Von Alraun bis Zaunrübe
Sein nun postum der Öffentlichkeit überantwortetes Buch Tod & Flora verstand Eisendle als ein „Glossar über die Verwendung von Giftpflanzen für der asthenischen Täter“. So lautet der Untertitel des ebenso wunderlichen wie wunderbar edierten Kompendiums mit farbigen Tafeln von 33 in unserer mitteleuropäischen Flora reich vertretenen Giftpflanzen von Alraun bis Zaunrübe. Dem einfältig-ungebildeten Wanderer durch Hain und Flur, aber auch dem Hobby-Gärtner gelten die meisten wohl als „Unkraut“, das man – wenn es sich nicht um bekanntere Spezies wie Brennnessel, Eibe, Fingerhut, Mohn oder Oleander handelt – namentlich gar nicht kennt. Eisendle jedoch, der in Psychologie promovierte, aber auch Philosophie und Biologie studiert hat, stellt uns nun knapp drei Dutzend florale Individualitäten vor Augen, die es in sich haben und zur Mordwaffe taugen.
Jeder dieser bildlichen Aufrufungen ist ihr mit wissenschaftlicher Akribie verfasster Steckbrief beigegeben: also ihre anderen Namen, eine exakte Beschreibung ihrer physischen Erscheinung, Blütezeit & Fundort, Eigenschaft & Wirkung – und als Finis dieser erkennungsdienstlichen Fixierung die „Dosis minimalis und letalis“.
So lesen wir zum Beispiel über das Bilsenkraut, das auch unter Namen wie Hexenkraut, Hühnergift, Rindswurz oder Zigeunerkraut auftritt: „Beim Genuss der Pflanze kommt es zu folgenden Wirkungen: Irrsinn, Schwachsichtigkeit, Ohrensausen, Delirien, Muskelschwäche, Heiserkeit, Durst, Ekel, Erbrechen, Leibschmerzen, sardonisches Lächeln, Zuckungen, Lähmungen, Halluzinationen und Tod.“
Das in diesem – wohl aus alten Kräuterbüchlein – zusammengewürfelten Beschwerdenkatalog erwähnte „sardonische Lächeln“ dürfte zuerst dem Autor Eisendle beim Verfassen von Tod & Flora die Lippen geschürzt haben, bevor es nun – bei der Lektüre seiner ironisch-satirischen Wissenschaftsparodie – auf den davon affizierten Leser überspringt.