Wer Thomas Langhoffs Regiearbeiten kennt und schätzt, mag erstaunt gewesen sein, als er sich ausgerechnet ein (bis dahin in Österreich nicht aufgeführtes) Stück von Thomas Bernhard wählte, noch dazu an jenem Ort, an dem der Bernhard-Regisseur schlechthin, Claus Peymann, mehrere Stücke des großen Dramatikers uraufgeführt hatte. „Elisabeth II.“ wurde dann zu einem sensationellen Erfolg, und dass diese Inszenierung nun auf DVD vorliegt, ist ein Glücksfall, zumal sie sich mit ihrem kleinen Personal besser als viele Bühnenstücke für die filmische Konserve eignet.
Freilich stand Langhoff ein Traumensemble zur Verfügung, mit Gert Voss, Ignaz Kirchner und Libgart Schwarz im Zentrum. Die drei Genannten, deren Manierismen der Artifizialität und Musikalität der Bernhardschen Dramatik entgegenkommen, kann man mit Fug und Recht als absolute Spitzenkünstler innerhalb ihrer Generation betrachten, und Voss und Kirchner haben sich zudem schon öfter als kongeniales Paar profiliert, wie man es auf dem Theater nur selten antrifft. Zwar hat Voss den überwältigenden Anteil des Textes zu sprechen, aber er glänzt nicht auf Kosten von Ignaz Kirchner, der fast stumm bleiben muss. Über diese Problematik wird unter anderem auch in einem auf der DVD mitgelieferten Gespräch zwischen den beiden und Langhoff, mit Burgtheaterdirektor Klaus Bachler als Stichwortgeber, diskutiert. Dass bei den ebenfalls anklickbaren Daten zu den Personen Kleists Stück wieder einmal „Der zerbrochene (statt der zerbrochne) Krug“ heißt, sollte bei einer Burgtheateredition allerdings nicht passieren.So erlebt der Zuschauer vor dem Fernsehschirm nicht nur ein charakteristisches Bernhard-Stück, das gewiss nicht zu seinen schlechteren gehört und mit einer typischen Bernhard-Pointe endet, sondern vor allem grandiose Schauspielkunst.
Gerade die Mimik von Gert Voss, der, zur Zeit der Aufzeichnung 62 Jahre alt, hier einen alten, gebrechlichen Mann darstellt wie ein paar Jahre später Shakespeares Lear, wird durch das nicht unproblematische Medium in einer Weise sichtbar, wie man sie selbst in der ersten Reihe des Theaters nicht wahrnehmen kann. Und was immer man gegen Aufzeichnungen vorbringen mag: sie retten das Theater vor der Vergänglichkeit. August Everdings Traum geht in Erfüllung.
Thomas Rothschild
Thomas Bernhard: Elisabeth II. Burgtheater.