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    TITEL kulturmagazin
    Montag, 21. August 2017 | 17:43

    Von der Wahrheit

    21.02.2005

    Von Hans Durrer

     

    Das erste Opfer in jedem Krieg sei die Wahrheit, wird oft behauptet. Damit gemeint ist wohl, dass wir der Kriegspropaganda, dem Schönreden, dem Jargon der kriegsführenden Parteien misstrauen sollten. Sicher zu Recht. Andrerseits suggeriert eine solche Behauptung aber eben auch, dass der Mensch in Friedenszeiten ungeheuer wahrheitsliebend sei – und dies ist ganz sicher falsch, denn weit mehr als um die Wahrheit, geht es uns ums Rechthaben. Der Gedanke stammt nicht von mir, er stammt von Schopenhauer, einem Mann, der noch einige andere zum Nachdenken anregende Sachen gesagt hat. Zum Beispiel diese: „Wäre Leben und Daseyn ein erfreulicher Zustand, so würde jeder ungern dem bewusstlosen Zustand des Schlafs entgegen gehen und gerne von ihm wieder aufstehn. Aber es ist gerade umgekehrt: Jeder geht sehr gerne schlafen und steht ungern wieder auf.“

    Die Wahrheit mache uns frei, wird uns verheissen, doch frei sein wollen wir alle nicht, obwohl wir das Gegenteil behaupten, sonst würden wir ja nicht in erster Linie Sicherheit suchen. Unnötig zu sagen: auch dies ist kein originaler Gedanke von mir. In Dostojewskijs Grossinquisitor (einem Kapitel aus Die Brüder Karamasow) kehrt Christus auf die Erde zurück, und zwar ins Spanien der Inquisition, wo er belehrt wird, dass die Freiheit, die er den Menschen hat bringen wollen, diese nur unglücklich und verzweifelt gemacht habe, „denn nichts ist jemals für den Menschen und für die menschliche Gesellschaft unerträglicher gewesen als die Freiheit.“ Und: „Aber wisse, dass jetzt und gerade heutzutage diese Menschen mehr als je davon überzeugt sind, vollkommen frei zu sein; und dabei haben sie selbst uns ihre Freiheit dargebracht und sie uns gehorsam zu Füssen gelegt.“

    Dass solche Einsichten den Bewohnern des amerikanischen Nordens, denen ihre nationale Ideologie den Optimismus zur Pflicht gemacht hat, besonders nahe gehen könnten, ist nicht anzunehmen. Dass der von einem guten Viertel der Wahlfähigen ins Amt gehobene Präsident, dem sein gegenwärtiger Beruf kaum einen freien Schritt erlaubt, ständig von Freiheit redet, mag vielleicht für Psychologen ganz interessant sein, doch vor allem wahr und entscheidend ist, dass, wenn Politiker von Freiheit reden, dies nie viel anderes als Propaganda ist. Wie sagte doch Richard Feinmann, seines Zeichens Nobel-Preisträger für Physik, auf die Frage, worauf man in der Forschung vor allem achten müsse: „The first principle is not to fool yourself, and you are the easiest person to fool.“

    Und wie kommt es, woran liegt es, dass wir uns ständig selbst bescheissen? Es versteht sich, so was weiss man nicht, so was kann man vermutlich gar nicht wissen, doch was Nietzsche dazu schrieb (in: Jenseits von Gut und Böse), scheint der Wahrheit ausgesprochen nahe zu kommen. „Wer tief in die Welt gesehen hat, errät wohl, welche Weisheit darin liegt, dass die Menschen oberflächlich sind. Es ist ihr erhaltender Instinkt, der sie lehrt, flüchtig, leicht und falsch zu sein.“

    Hans Durrer

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