Aber von dem sprichwörtlichen “Genossen Njet“, nämlich dem eisigen Diplomaten Andrei Gromyko, ist mir derlei Geschmuse nicht in Erinnerung. Möglicherweise hat es Nikita Chruschtschow, der sogar einmal mit seinem Schuh in der UN philosophierte, ja auch erst wirklich eingeführt. Nachdem er “Väterchen Stalin” als Massenmörder verabschiedet hatte, waren solche umarmenden Kussgesten für die Satrapen des sowjetischen Satelliten-Imperiums wohl besonders notwendig geworden. Auch waren die “Führer der Völker”, dank der Diktatur der Parteien, meist langfristig Vertraute, denen zum feudalistischen Gehabe nur noch herrschaftssichernde Hochzeiten untereinander fehlten.
Es war aber wohl Leonid Breschnew, der die damit öffentliche Symbolisierung der “unverbrüchlichen Freundschaft “der “miteinander verbundeneren Völker” bis zum Lippen-, wenn nicht gar Zungenkuss steigerte - wenn er z.B. von Erich Honecker auf Schönefeld empfangen wurde. Der scharfzüngige Gorbatschow, bei seiner letzten Reise in die marode DDR, der er sybillinisch sein “Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben” attestierte, dürfte sich jedoch schon etwas zurückgehalten haben. Aber geküsst wurde dennoch, wenngleich Honecker befürchtet haben mag, dass es ein sowjetischer Judaskuss gewesen sei, den der nach Moskau zurückkehrende letzte Generalsekretär der KPDSU ihm hinterließ. Wahrscheinlich ahnte aber keiner von ihnen, dass es für jeden von ihnen ein ultimo momento in ihren Funktionen und Staaten war.
Über diesen - möglicherweise slawisch tradierten - spektakulär inszenierten “Terror der Intimität” hat man sich “im Freien Westen“, wo lange Zeit noch die britisch bestimmte diplomatische Distanz des Händedrucks zwischen Gast & Gastgeber üblich war, immer wieder amüsiert und sich über das leicht schwul wirkende Geküsse der führenden Männer weidlich lustig gemacht.
Mit dem Ende des sozialistischen Blocks war es auch mit diesem vertrauten Ritual vorbei: im
Osten. Im
Westen kam es jedoch im gleichen Augenblick wieder, wenn auch als Imitat des Bussi-Austauschs, das sich, von Frankreich und Italien ausgehend, als intimes öffentliches Begrüßungsritual unter Verwandten, Bekannten & Freunden im europäischen Alltagsverhalten eingebürgert hatte. Noch von Maggie Thatcher oder Helmut Schmidt wäre solcher umfassender Körper- & (mehr noch) Wangenkontakt mit staatsmännischen oder gar - fraulichen Kollegen & Kolleginnen nicht denkbar gewesen.
Helmut Kohl, den zu umarmen ja schon für jeden, der keine Orang-Utan-Arme besaß, ein Unding gewesen wäre und der durch seine Leibesfülle jeden anderen auf Distanz hielt, wurde bekannt durch das kindliche Händehalten mit dem kleinen Francois (Mitterand). Aber bei Kohl schaffte nur (noch) die gewaltige Physis des deutschen Obelix naturgegebene oder saumagisch bedingte Distanz. Vielleicht hat aber schon Joschka Fischer im Vorgriff auf seine diplomatische Tätigkeiten nur deshalb vorsorglich sich getrimmt und gejoggt, damit ihm sein (nun als Pensionär wiedergekehrter) Bauch nicht im Wege war, um seine amerikanische Amtskollegin Madeleine (Albright) problemlos umarmen zu können.
Als gelte es, die Balance of Power für die Bundesrepublik zwischen den militärischen Supermächten zu demonstrieren, hat sich Gerhard Schröder an den russischen Präsidenten Wladimir Putin herangemacht - und zwar gleich familiär; und damit die durch seine temporäre staatliche Funktion gestiftete Familienfreundschaft mit dem deutsch sprechenden ehemaligen KGB-Offizier in der DDR darüber hinaus Bestand habe, hat der “lupenreine Demokrat” im Kreml die familiäre Freundschaft mit dem abgewählten Bundeskanzler famillionär ausgebaut, indem ihn Putin auf den Posten eines Aufsichtsrates der staatseigenen Gasprom berufen ließ.
Solche
systemübergreifende individuelle Privatisierung der Politik zur Altersversorgung von Politikern ist aber bis jetzt ein Unikum. Die mittlerweile Usus gewordenen Gesten der gegenseitigen körperlichen Zuneigung & Umarmung, die mehr und mehr auch zu veröffentlichten Duzfreundschaften fortgeschritten sind (“Nicolas & Angela“), bleiben - im Gegensatz zum Deal “Wladimirs mit Gerhard” - bislang folgenlos.
Vielleicht ist der Wangenkontakt und die Luftküsserei als staatstragendes Begrüßungsritual auch nur die anthropologische Entsprechung jenes Nasenreibens, das angeblich bei den Eskimos einmal üblich gewesen sein soll, wenn sie sich als Fremde begegneten. Man kann es heute noch gelegentlich unter städtischen Hunden beobachten: so weit reichen unsere symbolischen Akte bis in die Ordnung der tierischen Natur hinein. Der Bilder lesenden Öffentlichkeit soll aber damit jedenfalls signalisiert werden, dass man sich unter Freunden befindet, wo nicht gar durch familienähnliche Bande aneinander gefesselt & ohne Harm ist - wobei sicherlich vergessen wird, dass nach dem abgründigen Aphorismus von Karl Kraus “das Wort Familienbande einen Beigeschmack von Wahrheit besitzt“.
Wo es aber wirklich global zur Sache geht, also veritable Interessen und folgenreiche Machtkonstellationen zur Entscheidung stehen - nämlich in der alles Politische bestimmenden und konterkarierenden Wirtschaft -, fehlt auch heute noch dergleichen Bussi-Gehabe der Mächtigen. Schwer vorstellbar, z.B. Josef Ackermann oder Wendelin Wiedeking mit irgendeinem ihrer Konkurrenten in einträchtiger Umarmung zu sehen. Der Schmusekurs bleibt der Schönen Heilen Welt der Politiker vorbehalten, in der globalisierten Wirtschaft würde dergleichen Umarmung einer “Feindlichen Übernahme” gleichkommen. Da gilt metaphorisch ein anderer Kraus-Aphorismus: “Mit ihm schlafen: ja; aber nur keine Intimitäten”.
Wolfram Schütte