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Mittwoch, 22. Mai 2013 | 06:39

Helmut Eisendle: Tod & Flora

13.03.2010

Postume Giftmischerei

Man kann uns vieles, aber keinen eingeschränkten Begriff von Kriminalliteratur vorwerfen. Selbst um mörderische Tiere haben wir uns gekümmert, und heute sind tödliche Pflanzen an der Reihe. WOLFRAM SCHÜTTE stellt uns Helmut Eisendles parodistisch-satirisches Buch Tod & Flora vor.

 

„Gerade in Zeiten von Missmanagement und Krisen dürften die Konfliktsituationslösungsmöglichkeiten, die dieses Buch empfiehlt, den entschlossenen Täter stärken.“ Mit diesen Worten legt der Verlag Jung und Jung dem Leser eine Trouvaille ans Herz, das auf vielfache Weise zu dessen finalem Stillstand führte, wenn man nur in die Tat umsetzte, was der Autor der bedrängten menschlichen Kreatur ausdrücklich „als Waffe“ in die Hand gibt.

 

Dazu hat der Verleger Jochen Jung erst einmal aus der Hand gegeben, was ihm der 2003 verstorbene österreichische Schriftsteller Helmut Eisendle als bibliophile Rarität eines „Unikatbuchs“ 1976 verkauft und was seither in Jungs „Giftschrank“, nämlich seiner Privatbibliothek, geruht hatte.

 

Der 1939 in Graz geborene Eisendle war zu seinen Lebzeiten einer der literarisch avanciertesten und witzigsten Autoren der sprachkritischen österreichischen Literatur.

 

Von Alraun bis Zaunrübe

Sein nun postum der Öffentlichkeit überantwortetes Buch Tod & Flora verstand Eisendle als ein „Glossar über die Verwendung von Giftpflanzen für der asthenischen Täter“. So lautet der Untertitel des ebenso wunderlichen wie wunderbar edierten Kompendiums mit farbigen Tafeln von 33 in unserer mitteleuropäischen Flora reich vertretenen Giftpflanzen von Alraun bis Zaunrübe. Dem einfältig-ungebildeten Wanderer durch Hain und Flur, aber auch dem Hobby-Gärtner gelten die meisten wohl als „Unkraut“, das man – wenn es sich nicht um bekanntere Spezies wie Brennnessel, Eibe, Fingerhut, Mohn oder Oleander handelt – namentlich gar nicht  kennt. Eisendle jedoch, der in Psychologie promovierte, aber auch Philosophie und Biologie studiert hat, stellt uns nun knapp drei Dutzend florale Individualitäten vor Augen, die es in sich haben und zur Mordwaffe taugen.

 

Jeder dieser bildlichen Aufrufungen ist ihr mit wissenschaftlicher Akribie verfasster Steckbrief beigegeben: also ihre anderen Namen, eine exakte Beschreibung ihrer physischen Erscheinung, Blütezeit & Fundort, Eigenschaft & Wirkung – und als Finis dieser erkennungsdienstlichen Fixierung die „Dosis minimalis und letalis“.

 

So lesen wir zum Beispiel über das Bilsenkraut, das auch unter Namen wie Hexenkraut, Hühnergift, Rindswurz oder Zigeunerkraut auftritt: „Beim Genuss der Pflanze kommt es zu folgenden Wirkungen: Irrsinn, Schwachsichtigkeit, Ohrensausen, Delirien, Muskelschwäche, Heiserkeit, Durst, Ekel, Erbrechen, Leibschmerzen, sardonisches Lächeln, Zuckungen, Lähmungen, Halluzinationen und Tod.“

 

Das in diesem – wohl aus alten Kräuterbüchlein – zusammengewürfelten Beschwerdenkatalog erwähnte „sardonische Lächeln“ dürfte zuerst dem Autor Eisendle beim Verfassen von Tod & Flora die Lippen geschürzt haben, bevor es nun – bei der Lektüre seiner ironisch-satirischen Wissenschaftsparodie – auf den davon affizierten Leser überspringt.

 

Floristische Tätlichkeiten

Das geschieht nicht erst bei den jeder floristischen Tätlichkeit beigefügten Fallbeispielen und Nutzanwendungen, obwohl sich in den 33 ebenso knapp gehaltenen wie lakonisch zugespitzten Anekdoten & Parabeln der raffinierte Sprachwitz des Autors aufs Schönste offenbart. In diesen minimalistischen Erzählungen, „Kasus“ genannt, greifen unterschiedlichste Täter aus verschiedenartigsten persönlichen Gründen zur natürlichen Waffe der Giftpflanzen, um sich von menschlichen Plagegeistern zu befreien oder sich an ihnen zu rächen.

 

„Ein hässlicher Mensch wurde wegen seines ungewöhnlichen Aussehens lange Zeit von einem schönen Menschen gequält“, heißt es beispielsweise in einem „Kasus“. Nachdem der Hässliche eines Tages diese Angriffe und Diffamierungen unerträglich fand, schritt er zur Tat und mischte dem Bier des Schönen zwei Teelöffel des damit tödlich wirkenden Osterluzeipulvers bei. „Plötzlich“, endet die Parabel, wird der Schöne „von unsagbarem Herzrasen überfallen und sein Gesicht verzerrt sich in nackter Todesangst zu einer Fratze. Als der hässliche Mensch dies sieht, lächelt er“.

 

Das alphabetisch angeordnete „Stichwortverzeichnis möglicher Symptome durch Pflanzen“ und ihrer Fundstellen im Buch reicht von „krampfhaftem Schließen des Aftermuskels“ bis zu „Zuckungen“; und selbst das gelehrte Nachwort des österreichischen Germanisten Thomas Eder behält, wie der Klappentext, die Mimikry der unbeteiligt-amoralischen Wissenschaftsprosa bei, in der Helmut Eisendles Tod & Flora geradezu brillant aufblüht. Nicht nur der Autor, auch sein Verleger und sein Editor haben sich also damit dreifach einen abgründig-abgebrühten Nestroy’schen Jux gemacht. Als lachender Leser ist man der Vierte in diesem komischen Bunde.

 

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