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    TITEL kulturmagazin
    Dienstag, 23. Mai 2017 | 06:59

    Esther Slevogt: Wolfgang Langhoff

    23.12.2011

    Leben, Gesellschaft, Theater

    Esther Slevogt hat ein dickes Buch geschrieben über einen Theatermann, dessen Name jedem DDR-Bürger vertraut war und den man in den Jahren des Kalten Krieges im Westen kaum zur Kenntnis nahm: Wolfgang Langhoff, der Vater von Thomas und Matthias Langhoff. Von THOMAS ROTHSCHILD

     

    Dass er zu den bedeutendsten Persönlichkeiten des deutschen Theaters im 20. Jahrhundert gehörte, steht außer Zweifel. Aber es ist kennzeichnend für dieses Jahrhundert, zumal in Deutschland, dass sich künstlerische Urteile von politischen nicht trennen lassen und dass diese jene oft verfälschen. Je nach Sympathie und Antipathie, nach Gesinnung also, ist man bereit, einem Künstler zu verzeihen, was man für eine politische Verfehlung hält, oder aber das Künstlertum abzusprechen, weil man diese vermeintlichen oder tatsächlichen Verfehlungen für unverzeihlich hält.

     

    Plakative Äußerungen

    Die Biographin macht schon auf der ersten Seite deutlich, dass sie nicht willens ist, die Sicht ihres Gegenstands bedingungslos zu übernehmen. Wolfgang Langhoff sei ein Mann gewesen, der aus seinen Erfahrungen im nationalsozialistischen Konzentrationslager »nur teilweise die richtigen Schlüsse« gezogen habe. Dieser Satz impliziert, dass die Autorin genau weiß, was die richtigen Schlüsse sind. Dafür dient ihr die Überzeugung, dass im »anderen Deutschland … Repression und Terror die Instrumente waren, mit denen eine gerechtere Welt aufgebaut werden« sollte. Selbst wenn man diese Beschreibung nicht als subjektive Ansicht, sondern als objektiven Tatbestand akzeptiert: lässt sich die DDR, an der Langhoff »festhielt«, darauf beschränken? Ist die gesellschaftliche Realität, innerhalb derer Langhoff arbeitete, damit hinreichend charakterisiert? Sind wir, die Erben der Französischen Revolution, Nutznießer des Jakobinismus, und deckt der sich mit der Revolution?

     

    Vielleicht sind solche plakativen Äußerungen notwendig, wie auch der Verlagstext auf dem Umschlag, der Wolfgang Langhoff den »Gustav Gründgens der DDR« nennt – mit all den Assoziationen, die das abruft –, wenn man in der Bundesrepublik Leser gewinnen will. Zum Glück ist das Buch sehr viel differenzierter, als solche Sätze befürchten lassen.

     

    Lebhaftigkeit und sprachliche Präzision

    Wer Wolfgang Langhoff nur als Autor der Moorsoldaten kennt, jenes Lieds aus dem KZ Börgermoor, das noch lange nach dem Zweiten Weltkrieg, in der DDR vor allem durch Ernst Busch, aber auch im Westen unter anderem durch Sänger wie Hein und Oss Kröher oder Hannes Wader, zum festen Bestand linken Liedguts gehörte, wird sich darüber wundern, dass der junge Langhoff, 1901 in Charlottenburg geboren, einem Freikorps angehörte. Solche Wechsel von ganz rechts nach ganz links oder umgekehrt waren in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zwar nicht die Regel, aber sie kamen vor, so schwer uns Nachgeborenen das angesichts der in den meisten Essentials einander widersprechenden, jedenfalls unvereinbaren Standpunkte erscheinen mag. Nur die Verfechter der Totalitarismustheorie entdecken in den beiden Extrempositionen mehr Gemeinsames als Gegensätzliches. Arnolt Bronnen ließe sich als prominentes Beispiel für solch einen Übergang nennen oder auch, in Italien, kein Geringerer als Benito Mussolini. Das Phänomen Horst Mahler, Bernd Rabehl oder Peter Schütt ist keine neue Erscheinung. Andere haben ihnen den Weg vorgezeichnet, wiederum andere gingen ihn in umgekehrter Richtung. Wolfgang Langhoff war einer von ihnen.

     

    Esther Slevogts Biographie besticht einmal durch die Lebhaftigkeit und die sprachliche Präzision der Erzählung und dann durch die Konsequenz, in der sie, bei aller Genauigkeit der Details und allem Respekt vor individuellen Besonderheiten, versucht, im Einzelschicksal das Allgemeine, das Zeittypische erkennbar zu machen. So ist dieses Buch dreierlei zugleich: eine Lebensbeschreibung, ein Geschichtsbuch über das 20. Jahrhundert und seine Verwerfungen in Europa und in Deutschland und nicht zuletzt ein Beitrag zur Theatergeschichte. Gerne hätte man in diesem Zusammenhang mehr über die Besonderheiten von Langhoffs Regiearbeit erfahren. Wie unterscheidet sie sich etwa von der des nur neun Jahre älteren Fritz Kortner, des Giganten der Theaterregie seiner Generation? Oder, wenn der schon erwähnt wird, von der des zwei Jahre älteren Gustav Gründgens?

     

    Es gehört zum Charakter solcher Biographien, dass sie den bisweilen trockenen Tatsachenstoff durch Anekdoten auflockern. So berichtet Slevogt von einer Verhaftung Langhoffs und Paul Dessaus in Wiesbaden, wo sie nachts auf der Straße Arnold Schönbergs Pierrot lunaire gesungen hätten. 

     

    Esther Slevogt 
(Foto: Thomas Aurin) Esther Slevogt
    (Foto: Thomas Aurin)

    Skeptisch gegenüber Selbstauskünften

    Fast leitmotivisch baut Esther Slevogt einen Gegensatz auf zwischen den »Brüsten der Muse« und dem »Korsett der Ideologie«. Ein hübsches Bild – aber wo wäre die ideologiefreie Kunst? Es stimmt wohl, dass die politische Aussage beim Agitproptheater, dem Wolfgang Langhoff in den dreißiger Jahren zugetan war, stärker im Vordergrund steht als beim damaligen Literaturtheater. Aber frei von Ideologie, und sei es die Ideologie der Ideologiefreiheit, war dieses gewiss nicht. Und es ist nicht ohne Ironie, wenn man aus der nachtkritik, deren Redakteurin Esther Slevogt ist, die Vorliebe der Kritikerin für aktuelle freie Gruppen kennt. Sie sind vom Agitprop weniger weit entfernt, als man zunächst denken möchte. Das Korsett, mit dem sie die Brüste der Muse einschnüren, mag weniger offensichtlich ein Korsett der Ideologie sein – ein Korsett der kunstskeptischen Realitätsapologie und der Illusion, man könne mit Theater unmittelbar in die gesellschaftliche Wirklichkeit eingreifen, sind sie auf alle Fälle.

     

    Das »Korsett der Ideologie« war dafür verantwortlich, dass Langhoff gleich nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten verhaftet und zunächst in einem Düsseldorfer Gefängnis, dann im KZ Börgermoor festgehalten wurde. Ausführlich beschreibt Esther Slevogt die Zustände im Lager. Hier, in der Gegnerschaft zum Nationalsozialismus, kommt sie dem Gegenstand ihrer Lebensbeschreibung am nächsten. Sie erfüllt, das spürt man aus jeder Zeile, keine moralische Pflichtaufgabe. In der Einschätzung der Feinde decken sich ihre Überzeugungen mit jenen Wolfgang Langhoffs. Nur bei der Wahl der Alternativen bricht der Dissens auf. Das wird auch deutlich in einer langen Passage über den sozialdemokratischen Abgeordneten im Preußischen Landtag Ernst Heilmann, der ebenfalls nach Börgermoor deportiert und 1940 in Buchenwald ermordet wurde. Die verächtliche Art, in der sich Langhoff nach dem Krieg an Heilmann erinnert hat, provoziert bei Slevogt einen Kommentar, der seinerseits Verachtung für Langhoffs verständnislose Haltung zeigt. Freilich bedürfte eine Analyse von Sinowjews von Stalin übernommener verhängnisvoller Sozialfaschismus-These, mit der dieser Abschnitt zusammenhängt, eines Umfangs, der den Rahmen einer Biographie sprengen würde. Genau besehen haben weder die Kommunisten noch die Sozialdemokraten diese folgenreiche Wegmarke in der Politik des 20. Jahrhunderts in ihren Ursachen und Auswirkungen wirklich aufgearbeitet.

     

    Zu Ostern 1934 kommt Wolfgang Langhoff frei, noch im selben Jahr gelingt ihm die illegale Einreise in die Schweiz. Hier, am Züricher Schauspielhaus, schreibt er, zunächst als Schauspieler, dann auch als Regisseur, mit an einem Kapitel Theatergeschichte, das längst legendär geworden ist. Denn nicht nur Langhoff, eine ganze Gruppe von Emigranten fand hier Unterschlupf und machte das Theater zur wohl bedeutendsten deutschsprachigen Bühne, wo überleben konnte, was im Deutschen Reich verboten und verfolgt war. Und wieder zeichnet sich Slevogts Darstellung durch eine Ausführlichkeit aus, die den Protagonisten des Buchs in ein weiteres Umfeld stellt, ohne ihn aus den Augen zu verlieren. Und wiederum bewahrt die Biographin kritische Distanz. Ihre Sympathie gehört zwar dem ins Exil genötigten Langhoff, aber sie ist nicht willens, ihn zu idealisieren. Hagiographie ist ihre Sache nicht. Skeptisch bleibt sie auch gegenüber den Selbstauskünften Langhoffs. Wo sie an seinen oft Jahre später gemachten Aussagen zweifelt, ergänzt sie, wie es tatsächlich gewesen sein könnte.

     

    Während der TITEL-Winterpause verlosen wir Den Kommunismus mit der Seele suchen. Wolfgang Langhoff - ein deutsches Künstlerleben im 20. Jahrhundert von Esther Slevogt. Wer bis einschließlich 8. Januar an der Umfrage teilnimmt, kann ein Exemplar gewinnen.

     

    Theater hat für mich …

    (0)… keine Bedeutung.
    (6)… nur Unterhaltungswert.
    (2)… eine politische Dimension.

    Nur wenige Fragen bleiben offen

    Bald nach Kriegsende kehrt Wolfgang Langhoff nach Deutschland, zunächst nach Düsseldorf zurück, wo er zum Generalintendanten am Theater ernannt wird. Im März 1946 lässt er seine Frau und die in Zürich zur Welt gekommenen Söhne Thomas und Matthias nachkommen. Im August des selben Jahres wird er schließlich durch Vermittlung des aus dem sowjetischen Exil zurückgekehrten Friedrich Wolf zum Intendanten des Deutschen Theaters in Berlin berufen. Schon bald wird er in die Konflikte des Kalten Krieges hineingezogen. Esther Slevogt beschreibt eindrucksvoll und mit zahlreichen Beispielen, wie er sich durchlaviert, welche Zugeständnisse er machen muss und welche Überzeugungen er teilt. Auch hier streift das breit angelegte Panorama Themen, die eine eingehende Betrachtung verdienten, die aber in diesem Kontext nicht möglich ist – etwa das Schicksal von Noel Field und zahlreichen Kommunisten in Osteuropa, die ihn, wie auch Langhoff, gekannt hatten. (Zu diesem Komplex sei auf den Film Noel Field – Der erfundene Spion von Werner »Swiss« Schweizer verwiesen.) Esther Slevogt kann sich nur so weit darauf einlassen, wie es für die Biographie von Wolfgang Langhoff relevant ist. Ihr Buch hat auch so schon fast 500 Seiten.

     

    So bleiben denn nur wenig Fragen offen. Zum Beispiel wüsste man gern, ob sich Wolfgang Langhoff 1952 offiziell oder inoffiziell zu der heftigen Debatte um Hanns Eislers Johann Faustus geäußert hat. Immerhin war er ja mit Eisler befreundet. Ernst Fischer übrigens, über dessen von Langhoff inszeniertes Tito-Drama Der große Verrat Esther Slevogt ausführlich schreibt, hat damals zusammen mit Walter Felsenstein und Arnold Zweig für Eisler Partei bezogen.

     

    Das Buch trägt einen Doppeltitel. Ergebnis einer Auseinandersetzung mit dem Verlag? Der Untertitel nennt sachlich die Person, um die es geht, und das Exemplarische dieser Person: Ein deutsches Künstlerleben im 20. Jahrhundert. Der Obertitel liefert das poetische Salz, indem es Goethe modifiziert: Den Kommunismus mit der Seele suchen. Wolfgang Langhoff – eine kommunistische Iphigenie? Wie auch immer: er gehört heute wohl zu den Vergessenen. Das sollte nicht so bleiben. Die Biographie von Esther Slevogt entkräftigt alle Ausreden.

     

    Zehn Bücher zu gewinnen

    Während der Winterpause bis zum 8. Januar verlosen wir:

     

    2 mal Andreas Tönnesmann: Monopoly. Das Spiel, die Stadt und das Glück

    3 mal Friedrich Buchmayr: Madame Strindberg - oder die Faszination der Boheme

    2 mal Thomas Knubben: Hölderlin. Eine Winterreise

    3 mal Esther Slevogt: Den Kommunismus mit der Seele suchen. Wolfgang Langhoff - ein deutsches Künstlerleben im 20. Jahrhundert


    Gewinnen kann, wer an den Umfragen innerhalb der jeweiligen Besprechung teilnimmt. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.


    Das TITEL-Kulturmagazin dankt den Verlagen Klaus WagenbachResidenzKlöpfer & Meyer und Kiepenheuer & Witsch für die freundliche Unterstützung.

     

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