TITEL kulturmagazin
Mittwoch, 03. September 2014 | 08:57

Arno Schmidt: Zettels Traum

14.02.2004

 




ZETTELS TRAUM ist ein Buch fürs Leben



 

Als ZETTELS TRAUM 1970 zum erstenmal erschien, war der Roman - oder was immer das für eine Art Buch war - die Sensation der Literatursaison: Riesenbuch, Buch der Bücher, Schmidt - der Außenseiter der Außenseiter! Kritik und Leserschaft überschlugen sich mit ihren Kommentaren, Berliner Studenten erstellten einen Raubdruck - wohl etwas Einmaliges in der Geschichte der deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts - und ein Werk, dem Arno Schmidt (1914 - 1979) selber höchstens 300 bis 400 echte Leser zugetraut hatte, wurde zum aktuellen Renner und ist - nicht zuletzt dank der Umtriebigkeit der im kleinen Bargfeld (Schmidts Rückzugsort aus der modernen Gesellschaft) angesiedelten Arno-Schmidt-Gesellschaft, die mit dem Bargefelder Boten regelmäßig Neues zum ungeheuren Werk Arno Schmidts zutage fördert, bis heute nicht vergessen worden - im Gegenteil, wie man jetzt mit dieser Sonderausgabe anlässlich des 50. Verlagsjubiläums des in Frankfurt am Main tätigen S. Fischer Verlags wieder sieht.

Warum besitze ich das Buch erst seit ein paar Tagen, obwohl es schon seit über 30 Jahren auf dem Markt und seit 20 Jahren auf meiner Wunschliste ist? Ganz einfach - die reguläre Ausgabe ist ziemlich teuer, 200 Euro oder mehr, und obwohl ich Arno Schmidt sehr schätze - sein Roman DAS STEINERNE HERZ ist eines meiner Lieblingsbücher - hat er bei mir doch nicht den Stellenwert eines Rolf Dieter Brinkmann, für dessen Erstausgaben ich durchaus bereit bin, ähnliche Summen wie die eben genannte auf den Tisch des Antiquars zu blättern.

Seit vielen Jahren allerdings lese und blättere ich immer wieder in diesem DIN A 3 großen und 1334 Seiten dicken Wälzer Zettels Traum (und hier über meinem Schreibtisch hängt ein Action Painting bestehend aus zahllosen Zetteln und Farben mit dem gleichen Titel) - in Bibliotheken, bei Freunden oder auch in Buchhandlungen, wo es gelegentlich zu finden ist. So habe ich schon seit Jahren einen recht guten Eindruck von dem, was ich nun - endlich - seit ein paar Tagen richtig erleben darf, und dieses Werk fesselt und berauscht mich derart, dass ich zur Zeit an nichts anderes mehr denken kann:

obwohl die "Handlung" dieses mehrere Kilo schweren Schinkens von lediglich vier Personen getragen wird - dem hochgebildeten (kauzigen und höchst sarkastischen) 55jährigen Gastgeber Daniel Pagenstecher (Schriftsteller, Übersetzer, Bücherwurm) und dem befreundeten Ehepaar Wilma und Paul Jacobi sowie deren 16jähriger Tochter Franziska, die sich in Pagenstecher verliebt und ihm eindeutige Avancen macht, auf die dieser allerdings letztlich aus Versagensangst nicht eingeht - und die Geschichte nur einen einzigen Tag andauert und...

obwohl dieses Buch - das in normalem Druck einem Buch von 5000 Seiten entsprechen würde - in erster Linie aus einem in unendlich viele literarischen, psychologischen (psychoanalytischen), esoterischen, soziologischen (...) Richtungen und Nischen mäandrierenden, mit Assoziationen, Erinnerungen, Querbezügen und (Poe-)Zitaten aller Art gespickten Monologs des Gastgebers besteht - das alles nicht etwa sauber abgetippt oder gar gedruckt, sondern als ein mit allen Berichtigungen (und total nonkonformistischem Umgang mit Rechtschreibung und Zeichensetzung) als photomechanisch reproduziertes Faksimile des von Schmidt auf einer übergroßen Schreibmaschine getippten dreispaltigen (!) Originalmanuskripts.

Denn trotz all der soeben beschriebenen Fakten ist ZETTELS TRAUM (der Titel geht u.a. auf die Tatsache von 120.000 (!) Zetteln, die Schmidt während der Niederschrift anlegte sowie auf Shakespeares Sommernachtstraum zurück) auch ein außerordentlich spannendes und sinnliches Buch, in dem es auf beinahe jeder Seite "knistert" - von Anfang an wird gestritten und geflirtet auf Teufel komm raus: Pagenstecher glaubt nämlich zu Freuds Theorie des Ich, Es und Über-Ich eine vierte - pornographische (?!) Dimension herausgefunden zu haben, gegen die sich Wilma (die ihre Tochter offenbar noch vor den facts of life schützen will), aber auch Paul zunächst heftig zur Wehr setzen, würde doch der idealisierte (und von ihnen zu übersetzende) Edgar Allen Poe plötzlich zu einem ziemlich verschweinten Literaten - wenn nämlich ein harmloses Wort wie PEN auch als PENIS, GENIAL als GENITAL oder FOUQUÉ als *****É und schließlich ALS ***** gelesen werden kann (das Hin- und Herspringen zwischen deutscher, französischer und englischer Sprache gehört eben auch den Idiosynkrasien dieser offenbar an Arno Schmidt selbst orientierten Hauptperson). (Insgesamt werden Tausende von Beispielen in dieser pornographischen Richtung gebracht. Rolf Dieter Brinkmann berühmte Wortschöpfungen Viehlologie und Ziviehilsation oder seine mehrspaltige Schreibweise in seinen Materialienbänden gehen gewiss auf den Einfluss seiner Lektüre von ZETTELS TRAUM zurück, in dem ich bereits auf den ersten Seiten die Randnotiz phil - viehl finde.)

Es ist für mich als Leser von bislang gut 8000 Bänden Prosa und Lyrik die bei weitem größte Herausforderung, der ich mich nun in der nächsten Zeit zu stellen habe. DER MANN OHNE EIGENSCHAFTEN von Robert Musil, ULYSSES von James Joyce oder FLUSS OHNE UFER von Hans Henny Jahnn (um nur einige wenige zu benennen) sind bereits monumentale Bücher, an denen mancher Leser gescheitert ist - aber ZETTELS TRAUM sprengt nun wegen seiner gigantischen Ausmaße allein buchstäblich alle Dimensionen - ganz zu schweigen von der strukturellen Komplexität des Romans.

Auch wenn Sie jetzt bereits jetzt sicher sein sollten, sich dieses Buch nicht anzuschaffen (obwohl der Preis für die solide verarbeitete "Taschenbuch"-Sonderausgabe ja sehr verführerisch ist): Schauen Sie es sich wenigstens einmal an, blättern Sie darin, denn allein das ist schon ein Erlebnis.

Ich glaube übrigens nicht, dass ich das Buch in einem durchlesen werde. ZETTELS TRAUM ist ein Buch fürs Leben.

Theo Breuer



Arno Schmidt: Zettels Traum
Roman. ¤ 58,-
S. Fischer Verlag 2002. Einmalige Sonderausgabe 2002
ISBN 3596505607

Wir sind umgezogen!

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

 

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