TITEL kulturmagazin
Donnerstag, 30. März 2017 | 00:56

Thomas Knubben: Hölderlin

23.12.2011

Komm! Ins Offene, Freund!

Der Germanist und Historiker Thomas Knubben kennt seinen Hölderlin in- und auswendig. So sehr, dass er auf dessen Spuren eine legendäre Winterreise heraufbeschwört. Von INGEBORG JAISER

 

Wanderbeschreibungen sind derzeit sehr en vogue. Mal wird Immer geradeaus gegangen, mal Mitten durchs Land gepilgert, mal Berlin-Moskau zu Fuß abgeschritten. Wagemut, Neugier und körperliche Ertüchtigung sind der Antriebsmotor. Doch manchmal lockt auch ein außergewöhnlicher Selbstversuch, um literarische Legenden zu hinterfragen und neu zu beleuchten.

 

Poetische Erfahrung

53 Tage und 1470 Kilometer umfasst Thomas Knubbens Wanderung von Nürtingen nach Bordeaux, eher ein Gewaltmarsch »durch Schnee und Eis, über Stock und Stein«, als eine lustvolle Fußreise. Dabei schwebt ihm doch kein »sklavisches Ablaufen einer vermeintlichen Strecke, sondern eine poetische Erfahrung« vor, indem er möglichst dieselbe Route wählt, die schon 200 Jahre zuvor Friedrich Hölderlin auf dem Weg zu seiner letzten Hauslehrerstelle unternommen hat. Nach vergeblichen literarischen Bemühungen, gescheiterten Zeitschriftenprojekten und unrühmlich beendeten Anstellungen als Hofmeister (unglücklicherweise vergreift er sich meist an den falschen Frauen) strebt Hölderlin ein regelmäßiges Auskommen im Haus des hanseatischen Weinhändlers Meyer im fernen Bordeaux an. Hoffnungsfroh wandert er im Winter 1801/02 an die französische Atlantikküste – zerrüttet, zerbrochen, verwirrt und verwahrlost kehrt er schon nach mehreren Monaten zurück. Freunde erkennen ihn kaum wieder.

 

Was ist passiert? Was ist Hölderlin widerfahren? Was hat ihn dermaßen traumatisiert, dass er die nächsten Jahrzehnte – bis hin zu seinem Lebensende – in geistiger Umnachtung bei den Pflegeleuten Zimmer in Tübingen dahinvegetiert?

 

Thomas Knubben
(Foto: Thomas Weiss)
Thomas Knubben
(Foto: Thomas Weiss)

Durch Schnee, Eis und Frost

Thomas Knubben will es wissen. Der studierte Germanist, Historiker und Kulturwissenschaftler sucht im Rahmen eines Stipendienprojekts nach einem Thema. Mit Hölderlin verbindet ihn Entscheidendes: die schwäbische Heimat, der Studienort Tübingen – und die Affinität zu Bordeaux. Knubben forscht in Archiven, tastet sich an das Mysterium heran und nimmt sich schließlich ein Forschungssemester, um die legendäre Hölderlin’sche Fußwanderung von Nürtingen nach Bordeaux als literarischer Wi(e)dergänger nachzulaufen. Frei nach der Einsicht: Man kann die Sprache Hölderlins nur im Gehen begreifen. Schließlich hat der schwäbische Poet die meisten Verse im Rhythmus seiner Schritte geschmiedet.

 

Winterreisen zu Fuß, seien es reale oder imaginäre, haben eine lange Tradition: denken wir an Heinrich Heine, Johann Gottfried Seume, Franz Schubert – aber auch an Werner Herzogs legendäres Vom Gehen im Eis (ein 22tägiger Fußmarsch im Winter 1974 von München nach Paris, in der fixen Idee, die todkranke Freundin Lotte Eisner zu retten). Hoffen die kühnen Wanderer auf eine besondere Läuterung durch Schnee, Eis, Frost und anderem Unbill?

 

Während der TITEL-Winterpause verlosen wir Hölderlin. Eine Winterreise von Thomas Knubben. Wer bis einschließlich 8. Januar an der Umfrage teilnimmt, kann ein Exemplar gewinnen.

 

Eine ähnlich lange Wanderung …

(1)… bin ich schon gelaufen.
(2)… würde ich nie antreten.
(9)… bleibt mein Traum.

Ausloten der Möglichkeiten

Thomas Knubben ist den Spuren Hölderlins sehr nahe gekommen – und streift doch die Gegenwart mit einigem Augenzwinkern. Ortskundige fühlen sich bei der Lektüre geradezu auf Location Tour: Vincent Klinks Sterne-Restaurant auf der Stuttgarter Wielandshöhe findet genauso Erwähnung wie die lärmende Bundesstraße durchs Siebenmühlental, die mangelhafte Wegebeschilderung durch den Schönbuch, das wundervolle Theater Lindenhof auf der Schwäbischen Alb.

 

Doch ab Straßburg versandet die Route. Dass Hölderlin die folgenden 550km bis Lyon in elf Tagen zu Fuß gegangen sein soll, erscheint kaum menschenmöglich. Hat er die Postkutsche oder das Schiff benutzt? Gerade im Experiment, im tastenden Absuchen des vermuteten Weges, im Deuten der wenigen erhaltenen Briefe und Gedichte, im Ausloten der Möglichkeiten zeigt sich Knubbens Leistung. In verblüffender Anschaulichkeit führt er uns durch Landschaften und Befindlichkeiten, durch Witterungen und Erfahrungen.

 

Besondere Anerkennung gebührt dem engagierten und unabhängig gebliebenen Tübinger Verlag Klöpfer & Meyer, der diesen kulturgeschichtlich und wanderkundig spannenden Band herausgegeben hat. Bitte: weiter so!

 

Zehn Bücher zu gewinnen

Während der Winterpause bis zum 8. Januar verlosen wir:

 

2 mal Andreas Tönnesmann: Monopoly. Das Spiel, die Stadt und das Glück

3 mal Friedrich Buchmayr: Madame Strindberg - oder die Faszination der Boheme

2 mal Thomas Knubben: Hölderlin. Eine Winterreise

3 mal Esther Slevogt: Den Kommunismus mit der Seele suchen. Wolfgang Langhoff - ein deutsches Künstlerleben im 20. Jahrhundert

 

Gewinnen kann, wer an den Umfragen innerhalb der jeweiligen Besprechung teilnimmt. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

 

Das TITEL-Kulturmagazin dankt den Verlagen Klaus WagenbachResidenzKlöpfer & Meyer und Kiepenheuer & Witsch für die freundliche Unterstützung.

 

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Ein wunderbares Buch! Jetzt verstehe ich Hölderlin besser. Und das dank einem leicht verständlich und spannend geschriebenem 'Pilgerbericht' einer außergewöhnlichen 'Erfahrens-Wanderung'. Und die hier im "Titel-Magazin" gezeigten Fotos machen mich schon jetzt neugierig auf die vom Verlag angekündigte großformatige und bebilderte Ausgabe von "Knubben's Winterreise'. Uneingeschränkt empfehlenswert!
| von Ilse S., 23.12.2011

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