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    TITEL kulturmagazin
    Montag, 21. August 2017 | 17:44

    Vom Lesen

    27.09.2004

    von Hans Durrer

     

    Gemäss einer im Juli 2004 veröffentlichen Studie hat nur etwas mehr als die Hälfte der über 17 000 befragten US-Amerikaner in den vergangenen zwölf Monaten ein Buch gelesen. Besonders stark nachgelassen hat offenbar das Lesen von Literatur. Demnach sank die Zahl der Leser von Romanen, Kurzgeschichten und Gedichten seit 1982 um insgesamt 10 Prozent auf 46,7 Prozent der Bevölkerung. Und was ist daraus zu schliessen? Dass statt zum Buch vielmehr zur Fernbedienung gegriffen werde: Der Fernsehkonsum der Büchermuffel ist laut Studie wesentlich höher als der der Literaturliebhaber.

    Das erstaunt nicht, sagt sich da der sich belesen wähnende Mitteleuropäer, dass die Amis ständig vor der Kiste sitzen, weiss doch schliesslich jeder. Doch ist der Europäer da eigentlich anders? Mal angenommen, letzterer läse mehr, was wäre denn daraus zu folgern?

    Dass jemand Romane liest, sagt doch so recht eigentlich höchstens dies: dass jemand Romane liest. Ob diese gut oder schlecht (und wer soll das schon endgültig entscheiden?), anspruchsvoll (ohne Literaturstudium nicht zu verstehen?), ja möglicherweise wegweisend (für wen?) sind, wissen wir deswegen ja noch lange nicht.

    Doch wie will man eigentlich prüfen, ob jemand auch wirklich Romane liest? Oder ob dieser jemand, vielleicht weil er glaubt, damit einen guten Eindruck machen zu können, dies einfach behauptet?

    Dass Lesen bilde, nimmt man gemeinhin an, doch daraus zu schliessen, Lesen sei deswegen grundsätzlich positiv (und dies ist, was Studien über das Leseverhalten meist stillschweigend implizieren) zu bewerten, scheint denn doch etwas weit hergeholt. Die meist gekauften Bücher in den USA sind religiös inspirierte Schmöker, die den Weltuntergang prophezeien; und ein Blick auf europäische Bestsellerlisten legt auch nicht gerade den Schluss nahe, dass beim Buchkauf der Bildungshunger den Ausschlag gegeben hat. Zugegeben, wir wissen nicht, ob was gekauft auch gelesen, ob es beim Hineinlesen, beim darin Herumblättern geblieben ist. Übrigens: wer sich wundert, dass auf Listen der erfolgreich verkauften Bücher auch regelmässig Memoiren von Politikern auftauchen – das hat hauptsächlich damit zu tun, dass sie sich bestens als Geschenke (man zeigt sich als interessierten Zeitgenossen) eignen.

    Doch nehmen wir ein Werk, über dessen Qualität man nicht zu streiten braucht, Goethes Wahlverwandtschaften, ein Meisterwerk also, eines, das man ganz langsam lesen sollte, auf dass einem möglichst wenig entgehen möge, weil man darin so Sätze findet wie „Sie war bewegt, verletzt, verdriesslich; sie konnte das Alte nicht fahren lassen, das Neue nicht ganz abweisen; aber entschlossen wie sie war, stellte sie sogleich die Arbeit ein und nahm sich Zeit, die Sache zu bedenken und bei sich reif werden zu lassen.“ Lernt man da was, bildet man sich da? Klar doch, wenn man denn will. Doch muss es denn immer Literatur, Goethe und Mann, der Thomas, sein? Kann man denn nicht auch aus Krimis lernen? Sicher, dies hier zum Beispiel: „Warum ein ganzes Leben damit verbringen, dem Glück hinterherzujagen, wenn das einzige unverfälschte Glücksgefühl, das du je erleben wirst, flüchtig ist, beiläufig: eine Dusche nach einem heissen Tag; eine Zigarette, die so verdammt gut schmeckt, dass du glaubst, endlich zu heiterer Gelassenheit gefunden zu haben. Einen Augenblick zumindest.“ (Douglas Kennedy: Die Falle).

    Und was schliessen wir daraus? Lesen kann bilden, aus Büchern kann man lernen, dass Bücherlesen grundsätzlich positiv zu bewerten sei, ist deswegen noch lange nicht gesagt.

    Hans Durrer





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