Eine dritte, ob man das, was man unter ›Rechte von Frauen‹ oder auch ›Emanzipation‹ versteht, wieder einmal neu diskutieren muss.

     

    Diese Fragen sind nicht etwa eine Lücke, sondern sozusagen der Mehrwert dieses gelungenen Bildbands. Das ist trotz der wunderbaren optischen Aufmachung kein coffee-table book, zum ästhetischen Zeitvertreib gedacht. Das Buch steckt voller Überraschungen, ist reich an Informationen und ebenso reich an offenen Fragen bis hin zum echten denkerischen Zündstoff. Kann man von einem Buch mehr verlangen?

     

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    TITEL ist umgezogen!

    Liebe Leserinnen, liebe Leser!


    Das neue TITEL kulturmagazin ist ...

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